Vedad Ibisevic vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Auf Knien trauerte Herthas Kapitän in Leverkusen der Riesenchance zum 2:2 hinterher. Der eingewechselte Genki Haraguchi hatte den Ball zuvor flach in den Strafraum gebracht, doch Ibisevic traf aus sechs Metern nur Bayer-Torhüter Bernd Leno (73. Minute). Statt auszugleichen, blieben die Berliner in Durchgang zwei klar unterlegen und verloren nach Toren von Ömer Toprak (12. Minute), Hakan Calhanoglu (36./Handelfmeter, 88.) und Valentin Stocker (44.) mit 1:3 (1:2). „Das 2:2, das ich nicht gemacht habe, war die entscheidende Szene“, sagte Ibisevic, „es tut mir leid für die Mannschaft.“

Für Hertha beginnt das neue Fußballjahr also mit einer Enttäuschung. Aber: Sie hält sich in Grenzen. "Das ist kein Rückschlag", betonte Valentin Stocker - Champions-League-Starter Leverkusen habe schließlich eine "sehr gute Mannschaft. Wir müssen die Teams schlagen, die hinter uns stehen." Platz drei ist nun vorerst futsch. Die Berliner beenden die Hinrunde auf Rang fünf.

Hertha-Trainer Pal Dardai verzichtete in Leverkusen auf seinen zuverlässigsten Innenverteidiger. Für Sebastian Langkamp rückte Niklas Stark ins ­Abwehrzentrum, ins Zentrum des ­Geschehens jedoch zunächst ­dessen Nebenmann: John Brooks vergaloppierte sich bei einem Klärungsversuch und wusste sich außerhalb des Strafraums nur per Foul zu helfen. Die Ouvertüre einer kuriosen Szene: Den anschließenden Calhanoglu-Freistoß versuchte Stocker zu klären, traf dabei aber Mitspieler ­Marvin Plattenhardt. Im Gewusel ­reagierte Bayer-Verteidiger Toprak am schnellsten – 0:1 (12.).

Es fehlt an Ballsicherheit und Struktur

Hertha ließ sich vom Gegentreffer zwar nicht aus der Bahn werfen, tat sich danach aber schwer. Im Spielaufbau wollte wenig gelingen, es fehlte an Ballsicherheit und Struktur. Die erste große Chance entstand dann unter Leverkusener Mithilfe. Weil gleich zwei Bayer-Verteidiger wegrutschten, kam Ibisevic aus 17 Metern mutterseelenallein zum Abschluss, sein Schuss rauschte jedoch über die Querlatte (15.). Planvoller agierten auf der anderen Seite die Hausherren. Rückkehrer Karim Bellarabi schaltete nach schwacher Anfangsphase zunehmend auf Attacke, brach auf der rechten Seite durch und bediente Calhanoglu – vorbei (30.).

Fünf Minuten später setzte Julian Brandt den nächsten Nadelstich über rechts, und der tat Hertha richtig weh. Denn der Pass des Nationalspielers sprang erst an den Fuß des grätschenden Plattenhardt und von dort an dessen Arm. Schiedsrichter Tobias Stieler entschied fälschlicherweise auf Handelfmeter. „Ich kann meine Hände ja nicht in Luft auflösen“, sagte Plattenhardt, doch alles Protestieren nützten nichts. Calhanoglu verwandelte sicher zum 0:2 (36.). Keine Selbstverständlichkeit, schließlich hatte Bayer in der Liga zuletzt vier Elfmeter verschossen. Die Bayer-Fans unter den 26.904 ­Zuschauern atmeten auf. Dass Hertha trotzdem mit einer gesunden Portion Hoffnung in die Kabine gehen durfte, lag an den drei Akteuren, die bis dahin einen unglücklichen Tag erlebt hatten. Plattenhardt schlug den Ball bei einer Eckball-Variante vom rechten Strafraumeck auf Brooks, dessen wuchtigen Kopfball Bayer-Keeper Leno nur abklatschen konnte. Der sehr engagierte Kalou-Vertreter Stocker war zur Stelle und schob ein – der Anschluss (44.).

So unvermittelt sich die Berliner zurück ins Spiel katapultiert hatten, so schnell wäre es ihnen fast wieder entglitten. Durchgang zwei jedenfalls begann mit mächtig Dusel: Leverkusens Chicharito kam zu besten Abschlusschancen (46., 48.), verfehlte nur knapp. Als der Mexikaner sein Visier etwas feiner justiert hatte, rettete Plattenhardt auf der Linie (56.). Die Hausherren hatten zu diesem Zeitpunkt längst die Kontrolle übernommen. Hertha indes wirkte zu fahrig und unsortiert, fand in Abwesenheit von Salomon Kalou ­(Afrika-Cup) und Mitchell Weiser ­(verletzt) kaum Entlastung. Bis zur großen Chancen von Ibisevic, doch statt des Bosniers traf Calhanoglu nach Vorarbeit von Kevin Kampl zum 3:1-Endstand (88.).

„Ich bin nicht unzufrieden“, sagte Dardai, „die Mannschaft hat gut gearbeitet. Jetzt wissen wir, wo wir ­stehen.“ Die nächste Standortbestimmung folgt am Sonntag in Freiburg.