Es ist die Fantasie, die besondere Trainer von herkömmlichen unterscheidet. Die Fantasie, aus einem herkömmlichen Spieler einen besonderen machen zu können, indem man ihn umtopft auf eine Position, von welcher der Profi selbst noch nicht einmal weiß, dass sie seine perfekte ist.
Louis van Gaal erkannte einst beim FC Bayern, dass in Bastian Schweinsteiger kein Flügelspieler steckte, sondern ein herausragender Sechser. Pep Guardiola schulte Joshua Kimmich vom Mittelfeldmann zum Rechtsverteidiger um, als welcher er Nationalspieler wurde. Und es gibt noch Kevin Vogt, dessen Name weniger schillert, der aber als Hinweis darauf gelten darf, dass der 29 Jahre junge Hoffenheimer Julian Nagelsmann auf dem Weg ist, ein besonderer Trainer zu werden.
Vogt hat bis Sommer im defensiven Mittelfeld des 1. FC Köln gespielt. Manchmal saß er auch nur auf der Bank. Dennoch kaufte ihn Herthas Gegner am Freitag (20.30 Uhr, Olympiastadion), die TSG Hoffenheim, für 1,5 Millionen Euro. Bei den ersten Gesprächen erklärte Nagelsmann dem 25-Jährigen, dass er aus ihm einen anderen Spieler machen werde. Er sagte: „Ich will dir deine Stärken nicht nehmen. Du sollst sie nur eine Position weiter hinten ausspielen“, erzählt Vogt dieser Zeitung. Denn Nagelsmann hatte eine Idee, wie er aus einer Schießbude der Liga die aktuell zweitbeste Defensive formen wollte. Sie hieß Dreierkette, hatte Vogt im Zentrum und steht heute für einen echten Taktik-Wandel.
Guardiola und Conte belebten einst die Formation
Am vergangenen Spieltag liefen acht von 18 Teams mit einer Dreier-Abwehrkette auf. Neben Hoffenheim auch Frankfurt, Dortmund, Bremen, Augsburg, Freiburg, Ingolstadt und Leipzig. Bereits in dieser taktischen Formation gespielt haben auch Schalke, Gladbach und Köln. „Wir erleben einen neuen Trend“, sagt Tobias Escher. Der Taktik-Blogger (spielverlagerung.de) und Buchautor („Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs“) erklärt, dass die Idee der Dreierkette von Guardiola beim FC Barcelona und Antonio Conte bei Juventus Turin wiederbelebt wurde.
Wie in der Mode ist auch im Fußball vieles schon einmal da gewesen. Doch anders als die klassische Variante mit zwei Manndeckern und einem Libero à la Lothar Matthäus dahinter agieren heute drei Spieler auf einer Linie.
Bei gegnerischem Ballbesitz schieben sich zudem zwei Außenverteidiger in die Defensive zurück, sodass sich eine Fünferkette bildet. „Aber es gibt offensive und defensive Fünferketten“, sagt Escher. Den Tabellenvierten zeichne aus, dass er beides kann. Defensiv stabil stehen – nur der FC Bayern (13) hat weniger Gegentore kassiert als die Kraichgauer (25) – und offensiv Dynamik entwickeln. „Das Plus ist, dass sie starke Abwehrspieler haben, die nach vorn kreativ sind“, so Escher. Spieler wie Vogt. Zusammen mit Niklas Süle (1,95 Meter) und Benjamin Hübner (1,93 Meter) bildet er (1,94 Meter) den Abwehrwall der TSG, der auch in der Luft schwer zu überwinden ist.
Chile als Vorbild für die deutschen Nationalelf
Selbst bei der deutschen Nationalmannschaft ist die Dreierkette längst eine Option. Inspiriert durch die Nationalelf Chiles, die das System unter Trainer Marcelo Bielsa bei der WM 2010 und unter Jorge Sampaoli 2014 in Brasilien spielte, hat Joachim Löw die Variante einstudiert. Der Bundestrainer favorisiert sie aber nur gegen Teams mit zwei Angreifern wie beim EM-Viertelfinale gegen Italien 2016.
Trainer wollen mit der Dreierkette im Zentrum stets einen Mann mehr haben, so Escher. Dadurch sei es schwerer durchzukommen. Zudem habe man im Spielaufbau bessere Möglichkeiten, weil drei Verteidiger von den gegnerischen Stürmern schwer attackiert werden können. Überhaupt erzeuge man durch die Flügelspieler, die mal als Außenverteidiger und mal Außenstürmer auftreten, oft Überzahlsituationen. „Das bedeutet aber auch eine sehr hohe Anforderung an die Köpfe. Wenn wir nicht an einem Seil ziehen, funktioniert es nicht“, sagt Kevin Vogt.
Escher nennt Vogts Rolle „Libero 2.0“. Ein moderner Matthäus. Nagelsmann drückt es gegenüber dieser Zeitung so aus: „Er ist wie ein pendelnder Sechser, hat viele Ballaktionen, verteilt den Ball. Kevin hat einen guten Überblick und guten Offensivgeist.“ Fragt man Vogt danach, bringt er das Beispiel Juventus Turin, wo der Italiener Leonardo Bonucci die „Libero 2.0“-Rolle ausfüllt. „Juventus ist ein gutes Vorbild für uns und Bonucci ein überragender Verteidiger, von dem man sich etwas abschauen kann“, sagt Vogt.
Berlins Trainer Pal Dardai schließt das System aus
Hoffenheims nächster Gegner am Freitag ist Hertha. Der Berliner Trainer Pal Dardai schließt das System mit einer Dreierkette aktuell aus. „Dafür braucht man auch die richtigen Außenbahnspieler, und die haben wir nicht“, sagt der Ungar und verweist darauf, dass Herthas Viererkette auch erst fünf Gegentore mehr als Hoffenheim zugelassen hätte (30). Einen guten von einem schlechten Trainer unterscheidet, dass er das richtige System für seinen vorhandenen Kader findet.
Das sieht auch Nagelsmann so: „In unserem Fall passt die Dreierkette einfach gut zu unseren Spielern“, sagt der Hoffenheim-Coach und verschweigt, dass er mit Kevin Vogt auch erst einen Spieler dazu passend geformt hat.
Aber die Dreierkette ist auch überwindbar. Mit vielen hohen Diagonalbällen hinter die Abwehr zum Beispiel, sagt Escher, „oder indem man die Halbräume vor der Abwehr besetzt, um einen Verteidiger rauszuziehen“, so der Experte. Dadurch würden Räume entstehen, die man für Torgefahr nutzen könnte.
Taktik ist letztlich ein evolutionärer Prozess: Eine Idee folgt auf die andere. „Die Dreierkette als 5-3-2 ist jetzt eine Reaktion auf das 4-2-3-1-System, das eine Zeit lang fast alle Teams gespielt haben. Weil man das damit sehr gut tot stellen kann“, sagt Escher. Deshalb könne man nun auch nicht behaupten, dass der Dreierkette die Zukunft gehöre. „Irgendwann findet ein Trainer vielleicht ein System, mit dem man gut dagegen spielt“, sagt Tobias Escher. „Auch wenn ich mir im Moment nicht vorstellen kann, wie das aussehen sollte.“


