Fan-Randale

Die Schande von Rostock

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Jörn Meyn

Hertha gewinnt das Pokalspiel bei Hansa Rostock, doch das Fehlverhalten einiger "Fans" auf der Tribüne führt fast zum Abbruch.

Es war befürchtet worden. Doch dass die Pokal-Partie zwischen dem Drittligisten FC Hansa Rostock und Hertha BSC im Ostseestadion derart in Gewalt versinken und am Rande des Abbruchs wandeln würde, das überstieg dann doch alle Vorstellungskraft. Ein Spiel, das live im Fernsehen übertragen wurde und ein Fest werden sollte, entpuppte sich als Schande für den Fußball und produzierte auf allen Seiten nur Verlierer – auch wenn Hertha durch die späten Treffer von U21-Europameister Mitchell Weiser (86. Minute) und Vedad Ibisevic (90+2.) mit 2:0 (0:0) gewann und in die zweite Runde einzog.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit flogen Raketen aus dem Hertha- in den Hansa-Block, es wurden Böller und Pyrotechnik gezündet, dass der Nebel noch lange über dem Ostseestadion hing. In der 76. Minute musste Schiedsrichter Robert Hartmann die Partie minutenlang unterbrechen und beide Teams in die Kabine schicken, nachdem sich die Fanlager mit Raketen und entflammten Gegenständen attackiert hatten. Eine Rakete flog sogar auf das Spielfeld. Rostocker Ultras hatten eine Hertha-Fahne angezündet.

Die Kapazität in der Arena wurde von 29.000 auf 24.000 Zuschauer gedrosselt

Danach brannten auch Sitzschalen, ohne das Ordner oder Polizei eingriffen. Dass nicht alle im Stadion zu den Verwirrten zu zählen waren, zeigte sich, als der Großteil des Rostocker Publikums mit Pfiffen reagierte und skandierte: „Und ihr wollt Hansa Rostock sein?“ Erst nach 18 Minuten ging es weiter. Nur Sekunden später aber flogen wieder Raketen aus dem Hertha-Block, dass man auf der Tribüne fassungslos zurückblieb. Das alles wird ein Nachspiel haben.

Es lag schon vor Anpfiff allerhand Nervosität über dieser Partie, die als Hochsicherheitsspiel eingestuft wurde. Vier Wasserwerfer standen vor dem Ostseestadion bereit. Die Kapazität in der Arena wurde von 29.000 auf 24.000 Zuschauer gedrosselt. All das sollte nicht helfen, um einen friedlichen Abend zu erleben.

Das Spiel war lange nicht die Aufregung wert. Herthas Trainer Pal Dardai, der immer noch von Finale im eigenen Stadion träumt, schickte die Elf auf den Rasen, die sich bei der Generalprobe gegen Galatasaray Istanbul (2:1) neulich als tauglich erwiesen hatte. Das bedeutete, dass erneut der Sprinter Alexander Esswein als umgeschulter Angreifer neben Kapitän Vedad Ibisevic wirbeln sollte. Nur, sie wurden lange nicht gefunden, und wenn sie den Ball doch mal hatten, fanden sie sich gegenseitig nicht.

Halbzeit zwei begann mit Böllern und Raketen aus dem Hertha-Block

Ein Schuss von Esswein, der fünf Meter daneben ging (28.), und ein Kopfball von Ibisevic, der fünf Meter über das Tor flog, mehr brachte Hertha in Halbzeit eins nicht zustande. Der FC Hansa, das Team vom Trainer-Wanderarbeiter Pavel Dotschev, hatte in den ersten drei von vier Drittliga-Partien kein einziges Gegentor kassiert und verfügt über eine überdurchschnittlich gute Defensive. Aber ein bisschen mehr Inspiration bei den Berlinern hätte es schon sein dürfen.

Halbzeit zwei begann mit Böllern und Raketen aus dem Hertha-Block, wo schon im ersten Durchgang Pyrotechnik gezündet wurde. Polizei marschierte auf. Erst mit zwei Minuten Verzögerung konnte das Spiel weitergehen. Die erste echte Chance hatte Salomon Kalou, aber sein Schuss aus 16 Metern strich knapp vorbei (54.). Doch plötzlich erwachte Dardais Team aus dem Sommerschlaf: Vladimir Darida traf den Pfosten nach einer Hereingabe des quirrligen Mitchell Weiser. Sekunden darauf lag Kalou quer in der Luft, aber seinen Seitfallzieher parierte Hansa-Keeper Janis Blaswich (63.).

Doch das wurde dann zur Nebensache: Raketen flogen, Sitze brandten. Nach 18 Minuten Unterbrechung fand Hertha das glücklichere Ende: Weiser kam im Strafraum an den Ball, zog aus 15 Metern ab und traf ins lange Eck (86.). In der Nachspielzeit vollendete Ibvisevic einen Konter zum Endstand.

Hertha zieht in die zweite Pokalrunde ein, kassiert 318.500 Euro. Der Gegner wird am 20. August ausgelost. Aber bis dahin gibt es allerhand Klärungsbedarf. Manager Michael Preetz stöhnte in der ARD: „Normalerweise freut man sich über den Einzug in die zweite Pokalrunde. Aber wir haben eine Menge Szenen gesehen, die kein Mensch im Fußballstadion sehen will.“