– Man kann manchmal ein Spiel erzählen, selbst wenn man es nicht gesehen hat. Dazu muss man nur in die Gesichter der Protagonisten schauen, wenn sie vom Platz in die Kabine schreiten. Thomas Tuchel zum Beispiel sah am Sonntagnachmittag ziemlich müde aus. Der Blick des Dortmunder Trainers ging auf den Boden, mit eingefallenen Wangen marschierte er an allen Journalisten vorbei. Auch Pal Dardai sah müde aus. Er schwitzte. Aber der Blick des Berliner Trainers ging strikt nach vorn, er gab sofort Interviews. Der eine, Tuchel, hatte gerade mit seinem Team gewonnen. Der andere, Dardai, mit Hertha BSC 1:3 (0:1) verloren, zum ersten Mal in dieser Saison. Aber anders als erwartet war es für beide Übungsleiter ein kräftezehrendes Spiel – und das darf als Lob für die Berliner gelten.
Hertha verlor zwar verdient beim furios gestarteten Spitzenreiter und rutschte in der Tabelle auf Platz zehn. Aber Dardais Elf zeigte besonders in der Schlussphase eine engagierte Leistung und bot dem BVB als erstes Team in dieser Saison echte Gegenwehr.
Hummels trifft zur Führung
So brauchte es einen Treffer des Ex-Berliners Adrian Ramos in der dritten Minute der Nachspielzeit, um die Blau-Weißen zu bezwingen. Zuvor hatte der eingewechselte Salomon Kalou mit seinem Treffer zum 1:2 (78.) noch einmal Hoffnung gemacht, nachdem es durch die Tore von Mats Hummels (27.) und Pierre-Emerick Aubameyang (51.) nach einem deutlichen BVB-Sieg ausgesehen hatte. „Wir können aus diesem Spiel viel Positives mitnehmen“, sagte Herthas Schlussmann Thomas Kraft. Phasenweise habe sein Team „eine sehr gute Leistung gegen eines der besten Teams der Liga“ gezeigt. „Wir haben zum Ende noch einmal Luft geschnuppert. Aber es hat nicht gereicht. Wenn die Dortmunder in Spielfluss kommen, dann sieht das schon ziemlich gut aus“, sagte Verteidiger Sebastian Langkamp.
In Krafts und Langkamps roten Gesichtern war vor allem Erschöpfung zu sehen. Gemessene 43 Grad machten das Atmen auf dem Rasen schwer. Dazu sahen sie sich einem Gegner gegenüber, der zuletzt pro Spiel durchschnittlich fast vier Tore erzielt hatte. Dieser Angriffswucht stellte Dardai eine neue Defensivstrategie entgegen: John Brooks durfte zum ersten Mal von Beginn an auflaufen und bildete mit Fabian Lustenberger und Langkamp eine Dreier-Abwehrkette, die sich bei Ballbesitz des Gegners zu einer Fünfer-Kette transformierte. Davor zog Dardai einen zweiten Schutzwall aus vier Profis, in dem Johannes van den Bergh links begann. Den Außenverteidiger hatte man ja schon fast vergessen, er stand zuletzt vor knapp sieben Monaten in der Startelf. Vorn, als einsame Spitze, kreiste der Japaner Genki Haraguchi, der wie erwartet den Vorzug vor Kalou erhalten hatte.
Jene Strategie führte zunächst zum erwarteten Spiel: Borussia rannte auf die zwei Schutzwälle an, Hertha machte die Räume eng und spekulierte auf Konter. Hätte Dardai eine Stürmerkreuzung aus den Stärken Haraguchis (Schnelligkeit) und Kalous (Torriecher) im Team, wäre der Matchplan schon nach 15 Minuten aufgegangen: Van den Bergh schickte Haraguchi, der flink vor dem BVB-Tor auftauchte, aber zögerte, bis Hummels ihm den Ball vom Fuß spitzeln konnte. „Wenn du da in Führung gehst, sieht es anders aus“, sagte Langkamp. Doch jene Szene leistete zunächst Überzeugungsarbeit bei den Berlinern: So konnte es gehen. Im ähnlichen Muster scheiterte Vladimir Darida an Roman Bürki im Borussen-Tor (20.).
Was man bei einem solchen Matchplan vermeiden sollte, ist Unachtsamkeit bei Standards. Nach einer kurzen Ecke hob Shinji Kagawa das Spielgerät in den Berliner Strafraum, dort wurde geträumt, Hummels köpfte aus fünf Metern das 0:1 (27.). „Mein Mann, das darf nicht passieren“, sagte Langkamp. Deutlicher wurde Dardai. Seine Mannschaft sei so gut ins Spiel gestartet.
Dardai hadert mit seinem Team
Dann kassiere sie aus dem Nichts das Gegentor. „Da braucht man Einsatz. Da geht es um Mentalität. Deswegen tut die Niederlage weh“, haderte der Ungar. Dardai sagte mal, er habe immer zwei Matchpläne. Er brachte nach der Pause Mitchell Weiser für den schwachen Valentin Stocker.
Doch gleich der erste gefährliche Angriff des BVB bedeutete das nächste Gegentor. Unbehelligt von der Hertha-Defensive passte Kagawa auf Matthias Ginter, der auf Aubameyang ablegte. Der schob den Ball unbedrängt ein, 0:2 (51.). Nun rollte die schwarzgelbe Angriffswelle vor 80.500 Zuschauern. Marco Reus (75.) und Hendrikh Mkhitaryan (82.) verfehlten frei das Tor. Aber Hertha kämpfte aufopferungsvoll dagegen an. Dardai brachte Alexander Baumjohann und Kalou, Matchplan Nummer zwei war nun ge-fragt. Und er zeigte Wirkung: Nach einer feinen Kombination über Darida und Baumjohann staubte Kalou zum 1:2 (78.), stand aber im Abseits. Ging da noch etwas? Nein. Als Hertha alles nach vorn warf, stand Ramos allein vor Kraft und setzte den Schlusspunkt.
„Wir haben uns heute schwerer getan als zuletzt“, sagte Tuchel. Auch das darf als Lob für die Berliner gelten.

