Kommentar

Respekt, Herr Dardai!

Herthas Coach griff nach dem Europa-League-Debakel gegen Bröndby zu unpopulären Maßnahmen – und hat damit Erfolg, meint Jörn Meyn.

Förderte erfolgreich den Zusammenhalt der Mannschaft: Hertha-Trainer Pal Dardai

Förderte erfolgreich den Zusammenhalt der Mannschaft: Hertha-Trainer Pal Dardai

Foto: Alexander Scheuber / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Bisweilen hilft der Blick von außen, um den eigenen Zustand besser zu verstehen. Vogelperspektive nennen das Psychologen, und die nahm am Sonnabend nach dem 2:0 von Hertha BSC gegen den Hamburger SV der Trainer des Gegners ein: „Aktuell ist Hertha sehr schwer zu spielen“, sagte also Markus Gisdol.

Er schwebte dabei zwar nicht durchs Berliner Olympiastadion, sondern saß einigermaßen enttäuscht auf einem Stuhl, aber seine Übersicht der Sachlage war dennoch erstaunlich: „Es wird hier gute Arbeit über einen langen Zeitraum gemacht. Das kann man als Gegner schnell feststellen“, sagte Gisdol.

Pal Dardai saß keine drei Meter neben ihm auch auf einem Stuhl, aber man konnte den Eindruck gewinnen, für einen kurzen Moment schwebe Herthas Cheftrainer. Denn es ist ja kaum acht Wochen her, dass sein Klub ziemlich tief fiel. Hertha hatte sich auf amateurhafte Art und Weise um die Früchte einer ganzen Spielzeit gebracht und war aus der Europa-League-Qualifikation gegen Bröndby ausgeschieden.

Es war die Fortsetzung eines Saisonendspurts ohne einen einzigen Sieg aus acht Partien. Kein Mensch hätte den Blau-Weißen Anfang August zugetraut, sechs Bundesligaspiele später mit 13 Punkten den besten Ligastart der Vereinsgeschichte aus dem Jahr 1970 einzustellen.

Die letzte Patrone traf ins Ziel

Es ist Dardais Verdienst, dass Hertha den Turnaround geschafft hat. Der Ungar ging ein hohes Risiko ein, als er nach dem Bröndby-Debakel Fabian Lustenberger als Kapitän entmachtete, Mitchell Weiser zum Straftraining schickte und den Ton verschärfte. Damit kann man als Trainer seine Mannschaft auch verlieren.

Es wirkte damals wie die letzte Patrone, aber sie hat ins Ziel getroffen. Hertha hat sich nicht entzweit, sondern ist näher zusammen gerückt. Lustenberger und Weiser spielen nun seit Wochen auf einem hohen Niveau. Aus sieben Pflichtspielen gingen die Berliner seither fünf Mal als Sieger hervor und verloren nur in München.

Mit Hingabe, Zusammenhalt und einem Funken Phantasie ist aus Hertha zwar immer noch keine Spitzenmannschaft gereift, aber eine, gegen die kein Gegner gern spielt. So kann nach einem unangenehmen Sommer doch noch eine angenehme Saison folgen. Und das hat Respekt verdient, Herr Dardai!