EM 2012

Sami Khedira - "Wir wollen uns unsterblich machen"

Sami Khedira spricht mit Morgenpost Online über die Sehnsucht nach dem Titel, Mourinhos Ehrlichkeit und Lena Gerckes Outfits.

Mario Gomez? Bastian Schweinsteiger? Philipp Lahm? Wenn es um Deutschlands konstantesten Spieler bei der Europameisterschaft geht, fällt meist nur ein Name: Sami Khedira. Der defensive Mittelfeldspieler hat sich während der zwei Jahre bei Real Madrid zum Weltklassemann entwickelt.

Morgenpost Online: Sie sind für die Musik im Mannschaftsbus zuständig. Vor zwei Jahren wurde "Fackeln im Wind" von Bushido zum WM-Song des Teams. Welches Lied ist diesmal der Hit?

Sami Khedira: Diesmal hat "Tage wie diese" von den Toten Hosen das Potenzial zum Mannschaftshit.

Morgenpost Online: "An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit", lautet der Refrain. Passt das zur EM?

Khedira: Unendlichkeit? Unsterblich wollen wir uns hier machen. Dafür müssen wir allerdings den Titel gewinnen.

Morgenpost Online: Lars Bender hat im letzten Vorrundenspiel sein erstes Länderspieltor erzielt. Es heißt, in diesem Fall muss eine Rede gehalten werden?

Khedira: Nein, nur nach dem ersten Länderspiel rufen wir immer "Rede, Rede". Lukas Podolski musste nach dem Duell mit Dänemark auch eine Rede halten, aber das war ja sein 100. Länderspiel. Hat er übrigens sehr gut gemacht.

Morgenpost Online: "Danke – und ab ins Finale" soll er geendet haben.

Khedira: Ja, stimmt. Poldi ist zwar kein Mann vieler Worte, aber ein Mann treffender Worte.

Morgenpost Online: Täuscht es, oder hat sich die Rolle zwischen Ihnen und Bastian Schweinsteiger, Ihrem Partner im defensiven Mittelfeld, geändert?

Khedira: Da hat sich nichts geändert, außer dass wir uns jetzt noch besser verstehen. Vor zwei Jahren, bei der WM in Südafrika, hatten wir vorher kaum ein Spiel zusammen bestritten. Damals hatte ich keine Ahnung, wie es bei einem so großen Turnier abgeht und war sehr auf mich fokussiert. Jetzt habe ich mich persönlich weiterentwickelt. Ich weiß jetzt, dass ich Topleistungen abrufen kann, wenn ich topfit bin. So kann ich der Mannschaft noch mehr helfen.

Morgenpost Online: Schweinsteiger sagte, er hätte viel mehr laufen müssen. Das wurde als Kritik an den Vorderleuten gedeutet.

Khedira: Ich glaube, dass Bastian nach dem Spiel kaputt war und das heute nicht mehr so sagen würde. Ich lege so etwas aber nicht auf die Goldwaage. Wer die Laufwerte anschaut, sieht, dass alle gut arbeiten, auch unsere Offensivleute. Was stimmt ist, dass wir bislang zu große Räume gelassen haben. Das ist aber ein mannschaftstaktisches Problem.

Morgenpost Online: Sie können die Kritik also nachvollziehen, das Spiel der Deutschen sei noch nicht zwingend genug?

Khedira: Wir haben neun Punkte in der sogenannten Todesgruppe geholt, wir meckern also auf höchstem Niveau. Andere Nationen würden sich freuen, wenn sie so viele Torchancen herausspielen würden wie wir. Richtig ist gleichzeitig, dass wir unser Potenzial noch nicht komplett ausgeschöpft haben. Wir waren meiner Meinung nach in allen drei Spielen dominant, müssen aber mehr Killerinstinkt entwickeln. Wir müssen nicht mehr laufen, aber intelligenter.

Morgenpost Online: Diese Weisheit könnte von Jose Mourinho, Ihrem Klubtrainer, stammen.

Khedira: Das stimmt auch. Er hat mir gesagt: "Nimm dich ein bisschen zurück, spiele cleverer, mehr mit dem Kopf!" Ich glaube, das hat mein Spiel noch viel besser gemacht. Früher dachte ich, ich muss noch mehr ackern, um dem Team zu helfen. Dank Mourinho weiß ich, dass das mehr geschadet als geholfen hat. Er hat aus mir einen Strategen gemacht.

Morgenpost Online: Mourinho hat Sie also in den zwei Jahre bei Real sehr geprägt?

