Hertha BSC

Sandro Wagner - ein Stürmer nach Luhukays Geschmack

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Jörn Meyn

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Er gilt vielen als dritter Angreifer bei Hertha BSC. Weil Sandro Wagner aber die Maßgaben seines Trainers verkörpert, hat er Chancen in der Bundesliga. Diese Wertschätzung rechtfertigt er auch statistisch.

Das Ballnetz kündigte an, wie das Gespräch verlaufen würde. Sandro Wagner trug es, prall gefüllt mit einem halben Dutzend Bällen und wie zum Zeichen seiner Mannschaftsdienlichkeit, auf dem Rücken, als er einen Tag nach seinem Siegtreffer in letzter Minute gegen den FC St. Pauli (3:2) vom Trainingsplatz hinüber zu den Journalisten trat.

Lust hatte Wagner nicht. Zumindest nicht, über sich selbst als Matchwinner einer spektakulären Partie zu sprechen, in der Hertha BSC als glücklicher aber verdienter Sieger vom Platz ging. Ein schönes Erlebnis sei das für ihn gewesen, gab Wagner zu, ließ jedoch sogleich einen für ihn charakteristischen Nachsatz folgen: „Aber es war für die gesamte Mannschaft ein schöner Tag“.

Im Schatten von Lasogga

Es sind solche Wagner-Sätze, die mancher Beobachter auf ein gekonntes Medientraining zurückführen mag, die vom 25-Jährigen allerdings durch die bisherige Zweitligasaison hindurch beständig zu hören waren. Auch dann noch, wenn es für ihn allerbeste Gründe gegeben hätte, das eigene Profis mit knackigen Forderungen zu schärfen.

Vor einer Woche zum Beispiel wäre ein bisschen Ungemach von seiner Seite zumindest verständlich gewesen. Da hatte ihn sein Trainer Jos Luhukay im wichtigen Heimspiel um den Aufstieg gegen Sandhausen noch in der ersten Halbzeit eingewechselt, um ihn im zweiten Durchgang wieder vom Feld zu holen. Höchststrafe nennt man das bekanntlich.

Von Wagner aber war kein Ton des Missfallens zu hören. Und so ließ der U21-Europameister von 2009 auch am Montagmorgen die Gelegenheit ungenutzt, den eigenen Triumph des Siegtores gegen St. Pauli für verbale Eigenwerbung auszuschlachten.

Vielmehr kaprizierte er sich auf ein Dankeschön an den Vorlagengeber Levan Kobiashvili („Wir Stürmer sind von solchen Flanken abhängig“) und unterstrich noch einmal die für ihn maßgebliche Erkenntnis des Vortages: „Natürlich sind Tore wichtig für einen Stürmer. Aber wichtig ist auch, dass wir einen guten Mannschaftsgeist haben.“ Den hatte Hertha in Hamburg zweifellos. Wieder einmal gelang es, eine drohende Niederlage wenige Minuten vor Abpfiff noch abzuwenden.

Es war ein Moment, in dem Wagners Wert für Hertha BSC in dieser Saison deutlich hervortrat. In der Vergangenheit allerdings blieb dieser oft unbemerkt. Vielen gilt der zweifache Vater bestenfalls als dritter Stürmer hinter dem unumstrittenen Adrian Ramos (zehn Tore, 9 Vorlagen) und dem bei den Fans beliebten Pierre-Michel Lasogga.

Ihm, nicht Wagner etwa, gebühre die Rolle als Ramos-Herausforderer. Luhukay dagegen scheint eine andere Meinung zu haben. In der Rückrunde brachte er zumeist nicht Lasogga sondern Wagner als erste Alternative zu Ramos. „Man hat immer Spieler, die von den Medien oder den Fans besser gesehen werden“, sagt der Niederländer. „Aber ich entscheide nach Trainingseindrücken.“ Und da hat Wagner die Nase vor .

Fünf Treffer in lediglich 1005 Spielminuten

Zudem kann er mit fünf Toren und zwei Vorlagen auf eine Saisonausbeute verweisen, die auf den ersten Blick zwar wenig beeindruckt, auf den zweiten allerdings Luhukays Wertschätzung für Wagner auch statistisch rechtfertigt. Denn die fünf Treffer erzielte der Angreifer in lediglich 1005 Spielminuten. Alle knapp 200 Minuten trifft der gebürtige Münchner und hat damit eine bessere Quote als Ramos (alle 228 Minuten) und Sami Allagui (242), der oft auf den Flügel ausweichen musste.

Maßgeblicher für Luhukay aber ist weniger Wagners Torquote, als vielmehr dessen Charaktereigenschaften. Wagner ist geradezu das Paradebeispiel eines Profis nach Luhukays Geschmack: ehrgeizig, fleißig, vor allem aber überaus mannschaftsdienlich. „Sandro hatte vor der Saison die Hoffnung auf die erste Elf“, sagt Luhukay. „Wie er aber die Rolle als Einwechselspieler ausgefüllt hat, war klasse. Er hat uns immer geholfen.“ Ein Team, das erfolgreich sein will, brauche genau solche Typen, so der Trainer.

System mit einer Spitze bleibt

Luhukay hat angekündigt, auch in der Bundesliga verstärkt auf die guten Charaktereigenschaften seiner Spieler setzen zu wollen. Die größere Qualität werde in vielen Partien auf Seiten des Gegners zu finden sein, so der 49-Jährige. Für Wagner wird es nicht einfacher, sich seinen Platz in Herthas erster Formation zu erkämpfen. Denn vom eingespielten System mit nur einem Stürmer wird Luhukay nicht abrücken. „Welche Bundesligamannschaft spielt noch mit zwei Stürmern?“, fragt der Trainer. Bei Hertha habe sich das System mit einem Stürmer und Ronny als Spielmacher dahinter etabliert.

Obwohl Wagner in dieser Spielzeit zumeist nur als Joker in die Partien kam (28 Spiele, 20 Mal eingewechselt) hat er dennoch gute Chancen, auch in Liga eins ein wichtiger Faktor für Hertha zu werden. Gerade weil er Luhukays Maßgaben verkörpert.

Und dazu gehört auch das Selbstbewusstsein, es mit jedem Konkurrenten aufnehmen zu können: „Im nächsten Jahr werden die Karten neu gemischt“, sagt der Stürmer kess. „Da hat jeder die Chance, sich in der Vorbereitung neu anzubieten.“ Dass in der Presse zumeist nicht sein Name, sondern der von Lasogga fällt, wenn es um Alternativen im Sturm geht, kümmert ihn wenig. Er beantwortet die Frage danach lieber mit einem typischen Wagner-Satz: „Wir brauchen jeden Mann. Wir sind nicht nur elf Spieler. Wir sind eine Mannschaft.“ Luhukay konnte das nicht hören. Es hätte ihm aber gefallen.