Die Mannschaft spulte bereits seit einer halben Stunde das Programm auf dem Trainingsplatz ab, als sich abseits des Schenkendorff-Platzes ein Duo auf den Weg machte. Konditionstrainer Henrik Kuchnow bestimmte das Tempo, neben ihm trabte vorsichtig Peter Niemeyer (29). Die Zehenprellung, die sich der Mittelfeldspieler im Trainingslager in der Türkei beim Test gegen den FC Lugano zugezogen hat, erweist sich als unerwartet hartnäckig.

Zunächst hatte Niemeyer gehofft, nach zwei Tagen Pause in Belek wieder trainieren zu können. Daraus wurde nichts. Dann hatte Niemeyer angekündigt, nach zwei freien Tagen zu Wochenbeginn wieder gemeinsam arbeiten zu können. Auch daraus wurde nichts. 40 Minuten joggte Niemeyer über das weitläufige Gelände im Schatten des Olympiastadions.

Trainer Jos Luhukay hatte nach der Übungseinheit keine gute Nachricht: „Peter wird auch Mittwoch nur Laufen. Am Donnerstag wird er versuchen, mit der Mannschaft zu trainieren.“ Das heißt nichts anderes, als dass der Einsatz von Niemeyer zum Jahresauftakt Sonntag in Regensburg auf der Kippe steht (13.30 Uhr). Hertha zittert um seinen Kapitän.

Schwer zu ersetzen

Grundsätzlich sind beim Aufstiegsaspiranten alle Positionen doppelt besetzt. Luhukay hat trotz gravierender Ausfälle in dieser Saison nicht ein einziges Mal geklagt. Weder als Peer Kluge in Aue am Vormittag des Spieltages wegen eines Magen-Darm-Infektes ausfiel. Oder als Torwart Thomas Kraft sich Minuten vor dem Anpfiff zum Derby beim 1. FC Union nach dem Warmmachen wegen Rückenproblemen abmeldete.

Doch Niemeyer ist einer der wenigen Profis im Team, der das Label „nur schwer zu ersetzen“ beanspruchen darf. Seine Wertschätzung lässt sich nicht nur aus den Zahlen von zwei Toren und zwei Vorlagen herleiten. Der früher in sich gekehrte Grübler hat sich zu einem Typ entwickelt, der extrovertiert auftritt. Mit seiner Körpersprache und seiner Zweikampfführung signalisiert er jedem Gegner: Für euch gibt es gegen Hertha nichts zu gewinnen.

Auch intern hat sich Niemeyer entwickelt. Von einem Profi, der auf sich, seinen Körper und seine Leistung geschaut hat, hin zu einem, der die gesamte Gruppe im Blick hat. Er feuert die Kollegen an, mahnt, wenn jemand zu großspurig auftritt. Und macht Mut, wenn einer den Kopf hängen lässt.

Mit seiner aggressiven Art macht das defensiven Mittelfeld-Duo Niemeyer/Kluge Eindruck in der Zweiten Liga. Keine Mannschaft hat so wenig Gegentore durch die Mitte des Spielfeldes kassiert, kein Team hat so wenig Kontertore zugelassen wie Hertha - an beiden Bestwerten haben Niemeyer und Kluge gehörigen Anteil. Nun ist ein kleiner Schlag dabei, gravierende Auswirkungen zu haben – Niemeyer hatte unter die Sohle eines Gegenspielers getreten.

Niemeyer hält sich mit Prognosen zurück. Er sagte der Morgenpost: „Wir schauen im Moment von Tag zu Tag, was geht.“ Die Prellung an zwei Zehengelenken ist schmerzhaft. Aber natürlich will Niemeyer vorweg gehen.

Bei Luhukay ist er gesetzt

„Ich tue alles, damit ich am Sonntag in Regensburg spielen kann.“ Nur, mit seinem Alter und der Erfahrung von mehr als zehn Jahren im Profigeschäft weiß er: Auch wenn es gegen den Tabellenletzten Regensburg geht, das Niveau in der Zweiten Liga lässt keinen Spielraum für halbe Sachen: Nur ein fitter Spieler kann der Mannschaft helfen.

Trainer Luhukay macht keinen Hehl daraus, dass Niemeyer eigentlich gesetzt ist: „Im Kopf steht meine Startelf für Regensburg.“ Er werde sie jedoch nicht verraten. „Das Beispiel mit Peter zeigt, dass täglich etwas passieren kann und wir dann ändern müssen.“

Sollte die Begegnung beim SV Jahn für den Kapitän zu früh kommen, wäre sein mutmaßlicher Nachrücker der erfahrenste Spieler im Kader. Levan Kobiashvili (35), der die Routine von 336 Bundesliga-Einsätzen und 100 Länderspielen für Georgien mitbringt, hat Niemeyer in dessen Verletzungspause Mittelfeld vertreten.

Kobiashvili fehlt es an Dynamik

Beobachter des Trainingslagers in der Türkei monieren nach den Testspielen gegen Lugano und Sturm Graz jedoch, dass es Kobiashvili nach seiner siebenmonatigen Rekordsperre seit dem Mai 2012 aktuell an Dynamik fehle. Intern bei Hertha wird das anders beurteilt. So war Kobiashvili nie als Vorbereitungs-Weltmeister aufgefallen. „Levan braucht das Wissen: Es geht um Punkte, jetzt ist es ernst“, sagte Manager Michael Preetz. „Und dann war stets auf ihn Verlass.“

Kein Argument gegen Kobiashvili sei dessen fortgeschrittenes Alter. Das verdeutlichte Trainer Luhukay am Dienstag mit dem Beispiel eines seltenen Trainingsgastes, der im dicken Anorak die Einheit an der Bande des Schenkendorff-Platzes verfolgte. Luhukay begrüßte Ex-Nationalspieler Oliver Neuville herzlich, der für einen Tag seinen ehemaligen Kollegen Peer Kluge in Berlin besuchte. „Oliver war in Mönchengladbach mein Kapitän im Aufstiegsjahr“, erzählte Luhukay. „Das war eine schöne Geschichte. Rob Friend hat 18 Tore erzielt, Oliver 15 und noch zehn Assists gemacht. Und das mit 35 Jahren.“