Immer Hertha

Niemals im gleichen Boot

Jörn Meyn über die Rolle von Fußballreportern unter dem Eindruck des WM-Skandals

Neulich war ich mal mächtig stolz auf meinen Berufsstand. Der Skandal um den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro, der nun ja auch die Frankfurter Staatsanwalt beschäftigt und wahrscheinlich den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach aus dem Amt tragen wird, hat mich für einen Augenblick lang ein bisschen mit dem Sportjournalismus versöhnt.

Es gibt viele tolle Kollegen, die sich schön festbeißen an der ganzen Schummelgeschichte, die nahezu jeden Tag Neues in der Sommermärchen-Causa ausgraben, die sich – und damit ihre Leser, Zuhörer oder Zuschauer – einfach nicht für dumm verkaufen lassen. Hier kommt der Journalismus ziemlich nah heran an sein Ideal. Er muss eine professionelle Fremdbeobachtung verschiedener Gesellschaftsbereiche sein – also auch des Sports. Gerade des Sports, muss man sagen. Blatter, Fifa, FBI. Sie wissen schon. Das unterscheidet den Journalismus von PR und Werbung, wo man ein nicht weniger ehrenwertes, aber eben ein anderes Ziel verfolgt.

Doch es gab und gibt immer noch im aktuellen WM-Skandal um Niersbach auch Kollegen, die sich scheinbar als PR-Agentur des DFB verstehen. Die sich das Sommermärchen nicht kaputt machen und ihre Kumpels nicht im Regen stehen lassen wollen. Sie versuchen, die Aufdecker zu diskreditieren. Dahin geht dabei mein Anflug von Stolz, und ich stelle mir mal wieder die Frage, welche Rolle wir Sportreporter eigentlich einnehmen. Dafür braucht man aber nicht nur auf die große Bühne zu schauen. Schon ein Blick vor die eigene Haustür ist interessant.

Bei der Pressekonferenz von Hertha BSC vor dem Auswärtsspiel gegen Hannover 96 an diesem Freitag saß ein Kollege neben mir und stellte eifrig Fragen. Vorweg noch das hier: Es gehört sich im Journalismus wie im Leben allgemein nicht, Kollegenschelte zu betreiben, ihnen aufzuzeigen, was sie alles falsch machen, nur um sich damit selbst zu profilieren. Es geht hier deshalb auch nicht darum, den eifrigen Fragensteller vorzuführen, sondern einen Umstand zu skizzieren, der uns Vereinsreporter oft betrifft: eine zu große Nähe zu dem Objekt, über das wir unabhängig berichten sollen.

Der Kollege neben mir fragte also irgendwas zum Spiel und sagte: „Hannover steht auf Platz 14, wir auf Platz sechs.“ Er sagte tatsächlich „wir“, als er Hertha BSC meinte, schloss sich selbst also mit ein in die Interessengemeinschaft. In den drei Jahren, seit ich regelmäßig zu Herthas Pressekonferenzen gehe, ist so etwas noch nie vorgekommen. Aber es deckt sich dennoch damit, wie manche beim Berliner Bundesligisten sich das Verhältnis Reporter zu Verein im Idealfall vorstellen: „Wir sitzen doch alle in einem Boot.“ Jemand, der eine ziemlich wichtige Rolle bei Hertha spielt, erzählte mir mal, wie er sich vor der Saison darüber geärgert hat, als Zeitungen aus anderen Städten Hertha einen Abstiegskandidaten nannten. Er sagte: „Warum schreibt ihr nicht mal, dass die Klubs aus deren Städten Abstiegskandidaten seien? Für euch Reporter ist es doch auch besser, wenn wir oben mitspielen, als wenn wir absteigen würden, oder nicht?“

Ich kann das menschlich sogar verstehen. Vielleicht würde es mir auch so gehen, wenn ich all meine Kraft in ein Projekt stecken und dann erleben würde, wie andere daneben stehen und die Sache bei der erstbesten Gelegenheit in Schutt und Asche schreiben. Aber es ist dennoch ein falsches Verständnis von Journalismus. Denn es gilt: Es kann niemals ein Boot geben, in dem wir gemeinsam sitzen, auch wenn – da braucht sich niemand etwas vorzumachen – es oft auch ein Geben und Nehmen zwischen beiden Parteien ist. Wir Vereinsreporter befinden uns bestenfalls im gleichen Gewässer mit Hertha. Wir sitzen in einer Nussschale, rudern neben dem blau-weiße Dampfer her, schauen rüber, was sich da an Deck tut, und schreiben es auf. Im Idealfall gelingt uns ein Blick ins Innere des Schiffes, ohne das wir selbst auf ihm mitfahren. Darauf kann man dann stolz sein.