Gegen Dänemark

Hollands Stürmer mit Ladehemmung in der Krise

30 Tore schoss Robin van Persie für Arsenal – doch im Sturm der Niederländer trifft er nichts. Gegen Deutschland geht es jetzt um alles.

Der größte Fußballer der Niederlande macht sich allergrößte Sorgen. „Es muss sehr schnell sehr viel besser werden“, schreibt Johan Cruyff in einer Kolumne. Die Mittelfeld-Legende ist überrascht und enttäuscht vom bisherigen Auftreten ihrer Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Nach dem 0:1 gegen Dänemark könnte die Partie gegen Deutschland am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF) in Charkow schon die letzte Chance auf das Erreichen des Viertelfinals sein. „Jeder weiß, dass es gegen Deutschland um alles geht“, sagt Bondscoach Bert van Marwijk.

In besonders schwierigen Situationen hilft es, sich auf seine Stärke zu konzentrieren, bei den Niederländern ist das die Offensive. Normalerweise. Gegen Dänemark lief es im Maschinenraum der Torfabrik nicht, Robin van Persie, Klaas-Jan Huntelaar, Arjen Robben und Ibrahim Afellay schossen sogar aus den besten Positionen vorbei.

Unterm Brennglas der Medien

Die TV-Kameramänner richteten die Linse vor allem nach jeder vergebenen Chance van Persies auf Huntelaar, so dass Millionen Zuschauer weltweit sahen, wie Schalkes Torjäger enttäuscht und fassungslos von der Bank aus die Fehlschüsse erlebte. Van Marwijk hat im Sturm die Wahl: den Torschützenkönig Englands (30 Tore) oder den der Bundesliga (29 Tore). Beide will er nicht aufstellen, es passt nicht in sein System. Gegen Dänemark entschied er sich für van Persie, Huntelaar wechselte er nur ein. Doch van Persie spielte längst nicht so gut wie für seinen Klub und wie es alle erwarten.

Der Star vom FC Arsenal setzt sich offenbar zu sehr unter Druck. Er will beweisen, dass sich van Marwijk zu Recht für ihn entschieden hat. Und auch Huntelaar ließ gegen Dänemark seine Effektivität vermissen. Der sportliche Zweikampf belastet beide. Dabei haben sie nichts gegeneinander. „Ich habe kein Problem mit van Persie. Sondern damit, dass ich nicht spiele“, sagt Huntelaar.

Der Stürmer Nummer eins in der Krise, der Edeljoker in der Krise. Schlimmer geht es für einen Trainer kaum mehr. Van Marwijk steht vor der schwierigen Entscheidung: Wage ich einen Wechsel? Darunter würde van Persies Stellenwert in der Mannschaft leiden. Oder halte ich an ihm fest – und riskiere, dass die Verantwortlichen und Fans ein Scheitern vor allem mir anlasten werden?

„De Telegraaf“, die größte niederländische Zeitung, hatte vor der EM-Endrunde in Polen und der Ukraine die Leser gefragt: Soll van Persie oder Huntelaar spielen? 75 Prozent waren für Huntelaar. Nach dem misslungen Auftakt sind es offensichtlich noch mehr, im Internet verspotten viele Fans inzwischen van Persie. Doch einiges deutet daraufhin, dass van Marwijk bei seiner Besetzung für den Angriff bleibt.

Wie Joachim Löw lässt auch er die Spieler nicht fallen, die in den vergangenen Jahren im Nationaltrikot überzeugt haben. Acht Profis aus der Startelf des WM-Finals von 2010 (0:1 nach Verlängerung gegen Spanien) durften auch beim EM-Auftakt gegen Dänemark beginnen.

Huntelaar drängt trotzdem oder gerade deswegen auf seinen Einsatz. Und demonstriert bei jeder Gelegenheit, dass er bereit ist. Beim Training lief der Schalker als Erster auf den Rasen und joggte als Letzter in die Kabine. Van Marwijk weiß, dass die Wut des Bundesligaprofis sich auf dem Spielfeld in guten Leistungen widerspiegeln könnte. Er will sich zu den Stürmern nicht äußern, van Marwijk ist nach der Auftaktniederlage dünnhäutiger und reizbarer geworden. „Sie können mich noch so oft zur Aufstellung und Taktik befragen, ich werde dazu nichts sagen“, sagte er den Medienvertretern. Er hat das Gefühl, dass alle meinen, es besser zu wissen, und das gefällt dem 60-Jährigen überhaupt nicht.

Huntelaar bleibt so ein Schalker

Für Schalke könnte es ganz gut sein, sollte Huntelaar gegen Deutschland zunächst wieder nur auf der Bank sitzen. Zu seiner Zukunftsplanung sagt der Stürmer, dass er abwarten wolle, wie sich Schalke in der Sommerpause für die neue Saison verstärkt. Sein Vertrag bei den Gelsenkirchenern endet nach der neuen Saison, sie würden ihn gern länger an sich binden. Tatsächlich könnte er auf das Angebot eines Topklubs hoffen, gute Leistungen bei einer EM verändern für einen Fußballprofi in wenigen Tagen sehr vieles. Huntelaar hat für Real Madrid und den AC Mailand gespielt, natürlich will er wieder in diese Kategorie, zumal er 28 Jahre alt ist und sich solche Chancen nicht mehr oft bieten dürften.

Van Marwijk könnte in Form seiner Aufstellung also mit über Huntelaars Zukunft entscheiden. Er hat die Mannschaft abgeschottet, zuletzt gab es kein öffentliches Training und keine Pressekonferenzen. Für den Trainer geht es bei der EM um viel, nämlich um seinen Job: Bert van Oostveen, Vizepräsident des niederländischen Fußballverbandes, hat als Minimalziel für die EM das Erreichen des Halbfinals ausgegeben.