Hertha BSC

„Jüngere Spieler werden heute eher verheizt“

Der frühere Hertha-Profi Sofian Chahed hat viele Aufs und Abs erlebt. Nun gibt er seine Erfahrung an seinen Cousin weiter.

Sofian Chahed (r.) trainiert seit vorigem Jahre Herthas U16. Sein Cousin Tarek hat Berlin 2013 verlassen und sucht seither sein Glück in Magdeburg

Sofian Chahed (r.) trainiert seit vorigem Jahre Herthas U16. Sein Cousin Tarek hat Berlin 2013 verlassen und sucht seither sein Glück in Magdeburg

Foto: Amin Akhtar

Berlin.  Der Interview-Ort ist bewusst gewählt. Ein Café in Zehlendorf, möglichst nah am Wohnort von Tarek Chahed. Nach einer Knieverletzung läuft der 21-Jährige an Krücken. Für seinen Klub, den Drittligisten 1. FC Magdeburg, wird er vermutlich erst im April wieder spielen können. Harte Zeiten für einen aufstrebenden Profi. Umso wichtiger sind die Tipps von Cousin Sofian (34), der in einer wechselhaften Karriere 152 Bundesligaspiele für Hertha und Hannover bestritt. Bei Minztee und Eiern Benedikt beginnt ein Gespräch über Arbeitsethos, gute Karriereplanung und das nötige Quäntchen Glück auf dem Weg zum Erfolg.

Sofian Chahed, wenn Sie Ihren Cousin so sehen mit der Verletzung, werden da gleich wieder Erinnerungen an die eigene Karriere wach?

Sofian Chahed: Verletzungen sind leider Teil des Geschäfts, das habe ich selber erfahren müssen. Aber man kann tatsächlich gestärkt aus ihnen hervorgehen, das ist nicht nur so dahingesagt. Auch diese positive Erfahrung habe ich gemacht. Diesen Mut versuche ich Tarek nun zu vermitteln.

Tarek Chahed: So was zu hören, hilft. Ich hatte bisher noch keine schwere Verletzung und muss erst lernen, damit umzugehen. Geduld ist jetzt wichtig, davon hat man als junger Spieler nicht immer so viel. Aber ich höre auf seinen Rat.

Nicht alle jungen Fußballer sind in der glücklichen Situation, einen Cousin zu haben, der das alles schon mal erlebt hat.

Tarek Chahed: Ich weiß, das ist ein Glücksfall. Sofian kümmert sich um mich, er berät mich, ohne mein Berater zu sein. Er kennt das Geschäft und weiß, worauf ich achten muss. Jeder kann einen aufbauen, aber wenn er etwas sagt, ist das noch mal was anderes, weil ich ja weiß, dass er alles schon erlebt hat.

Sofian Chahed: Tarek ist sehr klar im Kopf und nimmt vieles an. Ich schaue jedes Spiel von ihm. Entweder live im Stadion oder im Fernsehen beziehungsweise per Stream am Laptop. Mehrmals pro Woche telefonieren wir. So bin ich immer auf dem Laufenden.

Welchen Rat haben Sie Tarek zuletzt gegeben?

Sofian Chahed: Jetzt ging es natürlich um die Verletzung und dass er den Kopf oben behalten muss. Niemand möchte so lange ausfallen, aber es ist auch nicht das Ende der Welt. Nur ist es wichtig, in der Reha hart zu arbeiten. Je intensiver er das tut, umso stärker wird er zurückkommen.

Wen hatten Sie, der Ihnen solche Ratschläge erteilte, als Sie am Anfang Ihrer Karriere standen?

Sofian Chahed: Ich habe immer versucht, mir viel abzuschauen von meinen Mitspielern. Als ich das erste Mal etwas länger verletzt war, gab es einen aus der Profimannschaft, der machte mit mir zur gleichen Zeit Reha. Ivica Olic war das, damals noch als ganz junger Kerl. Wie der sich geschunden hat, war beeindruckend. Jeden Tag, fünf, sechs Stunden. Wenn ich kam, war er längst schon an den Gewichten und klatschnass geschwitzt. Dieser Fleiß hat ihn zum FC Bayern geführt und in die Nationalmannschaft. Er hat sich eine große Karriere erarbeitet. Talent allein reicht nicht.

