Am Montag hat es wieder Konjunktur: Ob es um das Olympiastadion geht oder die Satzung des Fußball-Bundesligisten – immer, wenn Veränderungen anstehen, tritt bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC jemand ans Mikro und begründet seine Haltung mit dem Verweis auf ­Tradition. Dem Worte nach handelt es sich dabei um das ­„hinüber geben“, ums Überliefern.

Die Schwierigkeiten mit dem Überliefern sind in der Realität am Beispiel des Hertha-Dampfers zu betrachten. So ist die „Hertha“ – 1886 als Fahrgastschiff erbaut und Namensgeber für den 1892 gegründeten Fußballverein – nach der Umsetzung auf dem Landweg aus einem Binnensee in den Hafen Wustermark keinen Meter gefahren. Weder gelang es, den 100-Tonnen-Dampfer wie angekündigt zum 125. ­Geburtstag am 25. Juli in den Museumshafen Berlin zu chauffieren. Auch das vorgesehene Anlegen am Tegeler See im Herbst war nicht zu realisieren. Nun haben die Macher des Projektes, Herthas Präsidium-Mitglieder Ingmar Pering und Christian Wolter, angekündigt, dass das Schiff Ende November, spätestens Anfang Dezember in ­Treptow festmachen soll.

Anlegeplatz in Treptow

Den Ankündigungen sind bisher viele Erklärungen gefolgt, wonach es viele Mächte gäbe, die dem Schiffsprojekt im Wege stünden. Zunächst haben die Macher sich über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht beschwert. Kenner der Materie haben sich gewundert, warum Pering und Wolter das Ziel, Geld für das Schiffsprojekt zu sammeln, in die aufwändige und schwer zu handhabende Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien und eines Wertpapier-Prospektes gossen. Dann waren die Macher erstaunt über die Anforderungen, die das Wasser-Schifffahrtsamt Berlin für die hiesigen Gewässer stellt. Mittlerweile scheinen sich beide Seiten besser zu verstehen, demnächst soll eine Schiffsprüfungsfahrt stattfinden.

Weiter taten sich die Macher über Monate schwer, mit den erforderlichen Genehmigungen für eine Liegeplatz in Berlin. Zudem raunten die neuen Schiffsbesitzer, Berliner Reeder würden die Konkurrenz durch einen Hertha-Dampfers verhindern wollen. Nun haben Pering und Wolter – mit Hilfe einer großen Berliner Reederei – die Anlegemöglichkeit in Treptow gefunden.

410.000 Euro statt erhoffter 1,46 Millionen

Dabei ist klar: Wenn der Hertha-Dampfer in Berlin festgemacht hat und wenn Petrus es gut meint mit dem Hertha-Dampfer und die Spree in diesem Winter nicht zufriert – dann beginnen die Herausforderungen erst. Erhofft hatten die Macher, über die Schiffs-Aktien im besten Fall 1,46 Millionen Euro einzusammeln. Tatsächlich jedoch kamen nur 410.000 Euro zusammen. Wer interessiert war, konnte maximal zwei Aktien (Stückpreis 399 Euro) erwerben. Dieser Betrag war für viele Fans zu hoch.

Andrerseits verhinderte die Festlegung auf 399 Euro, dass der eine oder andere betuchte Gönner eine höhere Summe entrichten konnte. Die 410.000 Euro sind zum Großteil ­aufgebraucht: Der Kaufpreis (200.000 Euro), dazu die Mehrwertsteuer. Die Kosten für die Überführung auf dem Landweg von Kyritz nach Wustermark (100.000 Euro) waren ebenso zu bezahlen wie kleinere Summen für die Beseitigung von Transportschäden und die Anschaffung eines Ortungssystems.

Niemand will „Hertha“ an Land

Jetzt, wo kaum noch Geld da ist: Wie sieht die Traditionspflege auf dem Hertha-Dampfer aus? Die günstigste Variante wäre, die „Hertha“ an Land aufzustellen. Kostet 25.000 Euro – aber ein Schiff an Land will eigentlich niemand. Folge 2 - Eine Halbzeit Gourmet-Podcast

Pering sagt, Ziel sei es, die Genehmigung für den Fahrschifffahrts­betrieb auf Berliner Gewässern zu erhalten. Das ist die teure Variante. Weil das Schiff zurückgebaut werden soll in den Zustand von 1926. Dafür muss es komplett auseinander- und wieder neu aufgebaut werden. Dieses Vorhaben kostet 700.000 Euro – Kenner sagen, vielleicht auch das doppelte. Schon denken die Macher laut über einen Freundes- und Gönner-Kreis nach. Ob sich dieses Ansinnen verträgt mit den Investoren, die Geld für die Schiffsaktie ausgegeben haben?

Tradition braucht nicht nur Zuneigung und Geschichtsbewusstsein. Geld ist wichtig. Sachkenntnis. Und Realitätssinn.