Frankfurt

Reife Leistung

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Jörn Meyn

Erstes Bundesliga-Tor des Tschechen Darida sichert Hertha einen Punkt bei Eintracht Frankfurt

Frankfurt.  Wenn Dinge nicht funktionieren, muss man sie ändern. Das mag nicht die überraschendste Weisheit sein, aber dennoch ist es schwer, sie umzusetzen, wenn erst einmal alles ins Rollen gekommen ist. Pal Dardai ist das am Sonntagnachmittag gelungen. Auch weil Herthas Cheftrainer ein Experiment abbrach, das nicht funktionierte, haben die Berliner bei der heimstarken Eintracht aus Frankfurt ein 1:1 (0:1) und damit zum Abschluss der englischen Woche einen Punkt errungen. Das spricht für Reife beim jüngsten Trainer der Liga. Ebenso für Reife spricht, dass Hertha nach einer schwachen ersten Halbzeit eine deutlich bessere zweite zeigte, sich nicht in der Niederlage ergab und sieben Minuten vor Schluss noch den verdienten Ausgleich durch Vladimir Darida erzielte. Es war der erste Bundesligatreffer des Tschechen für Hertha.

Hertha beendet englischeWoche auf Rang sechs

„Ich bin sehr zufrieden mit dem 1:1“, sagte Dardai nach dem Spiel. „Für uns ist das ein Punktgewinn. Wenn wir mit 0:2 in die Halbzeit geht, hätten wir uns auch nicht beschweren brauchen. Aber wenn das Spiel noch zehn Minuten länger gegangen wäre, hätten wir den Siegtreffer noch erzielt.“ Sein Team steht mit elf Zählern auf Platz sechs.

Personell hatte Dardai nur eine Änderung im Vergleich zum 2:0 gegen Köln vom Dienstag vorgenommen: Für den ausgelaugt wirkenden Valentin Stocker begann Tolga Cigerci. Taktisch hatte das eine größere Verschiebung zufolge: Keine Doppelspitze mehr mit Salomon Kalou und Vedad Ibisevic. Erstmals in seiner Zeit bei Hertha begann Kalou auf dem linken Flügel – sein natürliches Habitat aus früheren Zeiten. Denn links spielte der Ivorer auch beim FC Chelsea, wo er Champions-League-Sieger wurde.

Dass Kalou seine Rolle offensiv interpretiert, sah man schon in der Anfangsphase. Über seine linke Seite griff Eintracht vorzugsweise an, doch Stefan Aigner verpasste die ersten beiden guten Chancen (6. und 8. Minute). Dazu später mehr.

Zunächst fiel Hertha in alte Muster – im positiven Sinne. Schon gegen Köln ging die Torentstehung so: Flanke Marvin Plattenhardt, Treffer Ibisevic. Gegen Frankfurt hätte das auch fast geklappt, nur dass Ibisevic aus fünf Metern nicht an Eintracht-Keeper Lukas Hradecky vorbei kam (14.). Den fälligen Eckball köpfte der Bosnier an die Latte (15.). Später gab es erneut die Kombination Plattenhardt/Ibisevic, nun setzte der Zwei-Tore-Mann vom Dienstag den Ball am Tor vorbei (33.).

Zu Kalou: Nachdem sich Frankfurt wieder einmal an ihm vorbei über Herthas linke Seite durchgespielt hatte, gab es Eckball. Auch hier alte Muster – aber negative: Erstens sind die Berliner bei Standards chronisch anfällig. Zweitens hat Meier in den vergangenen fünf Spielen gegen Hertha fünfmal getroffen. Eintrachts Torjäger drückte eine Kopfballverlängerung von Marco Russ zum 0:1 über die Linie (22.). Sechstes Tor im sechsten Spiel für ihn gegen Hertha. „Extrem ärgerlich, wieder nach einem Standard“, stöhnte Plattenhardt.

Über seine neue Rolle sagte Kalou später: „Die Defensivarbeit links war eine neue Herausforderung.“ Weil Kalou sie nicht wirklich bestand, ging Hertha die Balance zwischen Defensive und Offensive verloren. Vor der Pause hatte Hertha zudem Glück: Rune ­Jarstein drosch einen Ball direkt zum Gegner. Der 20-Meter-Schuss Marc Stenderas klatschte an die Latte (42.).

Zu Beginn der zweiten Halbzeit stellte Dardai um: Genki Haraguchi übernahm Kalous Seite. Eine marginale Veränderung, aber sie half. Frankfurt konnte nun nicht mehr über Herthas linke Flanke wirbeln, Hertha übernahm jetzt mehr Verantwortung für das eigene Schicksal. Einen Konter über den agilen Cigerci brachte Haraguchi zu Ibisevic, der Torjäger schob ein. Doch er stand dabei knapp im Abseits (59.). Es blieb beim 0:1. Dardai wechselte offensiv ein. Stocker und Alexander Baumjohann kamen, Cigerci und der schwache Kalou gingen. Es sollte ein Signal zum Aufbäumen sein. Und Dardais Team verstand: Alexander Baumjohann setzte sich per Dribbling im Mittelfeld durch, sein Pass kam über Umwege zu Darida, und der Tscheche schob um 1:1-Ausgleich ein (83.). „Ich bin sehr froh über mein erstes Tor“, sagte Darida später. Von Herthas Manager Michael Preetz gab es Lob für den 25-Jährigen: „Er ist auf Anhieb das Herz der Mannschaft geworden.“

Dank Daridas Premierentreffer kam Hertha erstmals in dieser Saison nach einem Rückstand noch einmal zurück und punktete. Jene Mannschaft, der Dardai in der vergangenen, turbulenten Spielzeit noch ein echtes Kopfproblem bescheinigte, bewies diesmal Nehmerqualitäten und schlug zurück. Und dass Dardai nach der Partie kein negatives Wort über Kalou verlor, ihn sogar lobte, spricht ebenfalls für Reife.