Politik

Pal Dardai auf Madonnas Spuren

Zwischen Skepsis und Anerkennung: Wie ich Herthas Trainer unterschätzte

Es ist Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich habe Pal Dardai für eine Luftpumpe gehalten. Einer, der sich aufbläst, viel Wind macht, bei dem am Ende aber nichts anderes herauskommt als: Luft.

Das war, nachdem er Jos Luhukay auf dem Hertha-Trainer-Stuhl ablöste. Am kommenden Freitag, dem 5. Februar, wird das genau ein Jahr her sein. Zwölf Monate mit Pal Dardai sind seither vergangen. Zwölf Monate, in denen sich nicht nur Herthas Spiel radikal gewandelt hat: von einer Mauertruppe mit Abstiegsangst zu einem Hingucker mit Entwicklungspotenzial nach oben. Auch meine Meinung über den Trainer hat sich seither verändert. Ich bin vom Skeptiker zu jemandem mutiert, der heute sagt: Du hast dich geirrt.

Klar, Sie könnten nun einwenden: Der Meyn macht, was alle Fußballjournalisten machen: Die Leute niederschreiben, wenn’s mies läuft, und hochjubeln, wenn der Erfolg da ist. Kein Wunder also, dass es bei ihm einen Stimmungsgleichschritt mit Herthas Entwicklung gab. Aber ich würde Ihnen da gern widersprechen.

Als Dardai kam, war die Stimmung vielmehr eine überaus positive bei den allermeisten Journalisten – bei den Fans sowieso. Das lag daran, dass der Ungar durch seine 13 Jahre lange Spielerkarriere bei Hertha viel Rückhalt in der Anhängerschaft genoss. Rekordspieler des Vereins. Zudem kannten ihn viele ­meiner Kollegen noch als Profi. Auch dort hatte er Kredit.

Ich dagegen kannte Dardai als Spieler nur aus dem TV. Den Trainer Dardai lernte ich mit markigen Sprüchen kennen: „Ich werde arbeiten bis zum Tod“, zum Beispiel. Grasfresser­phrasen, dachte ich. Und das weckte ungute Erinnerungen.

In meiner zugegeben kurzen „Karriere“ im Männerfußball habe ich genau solche Trainer erlebt. Aufheizer, die Spieler über die Emotionen packen. Das klappt meistens ziemlich gut, so meine Erfahrung. Aber wie bei einem Streichholz, das man zwar schnell entflammen kann, brennt das Feuer auch ebenso rasant ab. Und es ist dann nie mehr wieder zu entfachen.

Zunächst sah es ja auch danach aus, als passe Dardai in dieses von mir erlebte Muster. Nach Erfolgen zum Start in Mainz, Hamburg und gegen Stuttgart blieb Hertha am Ende der vergangenen Saison sieben Spiele lang ohne Sieg und nur verflucht knapp in der Bundesliga. „Abgebrannt?“, dachte ich.

Gute Trainer teilen eine Fähigkeit mit den großen Popstars der Musik­geschichte wie Madonna, Bowie: Sie können sich neu erfinden und ­bleiben sich dennoch treu.

Dardai hat diese Qualität nach dem geschafften Klassenerhalt nachgewiesen. Bis zum vergangenen Sommer war der 39-Jährige ein Trainer, der vornehmlich die einfachen Dinge propagiert: Rennen, Grätschen, auch mal gemein sein. Bolzplatzweisheiten eben. Taktisch und perspektivisch aber blieb das beschränkt. Vor der neuen Saison allerdings begann er damit, ein Trainer für die schweren Dinge zu sein: Aus einer technisch und taktisch limitierten Mannschaft formte er eine spielstarke und variable Elf – und das nach einem klaren Entwicklungsplan in einer ­Rasanz, die ich selten erlebt habe.

Dardai denkt in Zyklen und Entwicklungsschritten. Man muss sich das wie einen Turmbau aus Bauklötzen vorstellen: erst Fitness, dann Spielkultur, dann taktische Variabilität. Wie hoch das noch gehen kann, weiß ich nicht. Aber dass der Turm überhaupt noch steht, hätte ich vor einem Jahr nicht unbedingt für möglich gehalten. „Vielleicht wird der Trainer Pal Dardai unterschätzt, wie der Spieler Pal Dardai oft unterschätzt wurde.“ Dieser Satz stammt leider nicht von mir, sondern von einem Kollegen. Aber er stimmt.

Ein Anheizer durch Emotionen ist Pal Dardai zwar trotzdem geblieben. Bei Spielern ebenso wie bei der Presse. „Erfrischend“, sagte neulich ein Kollegen, nachdem Dardai mal wieder einen Spruch rausgehauen hatte. Doch er ist nicht nur darauf beschränkt. Dardai pumpt immer noch oft die Backen auf, wenn er an der Seitenlinie steht. Doch es kommt eben nicht nur Luft raus.