Das Lachen kann sich Jens Hegeler nicht verkneifen. Wie er und sein früherer Teamkollege Stefan Reinartz auf die Idee des Packings gekommen seien, also auf die Statistik, die sich seit der EM 2016 einen Stammplatz im deutschen Fußball erkämpft hat?

„Na ja“, sagt der Hertha-Profi grinsend, „wir hatten nie das Gefühl, besonders gut zu sein, aber so schlecht, wie uns die herkömmlichen Daten dargestellt haben, fanden wir uns auch wieder nicht.“

Eigennutz als Ausgangsmotivation – auch die knapp 50 Gäste in der Bar des Deutschen Theaters müssen schmunzeln. Dort war Hegeler (28) am Dienstagabend beim „Fußball-Salon“ zu Gast, einer Veranstaltung, die künftig „den Strafraum zwischen Schwadronieren und Analysieren erkunden“ möchte.

Mit Mehmet Scholl im Wartezimmer

Für Analysen gilt Hegeler inzwischen als echter Experte. Schon 2014 entwickelte er mit Reinartz die Packing-Methode, die sich im Kern der Frage widmet, welcher Akteur mit seinen Dribblings und Pässen wie viele Gegner überspielt.

Dass ihre Werte inzwischen zum Standardwerkzeug der Fußball-Erklärer zählen, liegt kurioserweise auch an einer Wartezimmer-Begegnung. Reinartz (27), heute im Fußball-Ruhestand, traf in der Praxis von Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt auf Mehmet Scholl.

Der ARD-Experte ließ sich vom neuen Statistik-Tool auf Anhieb begeistern, brachte es bei seinen EM-Analysen permanent zum Einsatz. „Das war vielleicht etwas inflationär“, meint Hegeler, doch seither ist Packing nicht mehr wegzudenken aus dem Meer der Spieldaten.

Wer mehr gegnerische Verteidiger überspielt, punktet

Der Siegeszug der neuen Methode kommt nicht von ungefähr. Die Analyse von 10.000 Spielen hat ergeben: Kein klassischer Wert wie Ballbesitz oder Zweikampfquote hat signifikante Auswirkungen auf das Endergebnis. Anders Packing.

Machte Packing im Fernsehen bekannt: Mehmet Scholl (r., hier mit Gerhard Delling)
Machte Packing im Fernsehen bekannt: Mehmet Scholl (r., hier mit Gerhard Delling)© picture alliance / Sammy Minkoff | Sammy Minkoff

Bei der EM 2016 wurden 51 Partien analysiert, zu 94 Prozent punktete die Mannschaft mit dem besseren Packing-Wert (34 Siege, 14 Remis, drei Niederlagen). Auch für die Bundesliga lässt sich nach 306 sezierten Spielen festhalten: Zu 86 Prozent punktet, wer mehr gegnerische Verteidiger überspielt. Hegeler betont: „Es gibt keinen anderen Wert, der nur ansatzweise so sehr auf einen Sieg hindeutet.“

Nun umfasst die Methode allerdings weit mehr als die klassischen langen Pässe über die gegnerische Elf, die den Weltmeistern Jerome Boateng und Mats Hummels zu hervorragenden Packing-Werten verhelfen. „Der Empfänger dieser Bälle ist genauso wichtig“, sagt Hegeler – schließlich mache das Starten in den freien Raum eine Vorlage überhaupt erst möglich. Auch diese Qualität wird in der Statistik gewürdigt.

Die Wichtigkeit von Zweikämpfen

Selbiges gilt für Zweikämpfe. Wer als letzter Mann einen konternden Stürmer stoppt, bringt seine nachrückenden Kollegen wieder ins Spiel; wer einem gegnerischen Verteidiger den Ball abluchst, muss auf dem Weg zum Tor kaum weitere Gegner überwinden, erklärt der Berliner. Zwei Beispiele für Duelle, die eine höhere Wertigkeit besitzen, als das x-te Beharken im Mittelfeld und deshalb beim Packing erfasst werden. Hegeler, der Spielversteher.

Entwickelte mit Jens Hegeler das Packing-System: Stefan Reinartz
Entwickelte mit Jens Hegeler das Packing-System: Stefan Reinartz© picture alliance / sebwes Images | sebwes Images

Zu ihren Kunden zählen Reinartz und Hegeler bereits die Nationalelf, Dortmund, Leverkusen, Mönchengladbach und Köln. Mit Hertha laufen immerhin Gespräche, aber Hegeler hat die Werte seines Teams natürlich im Blick. „Wir werden unglaublich wenig überspielt“, erklärt er ein Erfolgsgeheimnis, „allerdings überspielen wir auch nicht so viel.“ Er selbst darf dabei nur selten mitwirken. Wie in der Vorsaison kommt er aktuell nur zu Kurzeinsätzen. „Die Theorie in die Praxis umzusetzen, hab’ ich leider noch nicht geschafft“, gibt er zu.

Der Fußball mache ihm trotzdem noch viel Spaß, sagt er, „viel zu viel, um schon aufzuhören“. Seine Zukunft aber sieht er im Reich der Daten. Der Markt für Statistiken ist groß, „wir haben zum Beispiel viele Anfragen von Wettanbietern“, erzählt Hegeler, der mit seiner Firma schon an den nächsten Parametern bastelt.

Bis er sich voll und ganz dem Business verschreibt, werden aber selbst die revolutionären Packing-Werte nichts daran ändern, dass er eine klassische Weisheit weiter beherzigt. „Am Ende“, sagt Hegeler, „hat der Trainer immer Recht.“ Auch dabei muss er grinsen.