Die Weltuntergangsstimmung am Geißbockheim fiel aus. Am Dienstag der Vorwoche hatte sich Anthony Modeste bei einem Zweikampf mit Verteidiger Dominic Maroh verletzt, den drohenden Ausfall der Kölner Torfabrik für die Partie gegen Ingolstadt behandelten die örtlichen Boulevardmedien wie eine sportliche Apokalypse.
Doch weder Sintflut noch Erdbeben suchten die Domstadt heim: Modeste lief auf, erzielte beide Treffer zum 2:1 über den FCI – und wenig später war das größte Problem des Franzosen nun Cheftrainer Peter Stöger.
Beim Torschussduell einiger Kölner Spieler verhunzte der Coach aus Österreich, als Zuspieler eingesetzt, einen Pass auf Modeste dermaßen, dass der ehrgeizige Goalgetter den Ball neben das Tor drosch. Seinem Ärger über den eigenen Fehlschuss und die missratene Vorlage machte der 28-Jährige dann lautstark Luft. Und es klang, als stünde er nicht bei einer morgendlichen Übungseinheit im Kölner Grüngürtel, sondern schon beim nächsten Punktspiel im Berliner Olympiastadion (Sonnabend, 15.30 Uhr).
Auch Hertha war 2015 am Franzosen interessiert
Als sich im Frühjahr 2015 Modestes Abschied aus Hoffenheim andeutete, zählte Hertha BSC neben Wolfsburg, Hamburg und Frankfurt zu den Interessenten. Den Zuschlag bekamen letztlich die Kölner, die Ablösesumme von 4,5 Millionen Euro zahlte der Stürmer von Beginn an mit Toren zurück.
Beim 4:0 in der ersten Pokalrunde in Meppen traf Modeste gleich dreifach, nach den anschließenden Feierlichkeiten mit den Fans kreuzte er irgendwann ohne Trikot und ohne Sporthose in der FC-Kabine auf. Genau so einen Typen hatten sie sich in der leichtlebigen Stadt am Rhein gewünscht. Doch in den zurückliegenden 16 Monaten machte sich Modeste dort nicht nur durch großzügige Verteilung seiner Arbeitskleidung, gerne mal eingestreute Faxen im Training und seine vielen Tore beliebt – sondern auch wegen seiner Unentbehrlichkeit auf dem Platz.
Der gebürtige Südfranzose klebt nicht auf seinem Posten im Sturmzentrum fest, ist immer anspielbereit, zudem extrem robust, schnell, ein guter Ballverteiler und in der Luft kaum zu verteidigen.
Pianist im Kölner Orchester
Seinen Job als Naturgewalt im Angriff übt der zweifache Familienvater zudem erfolgreich aus: Schon in seiner ersten Saison bei den Rheinländern traf er 15 Mal, nun ist er nach sieben Runden mit sieben Toren Torjäger Nummer eins in der Bundesliga. „Ich bin in guter Form, hatte eine tolle Vorbereitung. Zurzeit läuft es einfach richtig gut, das müssen wir genießen“, schlägt Modeste vor der Dienstreise in die Hauptstadt vor.
Seine diversen Treffer feiert er mal mit Schnuller, mal mit gekonntem Hüftschwung an der Eckfahne, mal mit einem gespielten Konzert gemeinsam mit den Kollegen. Seine Rolle im Kölner Orchester startete Modeste, indem er erst den Hintern herausstreckte und danach mit den Fingern in der Luft klimperte. Ein Pianist in Fußballstiefeln, der auch beim eigentlichen Vollzug großen Einfallsreichtum an den Tag legt.
Das Tor zum 1:1 bei den Bayern etwa gelang ihm mit einer Art Kung-Fu-Einlage. „Zuerst war ich verärgert, weil er den Ball nicht mit dem Kopf nimmt. Aber als ich dann sah, wie er das Tor macht, hab‘ ich innerlich den Hut vor ihm gezogen. Kein Wunder, dass Manuel Neuer überrascht war“, sagte Trainer Stöger anschließend über den ambitionierten Angreifer – der sein Ziel, einmal in der Champions League zu spielen, schon vor der Saison formuliert hat.
Und selbst den Traum, trotz der enormen Konkurrenz den Sprung ins französische Nationalteam zu schaffen, hat Anthony Modeste noch nicht aufgegeben.


