Fussball

Hertha ist ein Team mit zwei Gesichtern

Bei Hertha BSC wechseln derzeit gute und schlechte Phasen zu häufig – oft sogar in einem Spiel. Das Ergebnis lautet: Mittelmaß.

Trainer Pal Dardai fand nicht viel zu loben am Auftritt seiner Mannschaft beim glücklichen 0:0 in Bremen

Trainer Pal Dardai fand nicht viel zu loben am Auftritt seiner Mannschaft beim glücklichen 0:0 in Bremen

Foto: Huebner/Ulrich / imago/Jan Huebner

Berlin.  Was die Disziplin des antizyklischen Lobens angeht, zählte diese jahrelang zum Hoheitsgebiet von Uli Hoeneß. Inzwischen ist dem Manager des FC Bayern Konkurrenz aus Berlin erwachsen. Auch Herthas Trainer Pal Dardai findet immer wieder Gefallen daran, Dinge etwas anders einzuordnen, als der allgemeine Tenor es erwarten lassen würde. Nach dem 0:0 von Hertha BSC bei Werder Bremen lobte der Coach ausgerechnet Kapitän Vedad Ibisevic, obwohl der Torjäger unmittelbar nach seiner Einwechselung die größte Berliner Chance zum Siegtreffer im Weserstadion kläglich vergeben hatte. Ibisevic habe das gut gemacht, schließlich müsse ein Stürmer erst einmal an der richtigen Stelle stehen, um überhaupt in solche Abschlussaktionen zu kommen, fand Dardai.

Lob für Ibisevic, Kritik an Selke

Für Ibisevics Vorgänger Davie Selke und viele andere Spieler hatte der Ungar dagegen weniger Zuspruch ­übrig. „Davie hat die Tiefe und die Mitte nicht gehalten. Das war nicht in Ordnung. Vielleicht war er übermotiviert und wollte in Bremen zu viel zeigen“, sagte Dardai. Und: „Wenn so viele Spieler eine schlechte Tagesform ­haben, müssen wir überlegen, woran das liegt.“

Dardai bezieht in seine Analysen gern mehrere Punkte ein und stellt sich sehr unterschiedliche Fragen. War der Anreisetag vielleicht zu früh? Anders als zuletzt reiste Hertha schon einen Tag vorher an den Spielort. War die ­Belastungssteuerung unter der Woche richtig? Stimmte die Mischung aus ­Intensität und Ruhe? Das alles mag den Trainer ehren, nur könnte die Antwort auf Herthas Verharren im Mittelfeld von ganz banaler Natur sein: Die Mannschaft ist in dieser Saison Stand jetzt nicht besser als die Tabellenregion, in der sie quasi seit Beginn der Spielzeit feststeckt. Platz elf, sechs Siege, acht Unentschieden, sechs Niederlagen sind der Beleg für den Durchschnitt, den Hertha 2017/18 verkörpert.

Fünf Punkte Rückstand auf internationale Plätze

Hertha „Halb & Halb“ – klingt wie der Werbeslogan des Brustsponsors aus der Saison 1978/79 (Kräuterlikör Mampe), bezeichnet aber die Gegenwart beim Hauptstadt-Klub. Mal ist das Glas halbvoll, wie nach dem 1:1 gegen Europapokal-Anwärter Dortmund. Dann wieder halbleer wie nach dem ­erneuten Remis bei Abstiegskandidat Bremen. Der Rückstand auf die internationalen Plätze beträgt lediglich fünf Punkte, nur scheitern die Berliner in steter Regelmäßigkeit, wenn es darum geht, den Abstand nach oben zu verkürzen. Es gab Zeiten, da wäre eine ­Saison im gesicherten Mittelfeld durchweg positiv betrachtet worden. In diesem Jahr bekommt die Spielzeit den Beigeschmack der verpassten Möglichkeiten, weil regelmäßig gegen Gegner aus der unteren Tabellenregion Punkte liegengelassen werden.

Verantwortliche und Mannschaft wussten, dass es durch die Teilnahme an der Europa League kein einfaches Jahr werden würde. Deshalb heißt das offizielle Saisonziel „ein Platz unter den ersten Zehn“. Nur ist der Wettbewerb inzwischen Geschichte – aber Hertha tritt weiter auf der Stelle. Noch immer wartet man 2018 auf den ersten Sieg, hat allerdings auch nur ein Spiel verloren – und das unglücklich durch ein Eigentor 0:1 in Stuttgart.

Erst ein Treffer in drei Rückrundenspielen

Ein Grund für das Nichtvorankommen ist die fehlende Konstanz innerhalb der 90 Spielminuten. Wie schon gegen Dortmund verschlief Hertha in Bremen eine Halbzeit, dieses Mal war es die erste. In Stuttgart gab es einen deutlichen Leistungsabfall in Hälfte zwei zu beobachten. „Wir haben dem Gegner zu viele Chancen erlaubt“, sagt Dardai, der vor allem mit der passiven Spielweise in den ersten 45 Minuten haderte. „Von unserem Plan, hoch zu verteidigen, war nichts zu sehen. In der zweiten Hälfte war es besser.“ Valentino Lazaro sah es ähnlich: „In der ersten Halbzeit haben wir zu 80 Prozent nur in der Defensive ausgeholfen, weil wir nicht kompakt genug waren.“

Die Frage ist nur, warum? An mangelndem Willen kann es nicht liegen, findet Dardai, der dafür eine Statistik heranzieht: „Die Mannschaft will. Wenn sie insgesamt 119 Kilometer läuft, bedeutet das, dass sie motiviert war.“ Nur verdeutlichte die Bremer Großchance in letzter Sekunde auch, dass es Konzentrationsmängel gibt. „Mit der Situation bin ich überhaupt nicht zufrieden. Dem Gegner so spät noch die Möglichkeit zum Sieg zu geben, geht nicht“, sagt Dardai. Halb und halb, auch was die Offensive angeht. Während der Hinrunde war Hertha in Tor-Spektakel involviert wie beim 3:2 in Leipzig oder dem 3:3 in Wolfsburg. In der Rückrunde: drei Spiele, ein Tor.

Gegen Hoffenheim soll endlich ein Sieg her

Gegen Hoffenheim soll am Sonnabend der erste Sieg 2018 her. Zumal der Gegner aus seinen letzten vier Spielen nur einen Punkt holte. „Ich bin optimistisch, weil wir zu Hause spielen. Mit den Fans können wir Druck machen, das hat man gegen Dortmund gesehen“, sagt Selke. Dardai möchte Bremen ohnehin hinter sich lassen. „Thomas Kraft positiv, Jordan Torunarigha positiv“, so sein Fazit. Ansonsten sei es ein Spiel gewesen, „das man schnell vergessen muss“.