Es sind die großen Dramen, die die Läuferseele quälen. Der Widerstreit zwischen Verantwortung und Ehrgeiz zum Beispiel. Wie soll man mit einer Wadenverletzung umgehen, die nicht verschwinden will, aber auch nicht so sehr schmerzt, dass man praktisch überhaupt nicht mehr laufen kann?
Wie soll man sich vor allem verhalten, wenn am Wochenende Halbmarathon ist? Schwänzen? Indiskutabel. Oder soll man innere Größe beweisen und das blöde Rennen einfach sausen lassen? Aber Läufer und innere Größe, das passt nun mal nicht zusammen. „Sei doch einmal vernünftig“, sagt Mona. „Pah“, denke ich.
Rechts auf der Läuferschulter sitzt ein Engelchen im weißen Kittel, hat ein Stethoskop umgehängt, hebt mahnend den Flügel und predigt: „Du weißt doch, dass Du nicht laufen sollst, wenn Dir was weh tut. Verzichte auf den blöden Halbmarathon. Es gibt so viele davon. Willst Du Dir die ganze Saison ruinieren?“ Im Prinzip hat das Engelchen Recht, nur: Was schert mich die Saison? Ich will bei diesem einen Halbmarathon gut sein. Es gibt kein Danach.
Das findet das rote Teufelchen auch, das auf der anderen Schulter sitzt. Es hält links eine Packung Schmerzmittel in der Kralle und rechts eine Knochensäge. „Stell Dich nicht so an“, wispert es grinsend, „Mann oder Maus? Du bist in der Form deines Lebens. Willst Du etwa, dass die Frauen aus Deiner Laufgruppe über Dich spotten? Willst Du ein Jahr mit der Schmach des Drückebergers herumlaufen? Was kann schon passieren? Dein Bein wird nicht absterben. Beine kann man schnell wieder hinkriegen. Bestzeiten nicht. Zur Not wirfst Du ein paar Pillen ein.“
Meine Wade ist mir völlig egal. Ich habe kein näheres emotionales Verhältnis zu ihr. Sie soll funktionieren und nicht wehtun. Sie hat keinen Anspruch auf besondere Pflege. Sie ist nur Wade, allenfalls ein Statussymbol im Sommer, mit Muskelbrötchen und dicken Adern. Die Wade ist die Ursula von der Leyen in der Hierarchie der Körperteile – ganz fotogen, ansonsten völlig überschätzt.
Letztendlich besteht sie aus zwei Knochen mit Muskeln drumherum. Das Knie drüber oder der Fuß darunter, das sind hochkomplexe Apparate. Aber die Wade ist nur da, damit zwischen Knie und Knöchel keine Lücke klafft. Eine Art Blinddarm des Beines. Im Notfall leicht zu ersetzen. Ein plastischer Chirurg formt eine Wade aus zwei Alustelzen vom Dreibeingrill und vier Pfund Gehacktem locker nach.
Ich habe sie trotzdem geschont und mich an die Anweisungen von Doktor Dimeo gehalten. „Willst Du die Wahrheit wissen?“, fragte der Arzt meines Vertrauens vor einer Woche. „Ja“, log ich. „Du bist übertrainiert. Total verkrampft und verspannt und entzündet. Wenn ich nicht wüsste, dass Du dann den Arzt wechselst, würde ich Dir vier Wochen Pause empfehlen.“ Er erteilte mir eine Woche Laufverbot, verordnete heiße Bäder, vorsichtiges Schwimmen und legte mir nahe, den Halbmarathon abzusagen.
Bestzeiten sind trotz Wadenproblemen möglich
Aber nicht mit mir. Die ganze Nacht vor dem Rennen habe ich mich im Bett gewälzt. Meine Wade brannte wie Feuer. Die Selbstmedikation mit Franzbranntwein war wohl doch nicht so schlau. Meine Gattin war mal wieder aufs Sofa umgezogen. Stöhnende Läufer wirken nicht auf alle Frauen erregend.
Zum Glück bin ich ein Schnellheiler. Klare Sache: Natürlich bin ich beim Halbmarathon angetreten. Sicherheitshalber bin ich schon um kurz nach sechs aufgestanden. Denn nach dem Aufstehen ist die Wade immer besonders widerspenstig. Auftreten geht gar nicht. Aber ab acht kommt sie dann prima auf Touren. Wenn ich nicht sitze oder liege, ist alles wunderbar.
Ich hatte kurz überlegt, zu einem Betäubungstrick zu greifen. Klaus Heinrich hatte mir von einem Spezialrezept aus seiner Bundeswehrzeit erzählt. Ein Cocktail aus Cola, Asbach und Aspirin habe sie über jeden Gepäckmarsch getragen. Mein sensibler Magen hätte sich an der ersten Kurve umgestülpt. Außerdem hätte man den Asbach gerochen. Nein, die Läuferehre befiehlt: keine Pillen, jedenfalls keine starken. Höchstens Magnesium.
Ans Rennen kann ich mich kaum noch erinnern. Nur daran, dass die ersten zehn Kilometer die Hölle waren. Die letzten auch. Mittendrin lief es aber sehr ordentlich. Am Ende habe ich meine Bestzeit um 23 Sekunden unterboten. Es hat sich gelohnt.
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