Immer Hertha

Nachruf auf einen besonderen Hertha-Fan

Wie das Schicksal von Olaf „Datcheffe“ Lindner den Zusammenhalt beim Berliner Bundesligisten verändert hat.

Die Ostkurve im Berliner Olympiastadion. Hier war Olaf Lindner bekannt

Die Ostkurve im Berliner Olympiastadion. Hier war Olaf Lindner bekannt

Foto: Sport Moments/Gora / picture alliance / Sport Moments

Es war im Mai 2010, ein 1:3 gegen die Bayern im letzen Saisonspiel, als Olaf Lindner Abschied nahm: Hertha in der Bundesliga, das werde er, der ganz normale Fan, nicht mehr erleben. Unheilbar erkrankt an Knochen- und Nierenkrebs, hatte er die Prognose seiner Ärzte schon zu jenem Zeitpunkt um mehr als ein Jahr überlebt. Ein Irrtum, mehr als sieben Jahre kämpfte er noch gegen das Unvermeidliche, Anfang der Woche ist er verstorben. Mit nur 50 Jahren.

Die letzten Jahre, die er mit seiner Familie, mit Ehefrau Conny und den beiden Töchtern erlebte, waren extrem. Ein Leben im Gegensatz zur Hochglanz-Welt der Fußballprofis mit ihrer millionenfachen TV-Präsenz. Doch der Weg von Lindner, gelernter Bäckermeister, später Betreiber zweier Spätis, zeigt, dass der Profifußball viele Gesichter hat. Neben aller berechtigten Kritik an der finanziellen Entwicklung oder den kommerziellen Auswüchsen hat Fußball eine Kraft, die häufig nicht wahrgenommen wird. Eine verbindende Kraft, mit erstaunlichen Resultaten.

Mit der Zweitliga-Schale in die Kurve

Rückblende: Andre Mijatovic, im Mai 2011 Kapitän jener Hertha, die den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffte, hatte von Lindners Schicksal gehört und wartete an der Mittellinie. „Komm Olaf, du präsentierst den Fans die Schale.“ Lindner, den alle nur „Datcheffe“ nannten, wehrte ab. Nein, der Aufstieg sei das Werk der Mannschaft. Nun schaltete sich der damalige Trainer ein, Markus Babbel: „Natürlich gehst du in die Kurve, Olaf. Wenn du wüsstest, wie viel Kraft du uns gegeben hast in dieser Saison.“

Lindner war perplex. Er, der Todkranke? Lindner hatte, ohne es zu wissen, Hertha herausgefordert. Manager Michael Preetz ging es nicht anders als den meisten von uns: Wir sind nicht gut im Umgang mit Schwerkranken. Preetz musste sich überwinden – „Worüber soll ich denn sprechen?“ –, und dann ging’s. Ob Manager Preetz, Finanzchef Ingo Schiller, oder Co-Trainer Rainer Widmayer, Gespräche mit Lindner liefen meist so ab: Ein kurzer Abschnitt, wie es „Datcheffe“ geht, und ein sehr, sehr langer Abschnitt über Hertha – was los ist, wo es hakt, wohin es geht. Lindner durfte beim geheimen Abschlusstraining zuschauen, er wurde in die Kabine gebeten. Fabian Lustenberger rief an. Peter Niemeyer hielt Draht zu Lindner, selbst als er Hertha vor zwei Jahren verließ.

Kann in München jemand helfen?

Für die Familie war es schwer. Irgendwann brauchten Conny und die Töchter eine Auszeit – Urlaub in Österreich. Auf der Höhe von München kollabierte der VW-Bus – Totalschaden. Ein Rundruf in der Hertha-Community: Gibt es einen Hertha-Fan vor Ort, der helfen kann? Jup – der Retter sammelte das Trio nicht nur auf, sondern fuhr es nach Österreich. So wichtig die Tage in den Alpen waren: Wie kommt die Familie zurück nach Berlin? Ein anderer half: Ein Hertha-Geschäftsführer schickte ­seinen Privatwagen.

Lindner wollte nicht ­allen gefallen. Leute, die ihm nahestanden, sagen es so: Olaf konnte „ein echter Westberliner Knatterkopf“ sein, aber ein liebenswerter. Seit 1975 war er bei fast jedem Hertha-Heimspiel. Sein Herz schlug in der Ostkurve. Auch aus dieser Ecke gab es Unterstützung. Weil er nicht mehr zu den Partys kommen konnte, kamen Kumpels aus der ­Ostkurve: Und zele­brierten im Vorgarten der Lindners eine Pyro-Weihnachts­bescherung, von der im Stadtteil heute noch gesprochen wird. Ein andermal luden die Hardcore-Fans „Datcheffe“ ein, vorab die Choreografie zum Derby gegen Union in der Halle zu begutachten, wo sie entstanden war – ein echter Vertrauensbeweis.

Doch Lindner musste absagen, die Kraft reichte nicht. Also schauten am Abend zwei Buddys bei Lindner vorbei und zeigten ihm mehr als 100 Fotos von der Choreografie. Als er erfuhr, dass Lindner verstorben ist, sagte Peter Niemeyer, er sei dankbar, ihn gekannt zu haben. Er habe ihm gezeigt, was es heißt, eine Haltung zu haben und jeden Tag zu kämpfen. Für seine Beerdigung hat Lindner zwei Wünsche: „Bitte nicht zu traurig sein.“ Und: Er wird in einer ­blau-weißen Urne beigesetzt.