Hertha

Schwule „Hertha-Junxx“ hoffen auf weitere Outings

Gerd Eiserbeck ist Chef von Herthas schwul-lesbischem Fanklub und begrüßt das Coming-out von Thomas Hitzlsperger. Nun hofft er, dass auch andere aktive Fußballer ihre Homosexualität öffentlich machen.

Foto: imago / imago/Waldemar Boegel

Vor 13 Jahren haben sich die „Hertha-Junxx“ als erster offizieller schwul-lesbischer Fanklub in der Fußball-Bundesliga gegründet. Seitdem verfolgen die Mitglieder der Vereinigung jedes Heimspiel im Olympiastadion.

Berliner Morgenpost: Herr Eiserbeck, was haben Sie gedacht, als Sie von Thomas Hitzlspergers Coming-out gehört haben?

Gerd Eiserbeck: Zuallererst habe ich Respekt verspürt, aber auch Erleichterung, dass endlich auch mal ein aktueller Spieler diesen Schritt gewagt hat. Und es darüber hinaus ein Spieler ist, der einen guten Namen hat und vielen bekannt ist. Das Medien-Echo hat mich auf jeden Fall erschlagen. Natürlich begrüßen wir das Outing sehr.

Wie wichtig ist der Schritt in die Öffentlichkeit für den Fußball?

Er ist richtig und wichtig, gerade für die Akzeptanz von Homosexualität im Fußball. Es herrscht ja die Meinung vor, dass Homosexualität und Fußball nicht zusammenpassen. Da könnte das Outing von Hitzlsperger so etwas wie eine Initialzündung dafür sein, dass aktuelle und auch Ex-Spieler ermutigt werden, sich ebenfalls zu outen.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Äußerung des Liga-Präsidenten Reinhard Rauball, der aktiven Spielern vom Coming-out abrät, weil seiner Meinung nach der deutsche Fußball noch nicht reif dafür sei?

Das ist ein Schlag ins Gesicht. Gleichwohl hört man dieses Argument ja vielerorts und immer wieder, auch von Bundesligaspielern. Immerhin aber begrüßen im Deutschen Fußball-Bund Wolfgang Niersbach und Oliver Bierhoff den Schritt von Hitzlsperger.

Noch einmal zum Thema Reife.

Das ist ein Argument, welches ich nicht so gelten lassen will. Die Reife bestimmt ja jeder Mensch für sich selbst. Und immerhin befinden wir uns auch im Jahr 2014. Die Reife betrifft auch nicht nur den Fußball, sondern jeden Teil der Gesellschaft, ganz egal ob Sport, Politik oder Wirtschaft. Jeder definiert die Reife für sich selbst. Egal, ob es derjenige ist, der sich outet oder der, der das Outing auf sich zukommen lässt.

Wie weit ist aus Ihrer Sicht der deutsche Fußball beim Thema Homosexualität?

Da muss man unterscheiden zwischen Fans und Spielern. Die „Hertha-Junxx“ gibt es seit 13 Jahren, und abgesehen von der Anfangsphase, wo es ein paar verbale Attacken gegen uns im Stadion gab, haben wir Ruhe. Keiner macht uns blöd an, wir sind an jedem Heimspieltag von Hertha im Olympiastadion, mit einem zwölf Meter langen Banner. Und da passiert nichts.

Was erleben Sie bei Auswärtsspielen, wenn es zum Beispiel in die Provinz geht?

Bei Auswärtsspielen treten wir nicht als homosexueller Fan-Klub auf, sondern gehen ganz normal als Fan-Klub auf die Reise, und da haben wir keinerlei Probleme. Fast alle Bundesligavereine haben ja heute schwul-lesbische Fan-Klubs, nur waren wir halt die ersten.

Ist es in einer weltoffenen Stadt wie Berlin einfacher, für die Akzeptanz von Homosexualität zu kämpfen und zu werben?

Ganz sicher ist dem so. Gerade in Berlin, aber auch in Köln ist die Anzahl von Homosexuellen größer als anderswo. Die Barrieren sind in Berlin nicht so stark. Das mag in katholisch geprägten Gegenden in Bayern schwieriger sein, aber selbst der FC Bayern München hat einen schwul-lesbischen Fanklub. Und der in Stuttgart hat sich nur kurze Zeit nach uns gegründet. Ich behaupte, dass der Großteil der Fans dazu bereit ist, Homosexualität im Fußball zu akzeptieren. Schwarze Schafe gibt es ja überall, auch im Golf.

