Der Weihnachtsmann hat im Sommer nicht so viel zu tun. Rahel (ihr Tipp für das Spiel: 4:0) ist sich da sicher und hat sich deswegen also beim Weihnachtsmann gewünscht, dass die Deutsche Elf beim Viertelfinale gegen Griechenland gewinnt. Rahels Freundinnen Catalina (2:1), Flora (2:1) und Patricia (3:0) aus der 9. Klasse der Wilmersdorfer Nelson-Mandela-Schule lachen darüber und schaukeln einander gegenseitig mit Witzen hoch. Alle vier Mädchen haben Deutschland-Flaggen auf ihren beiden Wangen und haben sich schon vor ein paar Tagen vorgenommen, den Freitag komplett auf der Fanmeile zu verbringen. Um 12.30 Uhr sind sie gekommen, mit ein bisschen Wasser und Cola im Gepäck und haben deshalb die besten Plätze: in der Mitte vor der Hauptbühne.
„Die Stimmung ist hier einfach am besten“, sagt Flora, die auch schon in New York gelebt hat. Große Menschenmengen sind für die 14-Jährige also nichts Neues. Ihre Deutschlandfahne haben sie für zehn Euro im Fanshop gekauft, ihre Haarreifen mit kleinen Flaggen-Ohren ebenfalls und sie markieren damit den Anfang eines Schwarz-Rot-Goldenen Meeres. Mädchen und Frauen sind in der Überzahl auf der Fanmeile, etwas womit die Organisatoren vorher nicht unbedingt gerechnet haben.
Und noch etwas ist eher Zufall: Nämlich das ohne die Fans Blau und Weiß – die Farben Griechenlands – auf der Fanmeile dominieren würden: Sowohl der Sponsor Hundai als auch die überall bereitstehenden mobilen Toiletten haben diese Farben.
Reden, wie mit Freunden
Der Moderator Lukas Haunerland (2:1) wird das in seinen Ankündigungen immer wieder erwähnen. Der 27-Jährige hat das spontan festgestellt, als er auf die Bühne kam. Er hat vor vier Jahren zum ersten Mal auf der Fanmeilen-Bühne gestanden und 2010 die Moderation dann ganz übernommen. Es macht ihm Spaß, weil er so reden kann, wie er auch mit Freunden über Fußball spricht. „Ein Scheißtor kann man hier auch ein Scheißtor nennen“, sagt er, „und ein Schiedsrichter kann eben auch mal 'richtigen Mist' bauen.“ Generell aber legt er es auf der Bühne nicht auf Pöbeleien an. Er ist viel mehr für die gute Stimmung zuständig.
Diese zu vermitteln fällt ihm nicht schwer. Zum einen war der Moderator gerade zwei Wochen mit seinem Kollegen Arno Müller von der Morgencrew auf Mallorca und hat von dort für 104.6 RTL moderiert. „Ich hab' die Sonne und das Lebensgefühl noch mitgebracht“, sagt er. In der Tat fand bisher jedes Spiel bei Sonnenschein statt. „Außerdem ist es einfach ein fantastisches Gefühl, wenn sich 400.000 Menschen hier versammeln und zusammen feiern.“ Er müsse dieses Gefühl nur noch aufnehmen und zurückgeben. Durch Lieder wie das berühmte „Schlaaand“ oder „Super-Deutschland“, das er nur anstimmen muss, damit es alle auswendig mitsingen. Nur das früher übliche „Olé-Olé“ hat er lange nicht gehört. Heute will er es noch einmal testen.
Um 20.41 Uhr dann läuft die griechische Nationalhymne läuft. Buh-Rufe überall. Eine junge Frau Schlägt ihren Freund in den Nacken. Er hört auf mit dem Buhrufen und schaut sie entschuldigend an.
Dann die deutsche Nationalhymne. Textsicherheit bei den Fans bis „Recht und Freiheit“: 100 Prozent. Mit jedem weiteren Wort wird es spürbar weniger.
