Kongress

148 Berliner Fans dürfen in kein Fußballstadion

2946 Betretungsverbote sind derzeit für deutsche Fußballstadien in Kraft. In Berlin sind es 86 bei Hertha und 62 bei Union. Beim Fankongress am Wochenende in Berlin sind sie das bestimmende Thema.

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Noch im Sommer 2012 kapitulierten die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor dem Druck der Innenminister und kündigten an, die Dauer der Stadionverbote von drei auf fünf Jahre erhöhen und in schweren Fällen sogar zehn Jahre verhängen zu wollen. Diese Forderung wurde jedoch so nie umgesetzt.

Stattdessen fanden Fanvertreter und Verbände wieder zusammen. In einem langwierigen Verfahren wurden die Regeln für die umstrittenen Stadionverbote jetzt flexibler gestaltet. Eine Niederlage für die Hardliner auf beiden Seiten, aber gleichzeitig nimmt die Reform die Fußballfans noch mehr in die Verantwortung.

Als sich die vom DFB eingesetzte Arbeitsgruppe Stadionverbote erstmals traf, gab es gleich ein Ultimatum. Die als Netzwerkpartner eingeladenen Vertreter von Fans, Vereinen, Polizei und Justiz machten klar, dass sie keinesfalls gewillt waren, ein Papier auszuarbeiten, dessen grundlegende Ziele schon vorher vom DFB festgelegt wurden. Damit war die Hauptforderung der Sicherheitskonferenz mit dem damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schon in der ersten von zehn Sitzungen vom Tisch.

Höchststrafe nur fünf statt zehn Jahre

„Statt der geforderten Anhebung der Höchstdauer auf zehn Jahre gibt es jetzt die Möglichkeit, dass ein laufendes Stadionverbot auf bis zu 60 Monate verlängert wird, wenn die Person während des erteilten Stadionverbots erneut auffällig wird“, sagte Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des DFB, über die seit 1. Januar gültigen Richtlinien. An diese Maximalstrafe sind jedoch besondere Bedingungen geknüpft. Sie soll nur in besonders schweren Fällen angewandt und muss besonders begründet werden.

„Damit soll Willkür der Riegel vorgeschoben werden“ begründet Andreas Birnmeyer diese Regel. Der Geschäftsführer der mit 56.000 Mitgliedern größten Fanvereinigung des Hamburger SV („Supporters Club“) war als Vertreter der Gruppe „Unsere Kurve“ an der Ausarbeitung der neuen Stadionverbotsrichtlinien beteiligt. Hauptanliegen der neuen Ordnung ist es, Ungerechtigkeiten aus dem alten System zu verbannen und für mehr Transparenz zu sorgen.

86 Stadionverbote bei Hertha, 62 bei Union

So wird die Dauer der Stadionverbote nun in Monaten statt bisher in Jahren angegeben, so dass Klubs die Möglichkeiten haben, die Dauer den Vorwürfen entsprechend anzupassen. Häufig wurde nicht differenziert, sondern gleich die Höchststrafe verhängt, obwohl die zur Last gelegten Vergehen eine Spannweite vom einfachen Kleben eines Aufklebers bis hin zu schwerer Körperverletzung hatten.

„Auf Drängen der Fanvertreter wurde bewusst mehr Flexibilität eingebaut. So können Jugendliche auch nach Bagatelldelikten wieder eingefangen werden“, ist sich Birnmeyer sicher. Eine frühe Radikalisierung von Anhängern soll so vermieden werden.

Eine Ungerechtigkeit der bisherigen Regelung kassierte die Arbeitsgemeinschaft auch gleich mit. Bisher endeten die Stadionverbote nicht nach Ablauf der ausgesprochenen Dauer, sondern erst mit dem Ende der entsprechenden Saison. So konnte in manchen Fällen der Ausschluss ein Jahr länger als eigentlich vorgesehen dauern.

Erst seit 2014 gilt das Recht auf Anhörung

Ähnlich wie auch in vielen anderen Sicherheitsbereichen des Fußballs strebt der DFB auch beim Thema Stadionverbot eine engere Verzahnung aller Beteiligten an. Teil dieses Netzwerkansatzes ist die Verpflichtung, dass bei der Aussprache von Stadionverboten immer die Bezugsvereine kontaktiert, bei Minderjährigen auch verpflichtend die Eltern hinzugezogen werden müssen. Auch die örtlichen Fanprojekte wurden aufgewertet. Zudem ist für die Betroffenen ein Anhörungsrecht vorgesehen.

Trotz dieser Reformen bleiben Stadionverbote wohl das umstrittenste Instrument für Sicherheit im Fußball. Aktuell sind 2946 bundesweite Betretungsverbote für Stadien in Deutschland in Kraft. In Berlin sind es 86 bei Hertha und 62 bei Union, wovon 19 auf Bewährung ausgesetzt sind.

Der DFB pocht darauf, dass die Vereine ihr Hausrecht nutzen, um sich vor potenziellen Störern zu schützen. Fanvertreter sehen den Ausschluss als Bestrafung außerhalb rechtstaatlicher Verfahren.

Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht aus

2009 sah der Bundesgerichtshof die Praxis der Stadionverbote als rechtmäßig an. Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts steht aber noch aus, obwohl sie für 2013 angekündigt wurde.

„Selbst wenn die Verbote rechtlich korrekt sein mögen, in der subjektiven Wahrnehmung vieler Anhänger sind sie es nicht. Aber ganz wird man diesen Konflikt sicher nie lösen können“, sagte Birnmeyer.

Beim bundesweiten Fankongress, der am Wochenende im Berliner Kino Kosmos (jeweils ab 9 Uhr, hier finden Sie das Programm) stattfindet, treffen Fanvertreter und DFB wieder zusammen, 500 bis 700 Teilnehmer werden erwartet.

Am Wochenende im Kino Kosmos

Im Gegensatz zum Kongress vor zwei Jahren wird der DFB-Sicherheitsbeauftragte dieses Mal wohl nicht mit großer Ablehnung empfangen werden. Hendrik Große Lefert hat kein Problem damit, sich unter die Fans zu begeben: „Bei solchen Veranstaltungen muss man präsent sein. Schon allein, um die eigene Arbeit transparent zu machen.“ Mit den neuen Stadionverbotsrichtlinien wird er von Gegnern sicher keinen Beifall bekommen. Doch durch die Moderation im Netzwerk mit vielen Beteiligten ist es dem DFB gelungen, die Hardliner auf beiden Seiten an den Rand zu drängen und die Diskussion zu entspannen. Nun muss die Masse der Fans dieses Vertrauen rechtfertigen. Denn die Forderung nach längeren Stadionverboten könnte bei neuen Vorfällen schneller zurückkommen als viele für möglich halten.