Bundesliga

Hertha in Dortmund - mehr als ein Topspiel

Im Spitzenspiel in Dortmund müssen die Herthaner zeigen, wie lernfähig sie sind. Trainer Dardai will zumindest einen Punkt mitnehmen.

Im Frühjahr hatte Hertha – hier Fabian Lustenberger (r.) gegen Dortmunds Gonzalo Castro – im Pokalhalbfinale gegen den BVB klar das Nachsehen

Im Frühjahr hatte Hertha – hier Fabian Lustenberger (r.) gegen Dortmunds Gonzalo Castro – im Pokalhalbfinale gegen den BVB klar das Nachsehen

Foto: firo Sportphoto/Fabian Simons / picture alliance / augenklick/fi

Berlin.  Nun ist sie also wieder da, die bundesweite Aufmerksamkeit, die sich Hertha so sehr wünscht. Topspiel am Freitagabend, volles Haus unter Flutlicht, dazu noch in der verheißungsvollen Konstellation „Überraschungs-Zweiter“ gegen „gereizter Dritter“. Wenn die Berliner heute (20.30 Uhr, Sky) in Dortmund antreten, wird die Fußballnation genau hinschauen, um sich ein Bild zu machen von dieser Hertha, die den besten Saisonstart seit 46 Jahren hingelegt hat.

Schon die obligatorische Vorab-Pressekonferenz zog deutlich mehr Medienvertreter an als gewohnt, sieben Kamerateams richteten ihre Objektive auf Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz. Freitagsspiele machen sexy, erst recht gegen Dortmund. Diejenigen, die sich bei Hertha Gedanken ums Image machen, dürften sich also die Hände reiben. Die Geschäftsführung um Preetz hat sich ja auf die blau-weißen Fahnen geschrieben, die Attraktivität des Klubs zu steigern und auch Menschen jenseits der klassischen Fan-Klientel für Hertha zu begeistern.

Dafür wurde ein neues, viel diskutiertes Saisonmotto ausgegeben: „We try. We fail. We win.“ Versuchen. Scheitern. Gewinnen. Ein Slogan, der für das Auf und Ab der Klubgeschichte stehen soll, besonders aber für Gründergeist und Wagemut. Die Kampfansage vor dem Dortmund-Spiel fiel dann allerdings wenig forsch aus. Jeder wisse, dass Hertha gegen Dortmund schon mal überrascht habe, meinte Preetz.

Ausgerechnet gegen den BVB erstarrte der Hauptstadt-Klub

Dardai macht kein Geheimnis daraus, dass er sich an die neue Klub-Losung erst noch gewöhnen muss. Die Frage nach dem Mut seiner Mannschaft wird aber auch ihn beschäftigen, denn genau daran mangelte es zuletzt, wenn es auf die ganz große Bühne ging.

Bestes Beispiel war ausgerechnet das bislang letzte Duell mit den Dortmundern im April: Im Halbfinale des DFB-Pokals bot sich Hertha die große Chance auf das erste Endspiel in Berlin – es wäre die Verwirklichung eines lange gehegten Traums gewesen. Das Olympiastadion platzte aus allen Nähten, doch während die Fans auf den Rängen zur Höchstform aufliefen, agierten die Hertha-Profis seltsam gehemmt.

„Wir haben es nicht hinbekommen, dass es ein Pokalfight wird“, musste Dardai damals eingestehen. Die Enttäuschung unter den Anhängern war dementsprechend groß, und auch neutrale Beobachter machten sich ihr Bild. Zu viel Respekt, zu wenig Leidenschaft, so der Tenor. Von bedingungslosem „we try“ keine Spur, stattdessen stand am Ende ein klares „we fail“ (0:3), begleitet vom Hoffen auf die Zukunft. Man müsse aus diesen Spielen lernen, wurde Dardai nicht müde zu betonen. Nun fordert er: „Wir müssen versuchen, an unser Limit zu gehen.“

Stark und Brooks stehen als Lustenberger-Ersatz bereit

Das Herantasten an das Härte-Limit ist dabei ein schwieriges Unterfangen. „Gegen derart schnelle Mannschaften ist es schwer, in die Zweikämpfe zu kommen“, sagt Hertha-Verteidiger Sebastian Langkamp. Damit hat er einerseits recht, andererseits haben Teams wie Ingolstadt (gegen München) und Leverkusen (gegen Dortmund) unlängst bewiesen, dass die nötige Prise Aggressivität ein probates Mittel sein kann gegen die spielstarke Konkurrenz.

BVB-Trainer Thomas Tuchel gefiel die harte Gangart gegen seine Spieler jedenfalls überhaupt nicht. Nach dem jüngsten 0:2 gegen Leverkusen zettelte er sogar eine Foul-Debatte an. Die Dortmunder würden schließlich häufiger unfair gestoppt als jedes andere Team und müssten daher besser geschützt werden. Eine Forderung, die auch zwei Wochen später noch nachhallt.

„Ich hatte den Eindruck, dass Leverkusen ein gutes Spiel gemacht hat. Vielleicht ging es Thomas Tuchel auch darum, davon abzulenken, warum dieses Spiel verloren gegangen ist“, gab Preetz zu bedenken. Dardai ging mit seinem Kollegen noch härter ins Gericht, warf ihm vor, die Schiedsrichter zu beeinflussen. Er weiß: In Dortmund wird es auch auf Zweikampfführung ankommen, und die muss besser sein als beim Duell im April. Oder als zuletzt gegen den FC Bayern, als Hertha nur acht Mal foulte. Auch in München appellierte Dardai an die Lehren, die man mitnehmen müsse. Nun also steht die nächste Lernzielkontrolle an.

Lustenberger und Schieber fallen aus

Ausgerechnet der Berliner, der am häufigsten zulangt, wird jedoch fehlen. Fabian Lustenberger laboriert an einer Beckenprellung, als Sechser wird daher Niklas Stark auflaufen – John Brooks rückt dafür in die Innenverteidigung. Am Donnerstag meldete sich außerdem auch Edeljoker Julian Schieber ab (Muskelprobleme im Oberschenkel).

Beim BVB sind die Verletzungssorgen derzeit weit größer – und auch deshalb scheint etwas möglich in Dortmund. „Minimum einen Punkt“, hat Dardai als Marschroute ausgegeben. Doch selbst wenn am Ende ein weiteres „we failed“ zu verzeichnen ist, wäre das angesichts des hochveranlagten Gegners kein Drama. Solange daneben ein couragiertes „we tried“ steht.