Kolumne

Das Orakel aus der Eistonne

Bernd im Waldstadion oder eine kleine Geschichte über eine große Zuneigung

Der dunkelblaue Mannschaftsbus hatte längst die Profis weggefahren, die Vans mit dem Trainerstab waren ebenfalls vom staubigen Parkplatz gerollt. Auch die Dorfjugend hatte das Waldstadion, mitten im Forst von Reichenwalde, verlassen. Der Hertha-Fan, nennen wir ihn Bernd, wartete, bis das letzte Motorengeräusch in der Ferne verklungen war. Es war die letzte Übungseinheit ­gewesen, dass Trainingslager am ­Scharmützelsee war beendet.

Seine Frau sagt, er sei verrückt. Bernd trägt es mit Fassung. Mit seiner Zuneigung zu Hertha BSC kann man halt nicht überall auf Verständnis hoffen. Bernd hat gelernt aus der Premiere vor zwei Jahren. Diesmal trägt er eine Badehose, im Auto liegt ein Handtuch.

Bernd schaut sich noch einmal um. Viele Leute würden das, was nun passiert, als Aberglauben bezeichnen. Für ihn ist es ein Ritual. Eines, das einen ­intimen Rahmen braucht. Nur ein ­Kumpel ist dabei.

Das Thermometer zeigt 27 Grad. Bernd zieht die Jeans aus und tippelt auf dem Weg, auf dem eben noch die Trainingskiebitze gestanden hatten, zu dem gelben Sichtschutz. Ein gelber Paravent, 1,65 Meter hoch und breit, mitten auf einer Grünanlage ist kurios. Ein Sportplatz ist ein öffentlicher Ort. Einer, der per Definition zum Gucken gedacht ist.

Bernd kommt dieser Sichtschutz gelegen. Für seine Leidenschaft muss man auch mal Opfer bringen. 46 Jahre ist er mittlerweile. Als Kind in Wedding, hörte er erstmals Namen wie Norbert Nigbur, Karl-Heinz Granitza oder Erich Beer. Seit 1988 ist er durchgehend Mitglied bei Hertha. Okay, fast durchgehend. 2009, nach dem Abstiegsjahr mit Friedhelm-Funkel-Fußball, ist er ausgetreten. Seit diesem Sommer ist er wieder Mitglied und hat sich für 2015/16 eine Dauerkarte im Unterring des Olympiastadions gekauft. Er sieht nicht mehr so gut, deshalb Block B. Er will die Gesichter der Spieler sehen, und nicht, wie vom Oberring aus, nur das taktische System.

Bernd hat die Plastikplanen umrundet. Er ist am Ziel. Sein Kumpel zückt das Smartphone, im Jahr 2015 gehört ein Selfie auch beim Hertha-Orakel dazu.

Begonnen hat das schon früher. Seit Jahren besucht Bernd das Steakhouse am Preußen zweimal im Monat. Immer am Mittag, wenn Hertha ab 15.30 Uhr spielt. Die Strafe, wenn er es an einem Sonnabend vor dem Stadionbesuch mal nicht zum Steak geschafft hat, war noch immer auf dem Fuß gefolgt: Dann haben die Blau-Weißen ihr Heimspiel verloren.

Bernd hat das T-Shirt ordentlich gefaltet auf den Rasen des Waldstadions gelegt. Die dunkelgrüne Plastikwanne, 1,20 Meter hoch, ist randvoll mit eiskaltem Wasser und Tausenden Eiswürfeln gefüllt. Die Profis von Hertha hatten am letzten Tag im Trainingslager keine Zeit für diese Art der Regeneration. Bernd steigt auf die Eistonne und sinkt Zentimeter für Zentimeter ein.

Er ist ganz anderer Meinung als ­seine Frau. Natürlich hat das nichts mit Verrücktheit zu tun. Ein Ritual will gepflegt sein. Vor genau zwei Jahren war Bernd schon mal zum Trainingsbesuch in Reichenwalde. Und hatte sich, ­nachdem der Fußballtross abgereist war, in die Eistonne gesetzt. Spontan, ohne Badehose, ohne Handtuch.

Es gibt für Fans bei der Unterstützung für die eigene Mannschaft Dinge, die man fühlen kann, aber nicht erklären. Bernd kann den Zauber von seinem ersten Eistonnen-Erlebnis nicht begründen. Unstrittig ist nur, dass Hertha nach seinem Tauchgang in Reichenwalde 2013/14 eine herausragende Hinrunde ablieferte und am Ende als Aufsteiger ­sicher die Bundesliga hielt.

Deshalb taucht Bernd auch im Juli 2015 bis zum Hals ins eiskalte Wasser. Es geht nicht um Abkühlung, es geht um Hertha. Um Unterstützung auf allen Ebenen. Bernd will helfen, die Voraussetzungen für einen optimalen Saisonstart zu schaffen. Und nirgendwo steht geschrieben, dass der Spirit für eine ­erfolgreiche Saison nicht aus einer ­Eistonne kommen kann.