Abstiegskampf

Hertha droht nach Freiburg-Pleite die Zweite Liga

Das Rehhagel-Team verpasst im Abstiegskampf erneut eine Riesenchance. Hubnik schießt Eigentor und zieht sich eine Knöchelverletzung zu.

Ein Abendtermin in der Woche, ein etwas mehr als zur Hälfte gefülltes Olympiastadion – inmitten dieser letzten englischen Woche der Saison lieferte das Heimspiel von Hertha gegen Freiburg einen unangenehmen Vorgeschmack auf ein mögliches Zweitliga-Jahr 2012/13. Die Chance, dass es so kommt, ist durch das 1:2 (0:1) vor 45.778 Zuschauern immerhin wieder ein Stück größer geworden. Dabei hatte die Konkurrenz im Tabellenkeller Hertha an diesem ersten Teil des 30. Spieltages eine Steilvorlage nach der anderen geliefert. Da ließ der Drittletzte Köln sich von Mainz willenlos abschießen; da unterlag Augsburg zu Hause dem VfB Stuttgart. Platz 15 – das rettende Ufer, hätte so nah sein können. Aber die Berliner taten über weite Strecken ihrer eigenen Partie so, als ginge sie das alles gar nichts an. Abstiegskampf? Wird laut Lehrbuch anders geführt. Und wenn dann noch in zwei entscheidenden Szenen mit Roman Hubnik – wenn auch sicherlich unabsichtlich – der eigene Mann das Unternehmen torpediert...

In Summe verbleibt Hertha auf Tabellenplatz 17, der am Saisonende am 5. Mai den direkten Verweis in die Zweite Liga zur Folge hätte. „Die bittere Niederlage müssen wir verdauen. Aber es sind noch vier Spiele, noch ist nichts verloren. Es wird ein Kampf bis zum letzten Spieltag“, meinte Mittelfeldkicker Andreas Ottl. Und Coach Otto Rehhagel fügte an: „Die Konkurrenten haben auch verloren, also ist alles wie vorher. Aber es wird natürlich immer enger.“

Vom Berliner an sich heißt es, er entdecke seine Hingabe für Hertha in besonders großer Zahl immer dann, wenn es den Blau-Weißen entweder besonders gut oder im Gegenteil außergewöhnlich schlecht geht. Insofern wäre etwas mehr zahlenmäßige Unterstützung im sportlichen Existenzkampf durchaus angemessen gewesen, zumal an einem Tag der Osterferien. Immerhin die Stadionregie beherrschte die Psychologie im Abstiegskampf. Zwischenergebnisse der anderen Spiele wurden nur eingeblendet, sofern sie positiv für Hertha ausfielen. Als Mannschaft auf Tabellenplatz 17 lag es zuvorderst aber an Hertha selbst, für Vorankommen zu sorgen – und das misslang nun mal gründlich.

Kampfgeist fehlte lange Zeit

In die von ihm so bezeichnete „Entscheidungsschlacht“ gegen Freiburg war Rehhagel mit exakt demselben Personal wie in Mönchengladbach gezogen. Das dort beim 0:0 aber 90 Minuten erfolgreich verteidigte zu Null hatte diesmal ganze sieben Minuten Bestand. Da lenkte Hubnik eine an sich gefahrlose Hereingabe von Freiburgs Angreifer Dembele technisch durchaus anspruchsvoll mit hohem Bein ins eigene Tor ab. Hertha-Keeper Thomas Kraft war machtlos, für den armen Tschechen war es schon das zweite Eigentor in der laufenden Spielzeit.

Energisch holte Christian Lell den Ball aus dem Netz, „weitermachen, einfach weitermachen“, wollte er damit den Kollegen signalisieren. Weiter machten zunächst aber nur die Gäste vom Sportclub. Nachdem sie sich ansehnlich durch die Berliner Abwehrreihen kombiniert hatten, jagte Dembele den Ball frei vor Kraft aber über den Querbalken (18.). Dann rettete der Torwart schon in fast aussichtsloser Lage per Fuß gegen Schmid (30.). Und Hertha? „Wir woll'n euch kämpfen seh'n“, intonierte kennerisch die Ostkurve. Denn ihre Lieblinge spielten zwar hübsch, vor allem Raffael mühte sich, doch fand keinen geeigneten Spielpartner. Mehr Ballbesitz hatten die Berliner, aber ließen in den letzten Metern vor dem Tor doch eklatant den letzten Biss vermissen. Als bittere Parallele zum Spiel von Ostersonnabend dauerte es wie in Gladbach bis unmittelbar vor dem Pausenpfiff, ehe sich der Rehhagel-Elf die erste Torchance eröffnete. Raffael köpfte den Ball nach Freistoß von Rukavytsya neben das Gehäuse.

Der Hoffnung folgend, dass mehr Stürmer gleichzusetzen sind mit mehr Offensivgefahr, wechselte Rehhagel zur Pause Pierre-Michel Lasogga für Rukavytsya ein. Doch mit Wiederanpfiff hakte nun selbst das bis dahin noch recht flüssige Kombinationsspiel. Mit Ebert für Ottl wurde die Ausrichtung noch offensiver. Doch all das bewirkte: rein gar nichts. Nur Fernschüsse blieben als Mittel. Wo ein Ausgleich nun immerhin möglich war, setzten die Freiburger stattdessen den schon entscheidenden Wirkungstreffer durch Freis, und wieder sah Hubnik alles andere als erstligareif aus.

In einer wilden Schlussphase verkürzte ausgerechnet Hubnik. Einen zur Bogenlampe abgefälschten Raffael-Schuss köpfte der Pechvogel des Tages vom Elfmeterpunkt aus zum 1:2-Anschlusstreffer ins Netz (81.). Wenig später schied der Tscheche mit einer Knöchelverletzung aus, die für ihn vielleicht das Saisonaus bedeuten kann. Erst im Endspurt entwickelte das Anrennen die verzweifelte Leidenschaft, die das Publikum gern schon viel früher gespürt hätte. Es kam zu spät, beim Schlusspfiff vollführte nur die Freiburger Bank Jubelstürme, während den wenigen Hertha-Kickern, die sich in die Ostkurve wagten, wütend „Absteiger, Absteiger“ entgegenhallte.

Die „Entscheidungsschlacht“ gegen Freiburg hat Hertha verloren. Vier weitere Spiele verbleiben, ebenso die Hoffnung: Denn noch ist Hertha nicht abgestiegen. Aber der Weg zum Klassenerhalt ist deutlich schwieriger geworden.