Bundesliga

Herthas Dilemma: Harmlos hoch drei

Hertha scheitert gegen Schalke erneut an der schwachen Offensive. Trainer Pal Dardai gibt sich selbstkritisch, doch es gibt Hoffnung.

Foto: Bernd König / imago/Bernd König

Berlin.  Pal Dardai sprach Tacheles. „Es gibt nichts schönzureden“, sagte Herthas Cheftrainer, als er nach dem klaren und verdienten 0:2 (0:0) gegen Schalke vor dem Mikrofon saß. Die Unzufriedenheit war dem Ungarn anzusehen, der maue Auftritt seiner Elf hinterließ in seinem Gesicht eine Mischung aus Enttäuschung und Ärger, aus Unverständnis auch. Von Groll auf seine Spieler jedoch kein Wort – stattdessen baute Dardai Satz für Satz eine verbale Mauer um sein Team, indem er den Fokus von der Mannschaft auf sich selbst lenkte.

„Schalke war einen Tick frischer und dynamischer“, analysierte der Trainer, und wenn sich so viele Spieler so langsam bewegen, auch in Gedanken, dann stimme etwas nicht. „Vielleicht“, so Dardai selbstkritisch, „habe ich in den letzten paar Tagen einen Fehler gemacht.“

Mit den „paar Tagen“ war die spärliche Vorbereitung gemeint. Insgesamt 14 Berliner Profis hatten sich ja in den Dienst ihrer Nationalteams begeben, Karim Rekik, Mathew Leckie oder Genki Haraguchi waren erst am Donnerstag wieder ins Training eingestiegen. Gewiss keine einfachen Bedingungen, und dennoch stellt sich die Frage, ob man als Trainer- und Betreuerteam eigentlich so viel falsch machen kann in dieser Situation – zumal die Themen Regeneration, Ernährung und Schlaf seit diesem Sommer weit oben stehen auf der Prioritätenliste.

Die Berliner laufen fünf Kilometer weniger als Schalke

Die physischen Parameter der Profis werden engmaschig überprüft, auch nach Trips zur Nationalelf. Ist die Erschöpfung zu groß, setzt Dardai auf Rotation. Der strapazierte Leckie, bislang Herthas bester Torschütze in dieser Saison, saß gegen Schalke zunächst auf der Bank.

Über die Gründe für die durchwachsene Leistung ließe sich also länger diskutieren. Die Symptome hingegen waren eindeutig: Läuferisch hechelte Hertha den Gästen sowohl qualitativ als auch quantitativ hinterher – insgesamt liefen die Berliner fast fünf Kilometer weniger als ihre Gegner. Eine Diskrepanz, die vor allem in der zu statischen Offensive entstand, denn abseits des Balles tat sich schlicht zu wenig.

Keine Läufe in den freien Raum, kaum Bewegung – wer auch immer den Ball am Fuß hatte, tat sich daher schwer, im letzten Spielfelddrittel eine Anspielstation zu finden. Die Folge: ein zu behäbiges Passspiel und viel zu viele Ballverluste. Hertha war für die gut sortierten Schalker leicht auszurechnen und kam im gesamten Spiel auf mickrige zwei Torschüsse.

Keinerlei Fortschritte im Kombinationsspiel

Von einem der Kernpunkte der Saisonvorbereitung, einem schnelleren Kombinationsspiel, war gegen Schalke erneut nichts zu sehen. Umso mehr waren die Berliner auf Einzelaktionen angewiesen, aber auch die blieben ohne durschlagenden Erfolg. Mitchell Weiser probierte es allzu oft mit dem Kopf durch die Wand, und Genki Haraguchi, der mit erstaunlich raffinierten Aktionen in die Partie gestartet war, flog noch vor der Pause mit Rot vom Platz (44. Minute).

Dass Hertha die Partie nicht gewinnen würde, war damit absehbar. Dass das Duell verloren ging, lag hingegen an zwei ungeschickten Defensivaktionen. Vladimir Darida verschuldete einen Elfmeter (54.), ehe Karim Rekik – in den vergangenen Wochen stets einer der Besten – sich vor dem 0:2 etwas schlafmützig den Ball stibitzen ließ (78.). Szenen, die man selten sieht bei den defensivstarken Berlinern.

Die Offensivschwäche ist hingegen fast die Regel. Auch bei den Niederlagen in Mainz und Östersund hatte Dardais Elf mit der eigenen Harmlosigkeit zu kämpfen. Das 2:2 gegen einen derangierten FC Bayern blieb in dieser Hinsicht ein einsamer Lichtblick.

Debütant Selke und Joker Lazaro mit guten Ansätzen

Immerhin: Mit den Jokern Davie Selke und Valentino Lazaro kamen gegen Schalke zwei Hoffnungsschimmer dazu. Beide deuteten in der zweiten Halbzeit an, dass sie den Angriff beleben können, fanden sich aber in einer undankbaren Rolle wieder: in Unterzahl gegen eine Mannschaft, die in dieser Spielzeit noch kein einziges Kontertor zugelassen hat.

Wunder sollte man von den beiden Sommerzugängen ohnehin nicht erwarten. „Sie müssen erstmal richtig rein kommen“, betont Dardai. Zeit ist jedoch genau das, was Hertha nicht hat. Wollen die Berliner in der Europa League die nächste Runde erreichen, müssen sie am Donnerstag (19 Uhr) in Lwiw gegen Lugansk tunlichst punkten.

In Liga und Pokal sind ebenfalls Siege benötigt, um die Saisonziele nicht zu gefährden. Bleibt zu hoffen, dass das Schalke-Spiel für Herthas Angriffsabteilung ein Weckruf war. Falls nicht, könnte es schon bald ein böses Erwachen geben.