Provokant gefragt: Haben Sie dann im Umkehrschluss nicht hart genug gearbeitet? Spätestens nach Ihrem Siegtreffer im B-Jungendfinale gegen den FC Bayern im Jahr 2000 galten Sie als großes Talent. Warum hat es dann nicht für die ganz erfolgreiche, ganz lange Karriere gereicht?

Sofian Chahed: Leider waren Verletzungen ein ständiger Begleiter. Glück gehört auch dazu. Du brauchst Trainer, die auf dich setzen, eine Spielausrichtung, die zu dir passt. Viele kleine Rädchen müssen ineinander greifen. Wenn nur einige Dinge nicht im Gleichgewicht sind, kann deine Laufbahn schnell in eine andere Richtung geraten.

Tarek Chahed: Für mich war es als kleiner Junge immer aufregend, meinen Cousin im Stadion zu sehen. Mein eigener Cousin in der Bundesliga, das war was ganz Großes. Sofian war mein Vorbild. Für mich ist es immer noch beeindruckend, was er erreicht hat.

Sie galten im Gegensatz zu Ihrem Cousin nie als großes Talent. Konnte Sofian Sie nie bei Hertha BSC unterbringen?

Tarek Chahed: Ich habe bei Hertha Zehlendorf angefangen. Dort wurde ich dann irgendwann aussortiert, mit der Begründung, es würde einfach nicht reichen. Danach wollte ich erst mal nur Spaß haben und bin zum Berliner SC. An Hertha war für mich gar nicht zu denken. Plötzlich kam das Angebot aus Magdeburg. Nach einem Probetraining wollten die mich tatsächlich haben, und so bin ich früh weggegangen aus Berlin.

Was hat Sofian dazu gesagt?

Tarek Chahed: Dass ich es versuchen soll. Magdeburg ist ein Verein mit viel Tradition und einfach eine gute Adresse. Ich wusste, das ist die Chance für mich.

Sofian Chahed: Es gibt nicht nur die eine Meinung im Fußball. Vielleicht war er auch einfach noch nicht so weit in Zehlendorf. Gerade junge Spieler können innerhalb weniger Monate leistungsmäßig explodieren. Man darf nur nie den Mut verlieren. Es gibt immer wieder Beispiele von Spielern, die zu früh abgeschrieben werden und trotzdem eine große Karriere hinlegen.

Wann kam Ihnen in den Sinn, dass es Ihr jüngerer Cousin auch in den Profifußball schaffen könnte?

Sofian Chahed: Das war während eines A-Jugendspiels hier in Berlin, ich glaube gegen Tennis Borussia. Tarek war Kapitän und die bestimmende Figur seiner Mannschaft. Er ist vorangegangen, auch verbal und hat angedeutet, dass er das Zeug für mehr hat. Später ist er als einziger seines Jahrgangs in die Männermannschaft gekommen.

Es heißt, früher sei es für Jugendspieler bei den Männern deutlich unangenehmer gewesen. Können Sie das bestätigen?

Sofian Chahed: Zu meiner Zeit musstest du nicht nur sportlich überzeugen. Die Älteren wollten dich auch testen. Wie reagiert er auf Härte? Wie auf Konflikte? Da war es wieder ganz wichtig, den Kopf oben zu behalten und sich nichts anmerken zu lassen.

Tarek Chahed: Bei uns wird keiner mehr weggemäht, aber natürlich schauen die Etablierten auch, dass sie ihren Platz verteidigen. Als Junger wird dir nichts geschenkt. Generell setzen viele Vereine stärker auf die Jugend, man kommt leichter in die erste Mannschaft. Aber man ist auch schneller wieder raus.

Sofian Chahed: Für jüngere Spieler besteht heute die Gefahr, eher verheizt zu werden. Sie kommen früher zu Einsätzen, werden aber auch früher wieder fallen gelassen. Zu meiner Zeit galt man mit 22 oder 23 noch als Talent. Wenn du in dem Alter heute nicht etabliert bist, kannst du es eigentlich vergessen.

