Bundesliga

Preetz warnt vor Zufriedenheit: Hertha hat Hunger auf mehr

Hertha hat in dieser Saison Fortschritte gemacht und steht zu Recht auf Platz drei. Die nächsten Herausforderungen warten jedoch schon

Pal Dardai (2.v.l.) bejubelt den erfolgreichen Jahresabschluss mit Niklas Stark, Peter Pekarik und Alexander Esswein (v.l.)

Pal Dardai (2.v.l.) bejubelt den erfolgreichen Jahresabschluss mit Niklas Stark, Peter Pekarik und Alexander Esswein (v.l.)

Foto: imago sportfotodienst / imago/Bernd König

Berlin.  Herthas Sieg gegen Darmstadt war in jeglicher Hinsicht ein wichtiger. „Wir freuen uns, dass wir nach zwei Niederlagen die richtige Antwort gegeben haben“, sagte Kapitän Vedad Ibisevic unmittelbar nach dem 2:0 (0:0) am Mittwochabend, und die Erleichterung war ihm anzusehen.

Etwas später, als der Adrenalinpegel wieder auf Normalniveau gesunken war, setzte Manager Michael Preetz die letzte Partie des Jahres aber auch in einen größeren Zusammenhang. Schließlich hatte der Terroranschlag am Breitscheidplatz den Berliner Bundesligisten genauso erschüttert wie den Rest der Stadt. „Eine Mannschaft wie Hertha kann ein Statement abgeben“, sagte Preetz. Und das tat sie. Zunächst mit einem Besuch am Anschlagsort, später mit der erfolgreichen Annäherung an den Alltag.

Zwei Tore, drei Punkte – so die nüchternen Fakten hinter dem denkwürdigen Abend im Olympiastadion, von dem nicht nur die besondere Atmosphäre in Erinnerung bleiben wird. Auch das sportliche Signal an die Konkurrenz wird noch länger nachhallen, mindestens bis zum Jahresauftakt am 22. Januar in Leverkusen. Sicher, auch im Vorjahr hatte Hertha schon auf Rang drei überwintert, doch während der überraschend starken Hinrunde 2015/16 noch der Verdacht der glücklichen Fügung anhaftete, haben die Berliner in den vergangenen 16 Spielen bewiesen, dass von Zufallserfolg keine Rede sein kann.

Deutliche mehr Gefahr von der Bank

„Wir haben uns spielerisch weiterentwickelt“, sagte Preetz, „wir sind flexibler geworden und haben nach vorne mehr Lösungen.“ Eine davon sind Standards. Dass Marvin Plattenhardt das Führungstor gegen Darmstadt mit einem perfekten Freistoß aus knapp 30 Metern gelang, passte ins Bild. Für Hertha war es bereits der siebte Treffer nach ruhenden Bällen (nur drei Teams waren besser). In der gesamten Vorsaison waren es elf. Zudem wurde die Abhängigkeit von den Stürmern reduziert. Die Mittelfeldspieler haben zum jetzigen Zeitpunkt zwölf Mal getroffen. Am Ende der vorangegangenen Spielzeit stand Herthas Mittelfeld bei 16 Toren.

Auch in der Breite haben sich die Berliner verbessert. „Wir haben verletzungsbedingte Ausfälle besser kompensieren können“, unterstrich Preetz. Egal ob Stürmer Salomon Kalou ausfiel oder Spielmacher Vladimir Darida – Hertha blieb bis auf Ausnahmen stabil. Gegen Darmstadt fehlten zum wiederholten Mal die Innenverteidiger Sebastian Langkamp und John Brooks. Ihren Job übernahmen Niklas Stark und Jens Hegeler, am Ende stand die Null.

Überhaupt die zweite Garde: Anders als im Vorjahr erweisen sich die Reservisten als echte Bereicherung. Schon fünf Mal trafen die Joker – der viertbeste Wert der Liga, und eine gewaltige Steigerung zur vorigen Saison (zwei Tore). Hertha hat seine Hausaufgaben erledigt.

Preetz warnt vor Zufriedenheit

Die großen Stärken wurden unterdessen beibehalten. Nach wie vor ist die defensive Stabilität ein Aushängeschild des Berliner Spiels, allen voran bei Kontern. Selbiges gilt für die Effizienz in der Offensive. Nur Darmstadt (152) gab weniger Torschüsse ab als Hertha (164), aber nur Borussia Dortmund benötigte genauso wenige Versuche für ein Erfolgserlebnis (sieben).

Das alles, sagte Ibisevic, sei ja wunderbar, heiße zur Winterpause aber „gar nix“. Preetz sah es ähnlich. „30 Punkte sind eine fantastische Zwischenbilanz“, sagte er, „aber nach der letzten Saison wissen wir, was zu tun ist.“ Nicht noch einmal will sich Hertha in der zweiten Saisonhälfte um die hervorragende Ausgangsposition bringen. Wie das gelingen soll? Dafür lieferte der Manager bereits ein paar Ansätze: „Wir dürfen keine Zufriedenheit zulassen“, sagte Preetz, „es gibt Möglichkeiten, um gegenzusteuern.“ Mehr Training zum Beispiel, oder härteres. Zu Ostern hatte Trainer Pal Dardai seinen Profis noch viereinhalb Tage frei gegeben.

Diesmal soll der Druck indes bewusst hochgehalten werden – auch durch ambitionierte Ziele. Die gab Dardai schon am Mittwochabend aus. In der Rückserie sollen es bitteschön noch einmal 30 Zähler sein. Gelingt das, spielt Hertha ab Sommer im Europapokal. Vorerst aber sollen über Weihnachten die Akkus wieder aufgeladen werden. Festessen mit den Familien, auch Trinken, wie Dardai sagte, „und danach wollen wir ausgehungert zurückkommen“.

Stürmer Salomon Kalou befeuert die Träume der Fans

Kalou, am Mittwoch Torschütze des 2:0, blickte derweil schon in die Zukunft: „Wir wollen beweisen, dass der dritte Platz letztes Jahr kein Glück war“, sagt der Ivorer, ehe er vielen Hertha-Anhängern aus der Seele sprach. Berlin sei eine große Stadt, die Spitzenfußball verdient habe – und das Team von 2016/17 sei das richtige, um Hertha weiter oben zu halten. Der Champions-League-Gewinner von 2012 hat oft genug erlebt, was im Fußball möglich ist.

Illusionen macht sich trotzdem niemand bei Hertha. „Einige der Arrivierten werden zurückkommen“, sagte Preetz mit Blick auf schwächelnde Topteams wie Schalke oder Mönchengladbach. Im Moment beträgt der Vorsprung auf diese Europapokalanwärter aber schon stattliche zwölf und 14 Punkte. Ein Grund mehr, weshalb Hertha mit großer Hoffnung ins neue Jahr gehen darf.