In letzter Zeit habe ich immer gewartet, bis Mona eingeschlafen war, bevor ich zu Bett ging. So sehr ich den Bauch auch einziehe, er flappt, seit kurzem sogar ein Stück nach unten. Auffällig oft redet Mona von Brad Pitt. Als wir neulich einen uralten Film sahen, in dem der junge Brad eine Parkuhr spielte, schwärmte Mona, dass ich ja auch mal fast so ausgesehen hätte.

Wieso fast? Wieso auch mal? Im Prinzip wäre ich genauso knackig wie dieser Türstopper aus Hollywood, würde ich sein Lotterleben führen. Mit einem Film im Jahr, drei Kindermädchen, vier Personal-Trainern und einer konditionsfördernden Gattin wie Angelina Jolie ist es ein Leichtes, gut auszusehen. Ich muss leider gelegentlich arbeiten und dort nicht ständig Bauch oder Bizeps vorzeigen. Das würde ich derzeit auch lieber nicht tun. Ich bin nur suboptimal in shape, wie man in Hollywood so sagt. Es muss mit dem Klimawandel zu tun haben. Alle meine Hosen sind gleichzeitig eingelaufen und die Gürtel dazu. Leider gibt es da noch eine Erklärung: Nicht die Klamotten haben ihren Umfang verändert, sondern ich.

Das Problem am Laufen ist: Eines Tages hat sich der Körper daran gewöhnt, dass man drei Mal die Woche durch die Gegend zockelt. Man wird kein Gewicht mehr los, aber packt die Pfunde sofort drauf, wenn man mal eine Trainingseinheit ausfallen lässt. Also praktisch jede Woche. Da ich dummerweise Genießer mit gelegentlichem Laufbedarf bin und nicht Läufer mit gelegentlichem Genussbedarf, ist meine Hüftgegend beharrlich angeschwollen.

Zwei Jahre lang hatte ich es vermieden, auf die Waage zu steigen. Warum auch? Wer gut läuft, kann auch gut essen und natürlich trinken. Bier liefert die nötigen Kohlehydrate und Rotwein ist prima für den Eisenhaushalt. Ein Gleichgewicht zwischen Sport und Hedonismus hatte sich eingestellt, mit einem minimalen Übergewicht auf Seiten der Lebensfreude: 100 Gramm pro Woche, das macht 10 Kilogramm Wohlstandssediment, die sich in zwei Jahren auf den Hüften niedergelassen haben.

Zugleich war auch unsere Ehe ins Ungleichgewicht geraten: Mona hatte sich mit ihrer blöden Aqua-Turnerei ein für ihr Alter wirklich strammes Bindegewebe angestrampelt. Ich dagegen, im festen Bewusstsein, das Mucki-Monopol zu halten, war physio-ästhetisch ein wenig verlottert.

Eines Abends, als Mona mal wieder beim Aqua-Jogging zappelte, habe ich dann das brutalstmögliche Experiment gewagt. Erstmal war ich fast eine Stunde laufen. Ich hatte mir dabei drei Hemden übereinander gezogen und war noch schneller als ohnehin schon. Natürlich habe ich jede Flüssigkeitsaufnahme verweigert, war stattdessen drei Mal hinter einem Baum, wenn auch weitgehend erfolglos.

Im Badezimmer schließlich habe ich alle Salzkrümel abgeduscht und jedes Haar einzeln trocken geföhnt, um das Resultat nicht zu verfälschen. Tausend Wassertropfen ergeben locker ein Kilo. Dann endlich zog ich die Waage unter dem Badezimmerschrank hervor. Ich legte den Bademantel ab und zerrte die Socken von den Füßen. Tief ausatmen. Zehenspitzenstand. Gewicht nach vorn. Ohnmacht. Der Zeiger war noch nicht zur Ruhe gekommen, hatte sich aber in einer Gegend eingependelt, die ich nur aus Abnehmfilmen von RTL kannte. Details wollte ich gar nicht wissen. Ich musste mein Leben ändern. Sofort. Mona grinste, als sie nach Hause kam und mich mit einem Apfel sah.

Im nächsten Teil lesen Sie: Wie überwindet man den „inneren Schweinehund“? Wie bereitet man sich mental auf einen Wettkampf vor? So können sich Lauf-Einsteiger und Fortgeschrittene motivieren.