Wie sieht es aus der Sicht der Spieler aus?

Vielleicht muss man die Leute einfach vor den Kopf stoßen und sagen: Ja, ich bin schwul. In der Politik klappt das ja auch. Und dann kommt die Öffentlichkeit auch damit klar.

Aber es heißt dann immer, dass ein Spieler, der sich zum Schwulsein bekennt, in Gefahr gerät, gemobbt zu werden.

Ach, das glaube ich nicht. Ich denke vielmehr, dass es in den Mannschaften mehr oder weniger bekannt ist, ob und wer homosexuell ist. Es sind dann eben nur die Fans, die davon nichts wissen, und die müssen dann da durch. Und wie gesagt, wir leben in 2014, da muss mal jeder in der Realität ankommen.

Sie sind ein schwul-lesbischer Fan-Klub. Aber nur ganz selten ist von Frauen die Rede.

Eigenartigerweise hat sich beim DFB die Haltung weiblicher Homosexualität deutlich schneller gewandelt als bei den Männern. Es war den Spielerinnen lange Zeit verboten, sich zu ihrer sexuellen Neigung zu äußern. Es war ja intern bekannt, dass einige Spielerinnen homosexuell sind. Ihnen wurde aber untersagt, zu ihrer Sexualität Stellung zu nehmen, sonst wären sie keine Nationalspielerin geworden. Im Frauen-Fußball ist die Akzeptanz viel schneller erfolgt als bei den Männern.

Woran könnte das liegen, dass Homosexualität bei Frauen eher akzeptiert ist?

Ich denke, dass der feminine Reiz bei lesbischen Fußballspielerinnen den Hetero-Mann eher anspricht als der gleichgeschlechtliche. Und von daher ist die Akzeptanz des Lesben-Fußballs eher da als bei schwulen Fußballern oder schwulen Fußball-Fans. Das lässt sich leichter akzeptieren und offenbar fühlt der Hetero-Mann sich bei Frauen nicht so berührt, das macht ihm weniger Angst. Ein Mann fühlt sich bei einer lesbischen Fußballspielerin weniger der Gefahr ausgesetzt als bei einem schwulen Fußballer. Nämlich der Gefahr, aufgrund der Akzeptanz selbst als schwul angesehen zu werden. Bei schwulen Männern denkt so mancher gleich an die Geschichte mit dem Seifenstück in der Dusche und der Angst des Hetero-Mannes. Da sind dann die großen Fragen: Kann ich mich als Mann noch ungestört in der Kabine umziehen, wenn sich da auch Schwule umziehen? Das ist kein Witz, ich spreche da aus Erfahrung.

Wie hoch ist denn der Frauen-Anteil in Ihrem Fan-Klub?

Wir haben nur eine Frau dabei, die regelmäßig zu den Heimspielen kommt. Das war bislang jede Saison so. Das könnte daran liegen, dass der Bedarf an Akzeptanz bei Lesben nicht so hoch ist. Wenn wir aber auf schwul-lesbischen Straßenfesten sind, wo wir als „Hertha-Junxx“ immer einen Stand haben, besuchen uns sehr viele Frauen. Das Interesse von Lesben an Hertha ist also hoch, aber vielleicht mögen sich Frauen nicht so sehr organisieren. Schwul, Fußball und dann noch Hertha-Fan, es ist wirklich schwer, dieses Thema in Berlin unter einen Hut zu bekommen. Weil das Sport-Angebot so groß ist. Dazu kommt, dass viele Zugereiste in Berlin wohnen, die ihr Fan-Herz mitgebracht haben, also für München, Stuttgart oder Hamburg brennen.

Wenn jetzt ein aktiver Profi nach Hitzlspergers Coming-out auch überlegt, in die Öffentlichkeit zu gehen. Haben Sie einen Tipp?

Nein, das hängt sehr stark von der eigenen Persönlichkeit ab. Und davon, wie stark das Umfeld – beruflich und privat – ist, um diese Entscheidung mitzutragen. Das muss genau ausgelotet sein, ehe man sich outen will. Ich kann Hitzlsperger verstehen, dass er da lange drüber nachgedacht und gehadert hat. Je mehr man in der Öffentlichkeit steht, desto schwieriger ist das Outen. Weil die Aufmerksamkeit so groß ist und das für die Medien ein gefundenes Fressen ist. Aber jeder, der diesen Schritt wagt, ist ein Gewinn. Denn damit macht der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen einen Schritt in die richtige Richtung.