Euro 2012

Keine Angst vor dem Angstgegner Italien

Morgenpost Online mit einem Plädoyer gegen die Angst vor dem Angstgegner der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Wohl selten hatten die Engländer in Deutschland so viele Anhänger wie am Sonntagabend im Viertelfinale gegen Italien. Motto: „Lieber gegen England, die Italiener liegen uns nicht.“ Aber nun haben wir ihn doch, unseren Angstgegner: sieben Turnierspiele, null Siege. Würden Statistiken Spiele entscheiden, müsste am Donnerstag in Warschau gar nicht erst angepfiffen werden, weil wir ja schon mit einem gefühlten Rückstand auflaufen. Höchste Zeit für ein Plädoyer gegen die Angst vor dem Angstgegner.

Schauen wir mal 40 Jahre zurück. Im Januar 1972 wurden die Lose für das Viertelfinale zur EM gezogen, und wir bekamen die Engländer. „Schlimmer geht's nicht“, titelte der „Kicker“. Denn in jenen Tagen war noch England unser Angstgegner, den wir nach 60 Jahren erstmals bezwungen hatten. Franz Beckenbauer höchstpersönlich schoss 1968 in Hannover das Tor des Tages.

Zuvor hatte es zwölf Mal vorwiegend Dresche gegeben – das 0:9 von Oxford anno 1909 ist noch immer die höchste Niederlage der Geschichte. Ein 3:6 in Berlin zerstörte 1938 den Unbesiegbarkeitsnimbus der „Breslau-Elf“. Und dann war da noch das legendäre Wembley-Finale 1966, als zwei irreguläre Tore England zum Weltmeister machten. Es gab also Grund genug zu glauben, dass der Teufel im Spiel ist beim Klassiker mit den Erfindern des Fußballs. Selbst das 3:2 bei der WM 1970 in Mexiko vertrieb die Angst nicht. Günter Netzer sagte vor dem legendären Spiel in Wembley im April 1972 zu Franz Beckenbauer: „Du, Franz, wenn wir heute keine fünf Tore kassieren, haben wir ein gutes Resultat erzielt.“ Sie gewannen dann 3:1 im vielleicht besten Länderspiel der deutschen Fußballgeschichte; es war zugleich Deutschlands erster Sieg auf englischem Boden.

Seit diesem Tag haben die Engländer Angst vor Deutschland. Sie wissen, dass sie zu Elfmeterschießen gegen uns gar nicht mehr anzutreten brauchen und erinnern sich mit Grausen daran, dass ein Deutscher – Didi Hamann – das letzte Tor im alten Wembley-Stadion schoss. Das nach einem 0:1 gegen den „old enemy“ abreißen zu müssen, tut echten Engländern noch heute weh. Was sagt uns das vor dem Spiel gegen Italien? Dass die Angst durchaus zu überwinden ist

Bei Italien warten wir noch auf die Initialzündung. Es ist aber auch ein Unterschied, ob einem von Angst berichtet wird oder ob jemand sie wirklich selbst erfahren hat. Von unseren Wunderknaben im DFB-Dress haben die meisten noch nicht mal allein in Italien Urlaub gemacht, geschweige denn gegen die Squadra Azzurra ein bedeutendes Spiel bestritten. Gewiss, einige ältere Herren im Kader waren 2006 dabei, als die Italiener in den letzten beiden Minuten der Verlängerung im Halbfinale unserem Sommermärchen das Happy End auf grausame Weise verdarben.

Wäre Italien eine Bundesligamannschaft, hätten wir den Spuk schon längst beendet. Die Psychotricks, die gegen regelmäßig wiederkehrende Gegner helfen, greifen aber leider auf internationaler Turnierbühne nicht. Sonst hätten wir vielleicht mit Sondergenehmigung der Uefa mal im Brasilien-Dress gegen die Italiener gespielt, so wie es Udo Lattek in den Achtzigern mit seinen Bayern machte, um ihnen die Angst vor dem Betzenberg zu nehmen. Es klappte: Die Bayern gewannen 1:0. Stuttgarts Ralf Rangnick zerrte seine Kicker mal vor einem Bayern-Spiel in ein Seminar zum Überwinden von Ängsten und ließ danach Eisenstangen verbiegen. Stange kaputt, Angst weg, Punkte da, 2:0.

Joachim Löw muss nicht zu solchen Maßnahmen greifen. Vielleicht reicht der lapidare Hinweis an seine Jungs, dass Deutschland seine beste EM spielt – und wenn hier einer Angst haben muss, dann ja wohl Italien.