Fußball-Arena

4000 Euro pro Platz - Hertha nennt Zahlen zu Stadionplänen

Herthas Stadionmanager Klaus Teichert über die Baukosten. Und warum der Bundesligist weiter an der Option Brandenburg festhält.

Stolz auf 125 Jahre Tradition: Über die künftige Spielstätte will Hertha seine Zukunft sichern

Stolz auf 125 Jahre Tradition: Über die künftige Spielstätte will Hertha seine Zukunft sichern

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Ab 2025 will Hertha BSC in einer Fußball-Arena spielen. Um das Vorhaben voranzutreiben, hat der Bundesligist Klaus Teichert (63) engagiert. Der ist gelernter Tischler und studierter Architekt, war von 2006 bis 2009 Finanzstaatssekretär in Berlin. Seit Juli ist Teichert Geschäftsführer der Hertha BSC Stadion GmbH. Der Morgenpost stellt sich Teichert zum Interview:

Ein Umbau des Olympiastadions, ein Neubau im Olympiapark oder in Ludwigsfelde standen anfangs zur Diskussion. Ist die Option Brandenburg vom Tisch, nachdem auf der Mitgliederversammlung eine deutliche Mehrheit die Konzentration auf Berlin einforderte?

Klaus Teichert: Unsere bevorzugte Variante war immer, dass wir auf dem Olympiagelände spielen wollen. Das ist nach wie vor so. Wir hören aber auch, was hier in der Stadt übers Olympiastadion gesagt wird. Deshalb halten wir uns alle Optionen offen.

2018 findet im Olympiastadion die Leichtathletik-EM statt, für 2023 will man sich um die Staffel-WM bewerben. Für 2024 bewirbt sich der DFB für die EM. Als Laie sagt man sich: Im Olympiastadion gibt ­es keine Zeit für eine zweijährige Baustelle.

In der Vergangenheit waren einige Bewerbungen Berlins erfolgreich, aber nicht alle. Wir als Hertha BSC können nicht mal abwarten, welche Bewerbungen welchen Erfolg haben. Wir bleiben bei unserer Strategie: Wir wollen 2025 in einem reinen Fußballstadion spielen.

Es war zu lesen, dass in dem Doppelhaushalt von 2018 bis 2021 bisher für das Olympiastadion kein Euro vorgesehen ist. Ist damit die Option Stadion-Umbau hinfällig?

Die Beratungen beginnen erst. Ich habe das jahrelang gemacht und weiß: Es ist noch kein Haushalt so aus der parlamentarischen Beratung heraus gekommen, wie er herein gegangen ist.

Hertha will ein Fußball­stadion auch, um mit der Vermarktung mehr Geld einzunehmen. Wie soll das funktionieren bei einem Umbau, bei dem die Eigentumsverhältnisse mutmaßlich blieben wie bisher: das Land als Stadionbesitzer, ­Hertha als Mieter.

Wir sind dabei, Varianten für die Ausführung zu besprechen, aber noch weit weg davon, über Verträge zu entscheiden. Würde das Olympiastadion ein reines Fußballstadion, ergäben sich vielleicht andere Konstruktionen als die heute. Im Moment ist es zu früh, wir müssen erst einmal die Ausführungsvarianten herausarbeiten, Vor- und Nachteile gegenüberstellen, um eine ­fundierte Entscheidung zu treffen.

Hertha und das Land Berlin haben mit dem Olympiastadion seit Jahrzehnten miteinander zu tun. Manchmal hilft das Land, etwa wenn bei einem Abstieg die Miete gestundet wird. Manchmal trifft man sich vor Gericht, weil man sich gegenseitig verklagt. Wie sind so unterschiedliche Interessen ­zusammenzubringen?

Meine Aufgabe ist es, zu einer Entscheidung zu kommen, zu der wir sagen: Das ist für Hertha eine langfristige Lösung. Schaut man auf die Besucherzahlen im Olympiastadion: Das waren 1,2 Millionen im Vorjahr. Davon entfallen 850- oder 890.000 auf Hertha, der größte Teil kommt von uns. Ich gratuliere den Istaf-Organisatoren zu 42.000 Besuchern, eine tolle Resonanz – gleichzeitig muss man die Relation sehen. Sollte das Olympiastadion zu einem Fußballstadion umgebaut werden, könnten dort z.B. trotzdem Konzerte stattfinden.

Wann kommt die Schlüsselfrage auf den Tisch: Welche Variante wird wie teuer?

Im Moment kann niemand die Kosten genau beziffern. Mein Gefühl als Architekt und langjähriger Projektleiter großer Bauprojekten sagt mir: Dass die Kosten einer Neubau-Variante im Olympiapark oder eines Umbaus des Olympiastadion relativ dicht beieinander liegen werden. Das ist kein Kostenvoranschlag nach DIN 276, das ist mein Gefühl nach 30 Jahren Berufserfahrung.

