Euro 2012

Andrea Pirlo dichtet der deutschen Nationalelf "Angst“ an

Starke Worte vom italienischen Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo vor dem EM-Halbfinale: „Deutschland hat Angst vor uns."

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Zeitungsverkäufer Enrico schaut skeptisch drein: „Das wird schwer, aber leichte Spiele gibt es jetzt nicht mehr.“ Auch die Aussicht auf Lazio-Rom-Star Miroslav Klose gefährlich nahe vor dem Tor von Gianluigi Buffon stimmt den Mann am Kiosk im römischen Stadtteil Prati nicht gerade zuversichtlich. Während so wie er Millionen Tifosi die Chancen ihrer Azzurri im Halbfinale gegen die Löw-Truppe abwägen, schwillt das Fußballfieber in „Bella Italia“ nur weiter an. Und einer ist es, der aus der Ferne alle Skepsis trotzend zum Mutmacher für ein ganzes Land geworden ist: „Sie (die Deutschen) haben Angst vor uns. Wir können es schaffen“, trommelte Mittelfeldstar Andrea Pirlo optimistisch in die Heimat.

Ja, die Deutschen und die Italiener: „Es geht morgen nicht nur um Fußball“, gab die Turiner „La Stampa“ am Mittwoch eine Vorlage, die andere gerne aufgriffen. Denn am Tag des Halbfinales in Warschau stoßen in Brüssel auch die italienischen Ideen des Regierungschefs Mario Monti im Kampf gegen die Euro-Krise auf den Catenaccio, den Abwehrriegel von Angela Merkel. Wer politisch wie sportlich mit welcher Taktik erfolgreich sein kann, entscheidet sich also an einem Tag in zwei Hauptstädten. Was in Italien so getwittert wurde, beweist dabei durchaus, dass es nicht nur die Medien sind, die einen Kampf auf zwei Feldern sehen.

Die Leidenschaft der italienischen Fans, vor der EM eingeschläfert durch miese Vorbereitungsspiele der Azzurri und genervt vom Wettskandal im Fußball des Stiefelstaates, ist jedenfalls erwacht. Der entscheidende Elfmeter von Alessandro Diamanti gegen England war da einfach Gold wert. Und das zunächst einmal für die zahllosen Verkaufsstände für Fan-Artikel, wie sie etwa in Rom Pilzen gleich aus dem Boden zu schießen scheinen. In der Nacht der Nächte dürften nämlich nicht nur weit über 20 Millionen vor dem Fernseher daheim lautstark Buffon & Co. anfeuern, zahllose Fans wird es nach draußen auf die Straßen treiben. Alle wollen sehen, ob es ihre Azzurri nicht doch noch einmal gegen Germania schaffen.

Das Gratisblatt „Leggo“ recherchierte für die Fans, was sie für ein Trikot, ein T-Shirt oder einen Schal in italienischen Farben so hinblättern müssen: Eine Tricolore-Fahne macht je nach Größe 5 bis 20 Euro, die Vuvuzela-Tröte, bekannt und berüchtigt seit der vergangenen WM in Südafrika, ist für sieben Euro zu haben. Und eine Perücke in den Farben grün-weiß-rot, die kommt auf zehn Euro. „Es gibt alles für die Tifosi, und bei den Preisen kann sich jeder etwas leisten“, meint das Blatt. Und schon jetzt flattern von römischen Balkonen und Fenstern vermehrt Fahnen in den fröhlichen italienischen Farben. Mitten in der tiefen Wirtschaftskrise vereint der sportliche Erfolg das Land etwas.

Das wird man auch beim Public Viewing sehen können. An einem guten Dutzend Plätze in der Ewigen Stadt und vor Einkaufszentren montieren Techniker Megabildschirme. Roms Bürgermeister Gianni Alemanno ordnete nach dem Sieg über Rooney & Co. sogar an, die große Piazza del Popolo für die Bildschirme zu öffnen. Und er will selbst mit von der Partie sein, wenn der Klassiker läuft. Um zu sehen, wer ins Endspiel kommt: Die, die weit mehr Bier trinken, oder aber jene, die Wein bevorzugen? Das ist Statistik und gehört nicht zu den Vorurteilen, die meist ein Körnchen Wahrheit in sich tragen. Doch die Fußball-EM wirbelt etwas durcheinander: Wird den Deutschen nachgesagt, die Italiener zu mögen, aber nicht so richtig zu achten, scheint beim Calcio Respekt geboten.