Sofian, Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere mit Sebastian Deisler zusammen gespielt, dem zu dieser Zeit größten Talent im deutschen Fußball. Deisler hatte sehr feinfühlige Antennen, all die Nebengeräusche des Profifußballs haben ihn krank werden lassen. Müssen Jungs wie Tarek heute ein extra dickes Fell haben, um zu bestehen?

Sofian Chahed: Bei all den Nebensächlichkeiten musst du dir deinen Spaß am Spiel bewahren. Ohne dem geht nichts. Erinnern Sie sich, mit welcher Leidenschaft Bastian Schweinsteiger im WM-Finale aufgetreten ist? Das funktioniert nur mit purer Leidenschaft. Ansonsten darf man viele Dinge nicht zu dicht an sich heran lassen. Pauschal gesagt: Auf die eigene Leistung konzentrieren, alles andere muss einem auf deutsch gesagt am Arsch vorbei gehen.

Tarek, vor der Verletzung lief es für Sie nicht allzu gut. Wie haben Sie ihr erstes Karrieretief erlebt?

Tarek Chahed: Vergangene Saison war ich Stammspieler und habe viele Minuten bekommen. Im Sommer kamen dann viele Neue, unter anderem auch auf meiner Position. Mein Konkurrent bekam den Vorzug und hat seine Chance genutzt. Er hat getroffen und ich war hinten dran. Das war nicht einfach für mich, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass ich gar nicht so viel anders gemacht habe als zuvor. In dieser Zeit habe ich viel mit Sofian gesprochen.

Sofian Chahed: Auch das gehört dazu. Der Konkurrenzkampf ist überall groß und manchmal entscheiden nur Nuancen. Gerade da darfst du nicht nicht hängen oder von der eigenen Situation runter ziehen lassen. Klar, dass klingt wieder einfach aber man muss dann funktionieren wie eine Maschine. Irgendwann bekommst du wieder deine Chance und musst genau in diesem Moment zeigen, dass auf dich Verlass ist.

Im Sommer hieß es noch, einige Bundesligisten hätten an Ihnen Interesse und plötzlich sind Sie nur noch Ersatz bei einem Drittligisten. Haben Sie Ihr Bleiben nicht schon bereut?

Tarek Chahed: Nein, Magdeburg ist der ideale Ort für mich, um mich weiter zu entwickeln. Ich hatte mich mit den angeblichen Angeboten auch gar nicht beschäftigt.

Warum wollten Sie es nicht in der Bundesliga versuchen?

Tarek Chahed: Die Bundesliga ist mein Traum und natürlich möchte ich dort irgendwann einmal spielen. Aber ich denke, in Magdeburg bin ich gerade am Besten aufgehoben.

Sofian Chahed: Es ist wichtig für Tarek, seine Leistung aus dem Vorjahr zu bestätigen. Viele legen mal eine gute Saison hin, aber dann musst du zeigen, dass du es immer wieder abrufen kannst. Zu einer guten Karriereplanung gehört auch, keine voreiligen oder verfrühten Schritte zu machen.

Sie beide sind nicht die einzigen Sportler der Chahed-Familie. Sofians Schwestern waren Schwimmerinnen. Lernt man dadurch die Annehmlichkeiten des Profifußballs noch mehr zu schätzen?

Sofian Chahed: Was meine Schwestern leisten mussten und wie wenig sie dafür bekommen haben, steht in keinem Verhältnis zu meinem Sport. Um sechs Uhr in der Früh ins kalte Wasser, dann Schule, wieder Training, wieder Schule und abends noch mal Training. Wir Fußballer sind dagegen privilegiert.

Tarek Chahed: Sehe ich genau so.

Waren Ihren Schwestern nie neidisch?

Sofian Chahed: Nein, sie haben ja auch gesehen, welche Entbehrungen ich hatte. Am Wochenende immer unterwegs, keine Parties, kaum Freunde treffen. Immer Training und spielen. Aber wie gesagt, mit ihnen wollte ich ganz sicher nicht tauschen.