Khedira: Ja. Ich habe mein Spiel zwar nicht verändert, aber aufgrund seiner Anregungen weiterentwickelt. Er ist ein Trainer, der die Spieler nicht einengt. Er kann einen aber mit wenigen Worten besser machen. Er korrigiert im Training immer wieder kleine Situationen. Kleinigkeiten, die er dir mitteilt. Aber ohne Kritik, weil er dir deine Stärke nicht nehmen möchte.

Morgenpost Online: Was ist seine besondere Gabe?

Khedira: Er ist ein Mensch, der absolute Ehrlichkeit ausstrahlt. Ich kenne ihn seit zwei Jahren und kann sagen, dass er in dieser Zeit noch nie einen seiner Spieler unfair behandelt hat oder jemandem etwas versprochen und es dann nicht eingehalten hat. Das ist eine ganz besondere Gabe. Nur so kann er 20 Weltklassespieler unter einen Hut bringen.

Morgenpost Online: Ist Ehrlichkeit selten im Fußball?

Khedira: Leider ja. Durch den Druck verkaufen viele ihre Seele und tun Dinge, die sie selbst besser dastehen lassen. Dabei muss innerhalb der Mannschaft absolute Ehrlichkeit herrschen. Auch, wenn es mitunter wehtut.

Morgenpost Online: Ist das in der Nationalelf so?

Khedira: Definitiv! Der Umgang unter den Spielern ist offen und ehrlich, ebenso zum Trainerteam. Jeder kann auch mal Kritik üben, ohne dass jemand beleidigt ist. Darum haben wir so ein starkes Team.

Morgenpost Online: Also alles bereit, endlich den Erzrivalen zu besiegen. Wie haben Sie die Spanier bislang gesehen?

Khedira: Bisher waren sie nicht so überzeugend wie erwartet. Den Spaniern fehlen in Carles Puyol und David Villa zwei sehr wichtige Spieler. Sie haben aber trotzdem so viel Klasse, dass die durchwachsene Vorrunde keine großen Aufschlüsse über ihren wirklichen Leistungsstand zulässt. 2010 haben sie das erste Spiel gegen die Schweiz verloren und sich mit zwei 1:0-Siegen ins Halbfinale durchgemogelt, wo sie gegen uns zum ersten Mal in dem Turnier Topleistung abgerufen haben. Ich warne davor, sich darauf zu verlassen, dass sie jetzt schwächeln.

Morgenpost Online: Es heißt, Deutschland habe mit Griechenland im Viertelfinale ein Freilos gezogen. Stimmen Sie zu?

Khedira: In diesem Denken steckt doch die große Gefahr. Die Griechen haben die Russen besiegt, die als Geheimfavorit gehandelt wurden. Es ist sehr schwer, gegen ein Team zu spielen, das sich fast ausschließlich auf die Defensive beschränkt. Das erfordert sehr viel Geduld. Gegen die Griechen geht es natürlich auch um Qualität, vor allem aber um Cleverness. Die bessere Qualität haben wir. Dass wir cleverer sind, müssen wir beweisen.

Morgenpost Online: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird angesichts der Euro-Krise vor dem Spiel in Griechenland angefeindet: "Merkel sei bereit. Du bist als Nächstes dran", schrieb eine Zeitung.

Khedira: Zwischen Politik und Sport sollte strikt getrennt werden. Wir konzentrieren uns ausschließlich auf das Spiel. Auf alles andere haben wir keinen Einfluss.

Morgenpost Online: Beim ersten Spiel sorgte Ihre Freundin Lena Gercke, einst "Germanys Next Topmodel", für Aufsehen, als sie in knappem Outfit anreiste.

Khedira: Sie ist meine Verlobte und unterstützt mich im Job. Wenn ich frei habe, dann gehe ich sie auch bei der Arbeit besuchen. Ich verstehe, dass das Interesse größer ist, wenn sie bei mir auftaucht, aber den Rummel um ihr Outfit finde ich übertrieben. Es ist doch völlig normal, dass eine 24-jährige Frau, die als Model gefragt ist, sich auch privat schick kleidet, ob sie ins Stadion geht oder mit mir durch die Stadt bummelt. Aber es ist doch auch ganz schön für die Männer: So haben sie etwas zu gucken.

Morgenpost Online: Sie haben auch schon zusammen vor der Kamera gestanden. Sie trugen dabei einen Smoking, sie trug nichts. Auch wenn Sie ihre Blöße mit den Händen bedeckten, sorgten die Bilder für Wirbel.

Khedira: Alles, was wir machen, überlegen wir uns gut. Ich bereue diese Bilder zu nullkommanull Prozent.