Es war ein heißer Augustsonnabend. Die Sandterrassen in der Kurve waren staubig. Erwartungsfrohe Spannung lag in der Luft. Tillich, Rehhagel, Rühl, Eder, Faeder – so begann die Mannschaftsaufstellung beim ersten Bundesligaspiel von Hertha BSC. Elaine war neun Jahre und machte das, was meist sonnabends anstand. Die Mama wollte daheim freie Bahn haben für die Vorbereitungen des Sonntags. Also wurden Ehemann und Töchterchen rausgeschickt. Zunächst im Kinderwagen um die Ecke zu Rapide Wedding. Ab August 1963 dann ins Olympiastadion, Hertha spielte als einziger Berliner Verein in der damals neu geschaffenen Fußball-Bundesliga.
Das ist mehr als 50 Jahre her. In gut zwei Wochen beginnt die Bundesliga-Saison 2015/16. Elaine wird wieder dabei sein. Als Vereinsmitglied, mit Dauerkarte im Olympiastadion. Es war eine Menge los in ihrem Leben. Es gab reichlich Veränderungen. Eine der wenigen Konstanten in ihrem Leben ist Hertha BSC.
Das „Was-machen-Frauen-eigentlich-beim-Fußball-Ding“ ist schnell durch. Sie war immer mit Freundinnen unterwegs. Klar testen die Kerle, ob frau weiß, worum es geht. Doch wer sich auskennt, wird akzeptiert. Wobei es aufschlussreich ist, genau hinzuschauen. Elaine ist nicht nur Stadiongängerin. Sie ist zehn-, zwölfmal im Jahr auf dem Schenckendorffplatz anzutreffen. Training gucken der Hertha-Profis. Weil man näher dran ist und mehr mitbekommt.
Elaine schaut genauer hin als so mancher Trainingskibitz, der lautstark versucht, sein Wissen aus den „11 Freunden“ über abkippende Sechser oder falsche Neuner an den Nebenmann zu bringen.
Elaine war selbst jahrelang Leistungssportlerin, hat später diverse Trainerscheine erworben, Kinder und Jugendliche trainiert. Sie war immer in Vereinen, hat im Tross über Jahre Berliner Weltklasse-Langstreckenläufer und -Läuferinnen betreut. Eine Zeit lang war sie dabei, wenn zu Tages- und Nachtzeiten Dopingproben im Auftrage von internationalen Sportverbänden genommen wurden. Elaine kennt sich aus im Hochleistungssport.
Und wundert sich über den Alltag von Profifußballern. Nein: Taktik, Systeme, Aufstellungen, da ist sie keine Expertin. Aber bei drei Eigenschaften sei im Profifußball reichlich Luft nach oben: bei der Mentalität, bei der Ernährung und bei der Regeneration.
Sie versteht, dass Trainer Pal Dardai irgendwann Ende vergangener Saison mal eine Nachmittagseinheit ausfallen ließ, um sich mit dem Team in einem Ausflugslokal im Grunewald zusammenzusetzen. Teamgeist schön und gut, aber Kaffee und Kuchen? Man könne Spitzensportlern drei Tage vor dem Wettkampf keine Produkte mit Industriezucker essen lassen.
Elaine regt es auf, wenn Hertha-Torjäger Salomon Kalou verlauten lässt, er laufe unter dem neuen Hertha-Trainer mehr als unter dem Vorgänger, weil es mehr Spaß macht. Da wird Elaine grundsätzlich und streng: Wer pro Saison wie Kalou mehr als eine Million Euro verdient, habe die verdammte Pflicht, in jedem Spiel alles zu geben. Das macht jeder Schwimmer, jeder Leichtathlet auch, das sei der ungeschriebene Ethos im Leistungssport.
Wie das so ist, wenn man über Jahrzehnte in einer Stadt lebt, hat Elaine ein weit verzweigtes Netzwerk. Immer mal wieder landen Informationen bei ihr, welcher Hertha-Profi nachts des Öfteren lange unterwegs ist. Elaine hat ein großes Verständnis für das Leben und seine Vielfalt. Aber für Profisportler seien gute Ernährung und Regeneration elementar.
Training ist interessant. Aber die Königsdisziplin ist der Wettkampf. Elaine ist ein Live-Junkie. Nicht zu wissen, wie es ausgeht, die Vorfreude, die Erregung, die Sorge, ob alles zusammenpassen wird, die Energie von 60.000 Zuschauern. Das hat sie als neunjähriges Mädchen an der Hand ihres Vaters beim ersten Besuch im Olympiastadion von Hertha BSC im Sommer 1963 fasziniert.
Das ist auch heute noch so. Am 21. August, beim ersten Heimspiel der neuen Saison, ist Elaine im Olympiastadion wieder da. Oberring, Block 3.2, Reihe 8.

