Ibisevic und Selke

Herthas Angriff ist ein Fall für zwei

Vedad Ibisevic und Davie Selke finden immer besser zusammen. Warum sie so gut harmonieren – und wie sie Hertha unberechenbar machen.

 Davie Selke (l.) kann in dieser Saison vier Pflichtspieltore und drei Vorlagen vorweisen. Vedad Ibisevic kommt auf fünf Treffer und drei Assists

Davie Selke (l.) kann in dieser Saison vier Pflichtspieltore und drei Vorlagen vorweisen. Vedad Ibisevic kommt auf fünf Treffer und drei Assists

Foto: Jan Huebner / imago/Jan Huebner

Berlin.  Im beruflichen Zusammenleben von zwei Stürmern verhält es sich ganz ähnlich wie in einer gut funktionierenden Beziehung. Solange jeder dem anderen seinen Freiraum lässt, können alle Seiten davon profitieren. Ein großes Geheimnis gibt es nicht. Nur so viel: „Wichtig ist, dass man ganz viel kommuniziert.“ Die Worte stammen von Vedad Ibisevic, der gerade dabei ist, Teil einer solchen Beziehung zu werden, von der nicht nur er und sein sportlicher Partner Davie Selke ihren Nutzen haben, sondern auch der gemeinsame Arbeitgeber Hertha BSC.

Am Sonntag waren sie die Protagonisten des 2:0-Auswärtssieges der Berliner beim 1. FC Köln. Ibisevic schoss beide Tore, Selke leistete jeweils die Vorarbeit. Von der Kölner Abwehr waren die Zwei nicht zu bremsen.

Kritiker widerlegt

Für die Berliner Verantwortlichen um Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz dürfte die jüngste Entwicklung Geschenk und Segen sein, schließlich besteht eine der aktuell dringlichsten Aufgaben darin, beide gemeinsam auf den Platz zu bekommen, ohne dass ein negativer Einfluss auf die Statik der Mannschaft entsteht. Jene hatte ihre sportlichen Höhepunkte in der Vergangenheit im 4-2-3-1-System erlebt. Dass diese Grundordnung mit einem Stürmer aber kaum noch auf Dauer aufrechtzuerhalten ist, zeigte sich in den vergangenen Wochen. Selke (22), Herthas teuerster Einkauf der Klubgeschichte (8,5 Millionen Euro) ist nach seiner Verletzung wieder fit und trifft regelmäßig. Zeitgleich hat auch Ibisevic (33) seine Torflaute überwunden.

Dass beide Spieler Tore schießen können, war den Entscheidern bei Hertha vorher bewusst. Die große Frage war nur, ob sie es auch gemeinsam können. Beide sind klassische Mittelstürmer, die sich ganz vorn am wohlsten fühlen. Nach dem zweiten gemeinsamen Startelfeinsatz von Selke und Ibisevic sagt Pal Dardai: „Sie passen gut zusammen. Es funktioniert.“ Was laut Herthas Trainer auch daran liegt, dass sie sich zwar ähnlich, aber keine komplett identischen Typen sind.

Jetzt gibt’s was auf die Ohren: Im Immerhertha-Podcast der Berliner Morgenpost sprechen die Hertha-Reporter Uwe Bremer und Jörn Lange über den Europa-League-Ausflug nach Bilbao und das Liga-Spiel beim 1. FC Köln. Die vierte Folge „Wachablösung bei ­Hertha“ dauert inklusive einer Minute Nachspielzeit 30 Minuten und ist online zu finden bei www.immerhertha.de

Der Routinier profitiert von der neuen Unterstützung

„Davie macht sehr viele Wege, ist sehr unangenehm und hat die Schnelligkeit zum Kontern. Vedad ist der Erfahrene“, so Dardai, der keine Zeit hatte, seine beiden Stürmer langsam aneinander zu gewöhnen. Selke fiel in den ersten zehn Wochen verletzt aus; Ibisevic weilte während der Länderspielpausen bei der bosnischen Nationalmannschaft. Völlig normal, dass sich manchmal noch Abstimmungsprobleme zwischen ihnen offenbaren. Vor dem ersten Tor, welches nach einer Ecke zustande kam, hätten sich beide fast umgerannt. „Wenn ein langer Ball kommt, geht man schon mal dieselben Wege. Wir sind nun mal beide Stürmer, wollen beide den Ball gewinnen. Dass man mal aufeinander rumsteht, lässt sich nicht ganz vermeiden“, sagt Selke.

Für seinen Sturmpartner Ibisevic sind solche Aktionen kein Problem: „Wir finden uns immer besser. Man muss lernen, miteinander zu spielen – Laufwege abgucken, sich anschauen, was wer gern macht.“ Der Bosnier war in der Vergangenheit oft auf sich allein gestellt im Berliner Angriff, was ihm vor allem in jüngerer Zeit nicht mehr allzu sehr behagte.

Die neue Konstellation befürwortet er. „Mit zwei Stürmern ist es anders, da ist mehr los im Strafraum, das macht es für den Gegner etwas schwieriger. Die beiden Innenverteidiger haben dann jeweils einen Mann. Uns macht das unberechenbarer“, sagt Ibisevic. Vor dem Anpfiff in Köln gab er seinem Mitstreiter noch ein paar Worte samt kumpelhaftem Griff in den Nacken mit auf den Weg, die Beziehung zwischen beiden scheint intakt.

Gesundes Verhältnis trotz intensiven Konkurrenzkampfs

Selke ist seit seiner Ankunft auffällig um Harmonie bemüht. Ibisevic lobte er in Interviews mehrfach für dessen Karriereleistung, nach dem Sieg in Köln gratulierte er seinem Angriffskollegen via Instagram zu dessen zwei Toren. Den angriffslustigen Jungen, der den alten Platzhirsch aus seinem Revier treiben möchte, will er nicht geben, obwohl auch für ihn viel auf dem Spiel steht in Berlin.

Nach dem missglückten Aufenthalt bei RB Leipzig geht es für Selke darum, seine Karriere wieder in die richtige Bahn zu bringen. Mit einer dauerhaften Reservistenrolle hinter dem Altmeister Ibisevic dürfte er sich kaum zufrieden geben.

Dessen Ehrgeiz ist immer noch ungebrochen. In Bilbao etwa musste Ibisevic auf der Bank Platz nehmen, was seiner Laune nicht gut tat. Dass beide immer von Beginn an auflaufen, ist aber keinesfalls sicher. Dardai betonte auch in Köln, Taktik und Personal vom Gegner abhängig machen zu wollen. Um atmosphärische Spannungen erst gar nicht aufkommen zu lassen wäre es am besten, Davie Selke und Vedad Ibisevic machen schon im nächsten Heimspiel am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr) einfach da weiter, wo sie in Köln aufgehört haben.