Anstoß. Erster Sturm. Kein Tor. Ein Zuschauer greift sich in Gedanken an seine Kette. Sie ist selbstgemacht. Mit Buntstiften bemalt. Schwarz-Rot-Gold. Er sagt, ein Geschenk von einem Kind aus dem Kindergarten, wo er ein Praktikum macht.
Nathan und Ian erzählen, was sie von der Deutschen Mannschaft halten: „Ihr habt die beste in diesem Jahr, ganz eindeutig. Wenn England Italien schlägt, schlagt ihr dann uns im Halbfinale.“ Sie sind aber auch extrem gut gelaunt, nachdem sie 30 (!) Pitcher getrunken haben. Zur Erklärung: ein Pitcher sind 1,89 Liter. Aber sie sind auch mit 18 Leuten aus Clifford nach Berlin gekommen. „Schön an der Spree getrunken. Sehr nett hier.“ Ian tippt 2:0, Nathan 3:0 für das Spiel Deutschland gegen Griechenland.
Dafür wurde die Fanmeile offenbar erfunden. 1:0 für Deutschland. Singen, springen, fremde Frauen umarmen. Moderator kann das machen, worauf er schon vor dem Spiel gewartet hat. „Tooooor für Deutschlaaaand.“ Eine Berlinerin sagt nachdem sie ihr Freund umarmt hat: „So, 1:0, wie abgemacht, du gehst jetzt Bier holen.“ Er geht und ruft noch einmal zurück: „Laaaaahm!“
Dann Halbzeit. Für die Fanmeile heißt das: Toiletten- und Kuschelpause. Je nachdem welche Bedürfnisse gerade am drängendsten sind.
21.57 Uhr: Nachdem Samaras den Ball aus vier Metern für die Griechen ins Tor gesetzt hat, setzen Minuten der Stille ein. Die britische Gruppe nutzt den etwas ruhigeren Moment und lernt Berlinerinnen kennen. Die Kommunikation gestaltet sich erst schwierig. „I don't speak good English“, sagt die junge Frau. Aber als der Brite sagt: „I'm sorry for the Scheißtor“, muss sie laut lachen. Sie stoßen an.
Ein Polizeisprecher gibt über das Telefon durch: 40 Vorfälle bis jetzt bei diesem Spiel. Beim Spiel gegen Dänemark gab es auf der Fanmeile insgesamt nur 30 Vorfälle. Er sagt: „Ein paar mehr Körperverletzungen, man merkt, dass es ein wichtigeres Spiel ist.“
Dann trifft Khedira zum 2:1 und wieder gibt es Grund zum „Grouphug“, allerdings wird gefeiert. Jemand wirft mitten in der Menge seinen vollen Bierbecher in die Höhe und tauft die Umstehenden.
Nur sieben Minuten Später das nächste Tor. Klose trifft mit Kopfball zum 3:1 und sofort ist wieder die selbstsichere Stimmung da, die noch in der Halbzeit alle Fahnen schwenken ließ. Lukas, der Moderator, ruft „Einer geht noch“ und jeder der 400.000 weiß, welches Wort da noch ergänzt werden muss.
Die Abstände werden immer kürzer. Nur fünf Minuten später das nächste Tor: 4:1 durch die Reus, leider ein Name, der sich nicht so gut brüllen lässt. Nicht so gut wie Laaaahm, Khediiiiira, Klooooose. Aber einige rufen ihn trotzdem. Für einen kurzen Augenblick könnte man denken, man sei in Danzig im Stadion. Erst recht nach dem Abpfiff. 4: 2 heißt der Endstand und die Fans auf der Fanmeile skandieren lautstark und begeistert: „Halbfinale, wir kommen!“ Rahel hat recht. Auf den Weihnachtsmann ist auch im Sommer Verlass.




