Bundesliga

Hertha BSC schwankt zwischen Lust und Frust

Hertha schafft wieder keinen Sieg, ist aber nach dem 1:1 gegen Wolfsburg Tabellendritter. Und einen Matchwinner gibt es auch noch.

Berlin. Der Daumen zeigte nach oben, aber der Kopf nach unten. Fabian Lustenberger hatte sein Trikot in die Ostkurve gereicht. Als Dank für die Unterstützung. Dazu gab es den ausgestreckten Daumen. Nun schritt Herthas Kapitän nach 90 Minuten gegen den VfL Wolfsburg mit nachdenklichem Blick vom Feld.

Irgendwo zwischen oben und unten war die Berliner Gemütslage anzusiedeln. 1:1 (0:0) endete die Partie. Salomon Kalou hatte für Hertha ausgeglichen (60. Minute), nachdem Marcel Schäfer das 0:1 erzielt hatte (53.). Immer noch wartet Hertha auf den ersten Ligasieg des Jahres. Andererseits bedeutet der Punktgewinn auch, dass ein direkter Konkurrent um die Europapokalplätze auf fünf Zähler Abstand gehalten werden konnte.

Lob von Dardai für Jarstein

„Der Punkt ist gefühlt zu wenig. Das zweite Tor hat uns gefehlt“, ärgerte sich Lustenberger trotzdem. Ein Augenblicke später sprach sein Torwart Rune Jarstein in den Katakomben des Olympiastadions. Ohne ihn hätte es diesen Punkt gar nicht gegeben.

Denn in der Schlussphase war es der Norweger, der mit zwei Paraden gegen Schäfers Kopfball und den Nachschuss von Luiz Gustavo das Remis festhielt (87.). „Kompliment an Rune. Das war eine schöne Szene“, lobte Herthas Trainer Pal Dardai.

Im Hinspiel gegen ­Wolfsburg war Jarstein für den verletzten Thomas Kraft ins Hertha-Tor gekommen und hat den Platz seitdem nicht mehr hergegeben. „Es war ­wichtig, nicht zu verlieren. Wir wollten ­gewinnen. Wenn man die Schlussphase sieht, ist der Punkt aber okay“, sagte Jarstein.

Bundestrainer Löw schaut auf der Ehrentribüne zu

90 Minuten zuvor hatte sich Joachim Löw auf der Ehrentribüne in eine blau-weiße Decke gekuschelt. Schon die Niederlage in Stuttgart vor einer Woche hatte der Bundestrainer im Stadion verfolgt. Nun fiel ihm auf, dass Dardai wieder auf Kalou und Mitchell Weiser zurückgreifen konnte. Beide hatten gegen den VfB wegen Muskelverletzungen gefehlt.

„Ich hatte bei Kalou eigentlich ein schlechtes Bauchgefühl, ihn spielen zu lassen. Aber die Physios haben gesagt, dass er spielen kann“, sagte Dardai: „Zum Glück, sonst würden wir jetzt hier sitzen und heulen.“

Denn Kalou war an diesem Tag der beste Berliner. Die erste Chance für Hertha zum Beispiel entstand nach einem feinen Sololauf des Ivorers, der den Ball auf Vedad Ibisevic ablegte, doch Koen Casteels im VfL-Tor parierte (8.).

Darida kassiert fünfte Gelbe Karte

Ein fast noch feineres Solo zeigte Kalou wenig später, ließ Naldo stehen, als wäre der kein erfahrener Bundesligakrieger mit 291 Partien, sondern ein Schülerpraktikant, passte auf Vladimir Darida, doch dessen Schuss im Fallen strich hauchdünn am Tor vorbei (18.).

Danach aber gab es erst einmal Grund zum Heulen für Hertha: Darida handelte sich mit einem Foul die fünfte Gelbe Karte ein und wird am Freitag in Köln gesperrt fehlen. Und ob Sebastian Langkamp da wird mitmischen können, ist ebenso fraglich: Nach einem Zusammenprall mit Maximilian Arnold musste der Verteidiger mit einer Muskelverletzung in der linken Wade ausgewechselt werden. Für ihn kam Niklas Stark (35.).

Fehler von Brooks begünstigt Gästeführung

Löw hatte sich nach der Halbzeitpause gerade wieder gesetzt, da sah er, wie John Brooks ein folgenschwerer Fehler unterlief: Der US-Verteidiger sprang an einem Pass vorbei, Vieirinha hatte frei Bahn, legte auf Schäfer ab, und der traf zum 0:1 (53.).

Es war das erste Gegentor zu Hause seit drei Spielen für Hertha. Erst ein einziges Mal in dieser Saison konnten die Blau-Weißen nach einem Rückstand noch punkten (beim 1:1 gegen Frankfurt).

Am Sonnabend sollte Nummer zwei folgen: Sieben Minuten Verdauungszeit brauchte Dardais Elf, dann schickte Stark Genki Haraguchi über rechts, in dessen Hereingabe schmissen sich Ibisevic und Casteels, beide prallten zusammen.

Der Ball trudelte Richtung Tor, Naldo rettete auf der Linie, aber gegen den Nachschuss von Kalou war der Brasilianer machtlos (60.). 1:1, es war das elfte Saisontor des Afrikaners. Sein allererstes für Hertha hatte er von fast genau dieser Stelle erzielt. Im September 2014 traf er per Kopf zum 1:0-Sieg gegen Wolfsburg.

Vier Punkte aus fünf Spielen zum Rückrunden-Start

Diesmal allerdings sollte es nur zu einem Remis reichen, obwohl Hertha nach dem Ausgleich vor nur 40.126 Zuschauern weiter auf Sieg spielte. Am Ende musste Dardais Team dennoch mächtig froh sein über den Punkt und sich bei Jarstein bedanken.

„Ich bin zufrieden mit dem Punkt“, sagte der Cheftrainer. Nach fünf Partien in der Rückrunde könne man eine erste Bilanz ziehen, hatte Dardai in der Winterpause gesagt: Sie fällt mit vier Punkten durchwachsen aus, obwohl Hertha auf Tabellenplatz drei übernachtete.

Zwischen oben und unten wollte deshalb auch Per Skjelbred das Ganze einordnen. Das wurde dann ein wenig philosophisch: „Manchmal ist Fußball einfach, manchmal ist Fußball schwer. Das ist die Droge, die wir haben wollen“, sagte der Norweger.