… und die Variante Brandenburg?

Die Kosten pro Sitzplatz bei einem Neubau unterscheiden sich nicht so sehr. Es macht keinen so großen Unterschied, wo das Stadion steht.

In England heißt es, für 2000 Pfund pro Platz gibt es ein Low-Budget-Stadion, für 9000 Pfund eine Highend-Arena, wie die, in der Arsenal in London spielt.

Das Wesentliche ist die Ausstattung. Ich habe mir einige Projekte angeschaut, bei Chelsea, in Barcelona, auch in Finnland. Teilweise werden Stadien umgebaut für 500, 600 Millionen Euro. Es gibt Neubauten für 1,5 Milliarden. Das ist viel Geld. Wir in Berlin sind bescheiden, rechnen mit Kosten in der Größen­ordnung von 4000 Euro pro Sitzplatz.

4000 Euro mal 50.000 Plätze bedeutet über den Daumen gepeilt Kosten von 200 Millionen Euro. Wann wird es konkret?

Ein Bauprojekt folgt seiner eigenen Gesetzmäßigkeit. Der Umfang ist definiert. Es wird ein Anforderungsprofil entworfen. Dann entwickeln Architekten einen ersten Entwurf. Es folgt eine Kostenschätzung, dann ein Kostenvoranschlag, dann eine Kostenberechnung. Den Anfang müssen wir als Bauherr machen: Welche Ausstattung wollen wir? Bis Frühjahr 2018 haben wir ausdifferenziert: Wie sieht es mit dem Dach aus? Wie die technische Ausstattung? Da kann mal viel Geld ausgeben – oder eben nicht. Wir sind realistisch genug, dass wir keine Bäume in den Himmel wachsen lassen wollen.

Die Befürchtung vieler Fans ist: Dass die Plätze im Stadion zu teuer werden.

Ein wichtiger Punkt. Im Moment liegen wir beim Zuschauerschnitt in der Bundesliga auf Platz sieben. Bei der Auslastung liegt das Olympiastadion auf dem letzten Platz. Das macht etwas mit der Stimmung im Stadion. Wenn im Schnitt, sagen wir 47.500 Fans kommen, ist das Olympiastadion zu einem Drittel leer. Die gleiche Zuschauerzahl in einer 50.000er-Arena würde aber für eine ganz andere Atmosphäre sorgen.

Herthas Finanzchef Ingo Schiller argumentiert, dass bei einer geringeren Kapazität die Zuschauerzahl steigen wird, weil der Verknappungseffekt eintritt.

Das ist Volkswirtschaft. Jeder Stadionbesucher erzählt, statistisch betrachtet, neun Personen, was er am Wochenende erlebt hat. Wie berichtet er von einem Ausflug zu Hertha, wenn das Stadion zu einem Drittel leer ist? Und wie sehr schwärmt er, wenn ein Fußballstadion annähernd ausverkauft wäre. Die Stimmung trägt dazu bei, dass die Nachfrage größer wird. Und natürlich brauchen wir neben sportlichem auch betriebswirtschaftlichen Erfolg.

Der Traum vom eigenen Stadion …

… im Augenblick zahlen wir pro Saison etwas über fünf Millionen Euro Miete an die Olympiastadion GmbH. Würden wir im eigenen Stadion spielen, müssten wir unsere Finanzierung über einen Abschreibungszeitraum von 25 Jahren bedienen. Bei den gegenwärtigen Zinsmöglichkeiten, macht das auf der Belastungsseite keinen großen Unterschied, ob man Mieter oder Besitzer ist. Es macht aber einen großen Unterschied beim Spielbetrieb. Weil wir unseren Betrieb dann so organisieren können, wie er für uns gut ist. Im Moment ist es so, dass wir bei einem Samstag-Spiel das Stadion am Freitag übernehmen. Wir „möblieren“ es so, wie wir es brauchen. Und nach dem Spiel räumen wir alles wieder raus. Das würde alles entfallen.

Wie gelingt es, die Mitglieder von Hertha mitzunehmen?

Ich war bei der Mitgliederversammlung Ende Mai dabei. Das Stadionthema war ein sehr emotionales. Grundsätzlich wollen wir als Verein mit den Fans eine Kommunikation pflegen, in der wir sie überzeugen von den Vorteilen eines reinen Fußballstadions. Es geht auch nicht darum, englische Verhältnisse einzuführen. „Steil, nah, laut“ ist keine Phrase. Wir wollen ein Superspielerlebnis für die Fans bieten. Dafür sind wir unterwegs. Wenn wir das organisieren, bin ich sicher, dass Hertha noch mehr Leute ins Stadion ziehen wird.