Drei Siege reichten

Als Otto Rehhagel zu Hertha BSC stieß, übernahm er eine Trümmertruppe, frustriert und ratlos. Fünf Spiele hatte die Mannschaft unter Vorgänger Michael Skibbe am Stück verloren, der letzte Sieg lag gar elf Spieltage zurück. Und auch der Neue erlebte einen herben Dämpfer: Beim 0:3 beim inzwischen geretteten Konkurrenten FC Augsburg trat sein Team so mut- und ideenlos auf, dass einem Angst und Bange wurde. Eine Woche später allerdings schien sich alles in die rechten Bahnen zu fügen dank eines umjubelten 1:0 gegen Rehhagels Ex-Klub Werder Bremen. Und doch: Das eine Spiel begründete keinen Trend, die nächsten beiden Partien gingen verloren. Den wahrscheinlich stärksten Auftritt unter Rehhagel legte sein Team in der zweiten Halbzeit beim 3:3 in Leverkusen hin, als das Team in Unterzahl das Spiel noch um ein Haar gedreht hätte. Hertha hat unter dem 73-Jährigen 27 Gegentore hinnehmen müssen - und konnte nur 13 Treffer entgegensetzen. Doch drei Siege unter Rehhagel haben dann doch für die Relegation gereicht.

Etwas Glanz zurückgebracht

Es gibt viele Beobachter, die Otto Rehhagel nach ein paar Wochen den Beinamen Märchenerzähler gegeben haben. Das hat sich der 73-Jährige allerdings auch selbst zuzuschreiben. All zu oft schweifte der Trainer in seinen Erklärungen in die Vergangenheit ab. Seine Aura allerdings, dieses mit Titeln gesegnete Selbstbewusstsein, hat er sich stets bewahrt. Und versucht, diese Sieger-Mentalität an seine Profis weiterzugeben. Wenn er in einer noch so langweiligen Pressekonferenz nur den Arm und die Stimme hob, klickten die Fotoapparate, als würde gerade der nächste Bundespräsident vereidigt. Mit seiner ruhigen und väterlichen Art schaffte er, woran sein Vorgänger Skibbe vor allem gescheitert war: die Ruhe im Verein wieder herzustellen. Rehhagel hat Hertha für drei Monate den Glanz zurückgegeben. Seine Aura hob den Klub bundesweit in die Schlagzeilen. Wenn er die Relegation positiv gestaltet, hat Hertha alles richtig gemacht.

Späte Erkenntnisse

Auch der erfahrene Trainer-Fuchs leistete sich in Berlin einige handwerkliche Fehler. Sein auf Krawall gebürsteter Einstand zum Beispiel, mit dem er gar nicht gut ankam. Vor allem seine Aussage, er habe in Berlin nichts zu verlieren, hat die Fans irritiert. Letztlich muss sich Rehhagel auch ankreiden lassen, den eigenen Prinzipien nicht ganz treu geblieben zu sein. Besonders deutlich wurde dies rund um die Wahl des Bundespräsidenten, an der Rehhagel teilnehmen durfte. Es war der Tag nach dem 0:6 gegen den FC Bayern, und während Rehhagel in der Bundesversammlung weilte, sprach sich das Team inklusive Manager zwei Stunden lang aus. Niemand hat dem Coach verübelt, an der mit viel Ehre verbundenen Wahl teilgenommen zu haben. Aber er hätte das sonntägliche Training inklusive Sitzung vorziehen können. Den größten Fehler aber beging Rehhagel wohl in der Annahme, seine bloße Anwesenheit würde das Ruder herumreißen. Spät erkannten er und seine Assistenten die wahren Probleme - fast zu spät.

Der Mann der leisen Töne

Otto Rehhagel kam als der große Motivator nach Berlin. Die tägliche Trainingsarbeit übernahmen seine Co-Trainer René Tretschok und Ante Covic. Das war von vornherein so abgesprochen und wurde auch so kommuniziert. Demnach erarbeiteten Covic und Tretschok die Trainingspläne zu zweit, legten sich am Ende aber immer dem Chef vor. Meistens hatte er keine großen Einwände. Nein, Rehhagels Aufgabe lag tatsächlich weitaus mehr neben dem Platz. Wenn er das Gespräch mit den Spielern suchte, sie in fast väterlicher Manier zur Seite nahm. So ähnlich beschrieb es zumindest Nikita Rukavytsya, der in den Monaten vor Rehhagels Inthronisation nicht viel zustande bekommen hatte. Gleich im zweiten Spiel schoss er das entscheidende Tor. Die emotionale Motivation auf dem Trainingsplatz überließ er seinen Assistenten, allen voran Ante Covic. Rehhagel dagegen setzte auf die leisen Töne. Mit einem Teamabend in der vergangenen Woche hat er die vom Zerfall bedrohte Mannschaft wieder zusammengeschweißt - mit Erfolg.

Ein Rekord für die Ewigkeit

Es gibt tatsächlich nur eine Handvoll Rekorde, die für die Ewigkeit sind. Otto Rehhagels Zahl an Bundesliga-Spielen gehört aber in jedem Fall dazu. 824 Bundesliga-Partien hatte er schon vor Hertha als Trainer erlebt, in Berlin kamen noch einmal zwölf hinzu. Rehhagel weiß um die Wirkung dieser Zahl, er kokettiert damit gar. Als vor dem Spiel gegen Bayern München Jupp Heynckes in den Fokus rückte, weil er gegen Hertha sein 600. Spiel feierte, da konterte Rehhagel ganz trocken: "Dann soll er sich mal anstrengen, dann schafft er meinen Rekord noch." Rehhagels Erfahrung gerade auch mit Außenseiter-Teams dürfte der ausschlaggebende Grund für seine Verpflichtung im März gewesen sein. Vor Hertha hatte der 73-Jährige schon zehn Trainerstationen, zudem führte er die griechische Nationalmannschaft 2004 sensationell zum EM-Titel. In Berlin fand er nun aber Bedingungen vor, bei denen er sich selbst erst orientieren musste. Seine bloße Erfahrung kam gerade noch rechtzeitig für das kleine Zwischenziel.

Verbundenheit mit Berlin

Otto Rehhagel ist ein Berliner. Nein, kein gebürtiger, aber zumindest sportlich. 1963 war Hertha sein erster Klub in der neu gegründeten Bundesliga. Hertha ist ihm eine Herzensangelegenheit, und so musste er im Frühjahr nicht lange zögern, als er nach Berlin gerufen wurde. Allerdings zeigte er sich zunächst von seiner schroffen Seite und so gesehen den Berliner nicht unähnlich. Erst mit der Zeit - und mit den Niederlagen - erkannte Rehhagel, dass ihn Berlin nur lieben lernt, wenn er sich öffnet. Zuletzt gab er nicht mehr so oft den Oberlehrer wie zuvor. Rehhagel hat begriffen, dass es doch viel zu verlieren gibt in Berlin, wenn auch nicht für ihn. Für einen ausgemachten Sturkopf ist eine derartige Veränderung ein bemerkenswerter Vorgang, der auch maßgeblich zum Erreichen der Relegation beigetragen hat.

BMO