Politik

Die Krux mit dem Olympiastadion

Warum Hertha von einer eigenen, gern auch etwas kleineren Arena träumt

Beim Betreten des Feldes fiel der Blick der Spieler als erstes auf das 20-Meter-Spruchband, das die Hertha-Fans ausgerollt hatten. In dicken blauen Lettern war da zu lesen: „POKALVERSAGER“. So war die Stimmung vor einem Jahr, im ersten Spiel von Hertha BSC nach der zweiten Runde im DFB-Pokal. Im Elfmeterschießen waren die Berliner beim damaligen Drittligisten Bielefeld unterlegen – Stimmung im Keller. Es begann das bleierne Ende der Ära Jos Luhukay.

Sonnabend bestreitet Hertha wieder die erste Partie nach der zweiten Pokalrunde. Der Hauptstadtklub unter Pál Dárdai ist die Überraschung der Saison, empfängt als Liga-Fünfter Champions-League-Starter Gladbach. Wo man hinschaut – Aufbruchstimmung. 60.000 werden im Olympiastadion erwartet.

Womit wir beim Thema sind: das Olympiastadion. Zertifiziert mit der höchsten Wertung, die der europäische Fußballverband Uefa vergibt, als Fünf-Sterne-Arena. Finalort der WM 2006, Stichwort Zidane/Materazzi. Sehnsuchtsort von Millionen deutscher Fußballfans, weil alljährlich im Mai dort das DFB-Pokalfinale zelebriert wird. In anderthalb Jahren läuft der Mietvertrag von Hertha aus. Wohin soll es gehen?

Das Olympiastadion polarisiert. Für Hertha ist die Spielstätte alles zusammen: ein Alleinstellungsmerkmal, ein Vorteil und ein Wettbewerbsnachteil. In jedem anderen Stadion im Lande ist man näher am Geschehen als in Berlin, wo die blaue Laufbahn Nähe und Spontanität verhindert. Spieler und Offizielle sagen offen, dass das Stadion mit seinem weit weg sitzenden Publikum Hertha jede Saison vier, fünf Punkte kostet. Weil sich in Berlin bei Kulissen zwischen 35.000 und 55.000 Zuschauern nicht jener emotionale Druck auf die Schiedsrichter aufbauen lässt, wie das in allen anderen Stadien der Fall ist. Grundsätzlich ist die Atmosphäre moderat, statt leidenschaftlich wie in Hamburg, Schalke, Köln oder Dortmund.

Zudem ist das Stadion mit seinen 74.244 Plätzen zu groß für Hertha. Bei dem guten öffentlichen Verkehrsnetz muss sich in Berlin niemand vorab festlegen, ob er ein Ticket kauft oder nicht. Sonnabends um 13 Uhr aus dem Fenster geschaut: Okay, regnet nicht, eben in die U-Bahn gesetzt – es gibt für jede Ansetzung (Bayern- und Dortmund-Spiele außen vor gelassen) auch auf den letzten Drücker noch Karten am Schalter. Der Komfort des Stadions, für die Olympiade 1936 gebaut, ist trotz Renovierung nicht mehr zeitgemäß. Jeder, der in der Pause eines Hertha-Spiels versucht, eine Toilette zu erreichen, weiß, was gemeint ist.

Im Idealfall hätte Hertha ein reines Fußballstadion mit 55.000 bis 60.000 Plätzen und reichlich Logen. Hört sich paradox an, ist aber so: Eine Verknappung der Plätze würde dazu führen, dass der Zuschauerschnitt steigt. Hertha würde allein vor Saisonstart statt 19.000 Dauerkarten vielleicht 30.000 absetzen. Weil sich die Fans nur so sicher sein können, in den wichtigen Spielen dabei zu sein. Im Idealfall hielte Hertha die Namensrechte. Der Standort des Stadions läge nicht am Rande der Stadt. Ob noch Platz wäre, um ein, zwei Hotels und eine Shoppingmall drumherum zu bauen – so wird in den USA geplant, um große Arenen rentabel zu betreiben – lassen wir mal dahingestellt.

Berlin ist nicht Los Angeles. Hertha träumt von einer Arena für die Zukunft. Eine Heimstatt, in der pro Zuschauer mehr Geld verdient wird als bisher. Die wird es aber bis auf Weiteres nicht geben. Stattdessen muss sich der größte Sportverein der Stadt mit der Realität arrangieren. Die lautet: Auch über 2017 hinaus wird Hertha über keine eigene Spielstätte verfügen und aufs Olympiastadion angewiesen sein. Das Land Berlin als Eigentümer hat größtes Interesse daran, mit Hertha wenigstens einen regelmäßigen Mieter im Stadion zu halten. Ende 2016 wählt Berlin ein neues Parlament, im Juni 2017 endet die aktuelle Mietvereinbarung.

Prognose: Der aktuelle Vertrag hatte eine Laufzeit von mehr als 13 Jahren. Der nächste wird nur halb so lange datiert sein. Bis 2025 bleibt es dabei: die Krux mit dem Olympiastadion.