Es war kurz nach Mitternacht, Herthas mageres 0:0 gegen Augsburg schon fast sieben Stunden her, als sich Änis Ben-Hatira auf Facebook etwas Luft machte: „Einfach nur bitter! Kann nicht wahr sein, dass wir uns nicht belohnen. Ich bin zur Zeit einfach ein Chancentod. Werde alles dafür tun, dass der Knoten endlich platzt.“ Ein paar Zeilen nur, aber sie geben die Gemütslage der Berliner authentisch wieder. Eigentlich stehen sie auf Platz sieben als Aufsteiger überragend da. Doch die Trauer über die vergebenen Möglichkeiten scheint manchmal zu überwiegen.
Am Sonntagmittag war das Grummeln bei Ben-Hatira bereits verschwunden. Das Hadern jedoch blieb beim Offensivspieler. Ein Tor hätte wohl gegen die nach vorne harmlosen Augsburger für einen Sieg gereicht. Er selbst hatte den Treffer auf dem Fuß. Doch sein Schuss ging über den Kasten. Es war wohl diese Szene, die den tunesischen Nationalspieler dazu verleitete, sich selbst als Chancentod zu bezeichnen. „Das ist natürlich etwas übertrieben“, sagte der mit einer Wollmütze gegen die Kälte geschützte Ben-Hatira. „Aber genau das war mein Gefühl.“
Seit drei Heimspielen ohne Tor
Die Torlosigkeit ist wohl das sichtbarste Symptom für Herthas momentane Situation. Drei Heimspiele in Folge gelang kein eigener Treffer. Siege fallen so natürlich schwer. Dabei liegt die fehlende Durchschlagskraft nicht daran, dass die Berliner hoffnungslos unterlegen wären. Ganz im Gegenteil. Gegen die Champions-League-Teilnehmer Schalke 04 (0:2) und Bayer Leverkusen (0:1) spielten die Blau-Weißen überlegen. Auch gegen Augsburg war die Mannschaft zu 58 Prozent am Ball. „Aber Ballbesitz schießt keine Tore“, wie Trainer Jos Luhukay knapp und zeitlos bemerkte.
Nach nunmehr 14 Spielen ist Hertha zweifellos in den Mühen der Bundesliga-Ebene angekommen. Der Aufsteiger kennt das Oberhaus nun. Umgekehrt hat aber auch die Liga Hertha kennengelernt. Die Stärken der Berliner bestehen darin, Dominanz aufzubauen und mit schnellen und präzisen Kontern vor das Tor zu kommen. Darauf haben sich gerade in den Heimspielen die gegnerischen Mannschaften eingestellt.
„Das ist schon eine Art Anerkennung, dass sich die Mannschaften hinten einmauern. Wir spüren den Respekt auf dem Platz“, sagte Ben-Hatira. Etwas Stolz schwingt schon mit, wenn er darüber spricht. Aber der Mittelfeldspieler fängt sich selbst ein. Kurz bevor er sich über diese Art von Lob für das unerwartet gute Spiel des Aufsteigers freuen kann, kommt das Hadern wieder durch: „Ich hätte aber lieber die Punkte als die Anerkennung.“
Gegner treten defensiv auf
Gerade anhand der Zähler wird klar, wie schwer sich Hertha gerade jeden Punkt erkämpfen muss. Im August lag die Ausbeute noch bei sehr beachtlichen 58 Prozent. Sieben von zwölf möglichen Punkten wurden geholt. Seitdem sinkt die Quote. Im November lag sie noch bei 33,3 Prozent. Vier von möglichen zwölf Zählern. „Wir müssen einfach eine Chance eiskalt nutzen, dann können sich die anderen noch so sehr hinten hineinstellen“, sagte Kapitän Fabian Lustenberger. Das Team benötigt einen Treffer als Dosenöffner, um das Spiel des Gegners aufzumachen.
Die äußerst defensive Einstellung der gegnerischen Teams macht es Hertha schwer, sich bis in den Strafraum durchzuspielen. Die Mitte ist oft mit einer Viererkette aus Abwehrspielern und zwei defensiven Mittelfeldspielern zugestellt. Gefahr muss vor allem über außen kommen. Über die linke Außenbahn durch Ben-Hatira beispielsweise.
Bewiesen hat er das in dieser Saison bereits mit fünf Toren und drei Vorlagen. Und das Bemühen ist ihm keinesfalls abzusprechen. Damit steht er stellvertretend für das gesamte Team, das sich immer ein wenig festzurennen scheint. Bei aller Überlegenheit fehlen die zwingenden Abschlüsse, wie auch Luhukay moniert: „Es ist nicht so, dass wir uns gegen Augsburg Topmöglichkeiten erspielt hätten.“
Ramos muss mehr Chancen bekommen
Der Trainer hatte am Sonntag ein Faible für fußballerische Sinnsprüche. „Verteidigen ist immer am einfachsten. Wer angreift, benötigt Lösungen“, gab er zu Protokoll. Zwei Sätze mit einem solchen Ewigkeitswert, dass sie problemlos mit einem Lötkolben auf ein Stullenbrett gebrannt werden könnten. Doch der Trainer hatte nicht im Kopf, mit sinnstiftenden Sprüchen aufzufallen. Vielmehr wollte er darauf aufmerksam machen, dass sein Team den nächsten Entwicklungsschritt gehen muss. Angreifer Adrian Ramos spielt dabei eine große Rolle: „Er ist einer der besten Kopfballspieler der Liga. Aber ein Stürmer lebt von seinen Chancen und die bekommt er im Moment nicht.“ Den Kolumbianer mit Flanken zu füttern, ist unter anderem die Aufgabe von Ben-Hatira.
„Ich bin selbst mein größter Kritiker“, sagte der 25-Jährige, der irgendwie versucht, nicht die negativen Eindrücke überwiegen zu lassen. Hertha hat nach 14 Spieltagen 19 Punkte und steht als Anführer des Bundesligamittelfelds glänzend da. Außerhalb Berlins ist das Trübsal der Blau-Weißen schwer zu verstehen. Doch gerade mit den teils furiosen Heimspielen wie dem 6:1 über Frankfurt zum Saisonstart hat die Mannschaft die Messlatte selbst hochgelegt. Die Zweifel an der Bundesligatauglichkeit zu Saisonbeginn erscheinen dagegen aus heutiger Sicht geradezu kurios.
Dass die Mannschaft sich auch selbst nicht als Bundesliga-Neuling bewertet, lassen die Äußerungen von Ben-Hatira erahnen: „Wir sind Aufsteiger und jetzt trauern wir als Siebter vergebenen Punkten hinterher. Dabei müssten wir stolz darauf sein, was wir bis jetzt erreicht haben.“ Sein Gesicht verrät aber, dass ihm das selbst schwer fällt.


