Als Andrej Schewtschenko acht Minuten vor Schluss das Feld verlies, erhoben sich die ukrainischen Fans von ihren Sitzen. „Schewa, Schewa“, schallte es durch das Rund des Olympiastadions von Kiew. Der Altmeister gab noch schnell die Kapitänsbinde an Bayern-Profi Anatoli Timoschtschuk weiter, dann genoss er den Jubel bei ohrenbetäubenden Lärm in vollen Zügen und klatschte Nationaltrainer Oleg Blochin freudestrahlend ab.

Es war der große Auftritt von „Schewagol“. Der Volksheld bescherte dem Gastgeber nach wochenlangen politischen und sportlichen Querelen einen Traumstart in das EM-Turnier und versetze ein ganzes Land in einen Freudentaumel. Der Altstar erzielte beide Treffer zum 2:1 (0:0) gegen Schweden und lässt damit die Mannschaft von Nationaltrainer Oleg Blochin vom Finale im eigenen Land träumen. Auf dem Weg in Richtung Viertelfinale warten in Gruppe D nun noch Ex-Weltmeister Frankreich (15. Juni) und das Fußball-Mutterland England (19. Juni).

„Das war ein großartiger Sieg und so wichtig für uns. Ich fühle mich jetzt wie 20“, sagte der 35 Jahre alte Schewtschenko: „Es war ein langer Weg. Nach den ganzen Verletzungssorgen fällt mir jetzt ein Stein vom Herzen. Mit der Mannschaft können wir noch viel erreichen.“ Timoschtschuk lobte die Fans: „Vielen Dank an unser Publikum für die tolle Atmosphäre. Die letzten Minuten waren wir sehr nervös.“ Schwedens Kapitän Zlatan Ibrahimovic war angefressen: „Ich bin sehr enttäuscht. Wir hätten das Spiel nie und nimmer aus der Hand geben dürfen.“

Vor 70.000 Zuschauern im „Hexenkessel von Kiew“ hatte zunächst Schwedens Sturmriese Ibrahimovic (52.) die Gäste in Führung gebracht, doch Schewtschenko (55. und 61.) gab dem Spiel innerhalb von nur sieben Minuten eine Wende. Dabei hatte es wochenlange Diskussionen um den Fitnesszustand des früheren Weltklassestürmers gegeben. Doch beim EM-Auftakt belehrte Schewtschenko seine Kritiker eines Besseren. „Wir sind bereit“, hatte er vor dem Spiel gesagt und beim ersten EM-Auftritt der Ukraine auch Wort gehalten.

Schleppender Beginn

Dabei lief bei den Ukrainern zunächst lange nicht viel zusammen. Die Blochin-Mannschaft spielte zwar mit großem Engagement, vieles blieb aber Stückwerk. Nur selten kamen die Gastgeber zu klaren Torchancen. Dabei konnten sie sich auf die Unterstützung ihrer Landsleute verlassen. „Ukraina, Ukraina“ schallte es immer wieder durch das weite Rund des Olympiastadions, „La Ola“ machte die Runde.

Doch die Euphorie war zunächst größer als die Leistung. Die Blochin-Elf spielte nervös, geradezu hektisch und mit vielen Fehlern. Angesichts der holprigen Vorbereitung mit Niederlagen gegen Österreich (2:3) und die Türkei (0:2) nicht ungewöhnlich, schließlich lag das letzte Pflichtspiel aufgrund der automatischen EM-Teilnahme als Gastgeber 936 Tage zurück.

So dauerte es bis zur 23. Minute, ehe Schewtschenko die erste Tormöglichkeit besaß. Doch der 35-Jährige verzog nach Zuspiel von Andrej Jarmolenko aus halbrechter Position knapp. Schewtschenko war bemüht, teils übermotiviert, aber immer brandgefährlich. So war Europas Fußballer des Jahres 2004 auch an der zweiten großen Möglichkeit beteiligt, doch er scheiterte ebenso an der vielbeinigen Abwehr der Schweden wie im Anschluss Jarmolenko (38.).

Ibrahimovic trifft erst den Pfosten, dann das Tor

Auf der Gegenseite konzentrierte sich alles auf Ibrahimovic. Der Torschützenkönig der Serie A war Dreh- und Angelpunkt im schwedischen Spiel, das auf einer stabilen Defensive ausgerichtet war. Ibrahimovic war es auch, der die beste Gelegenheit im ersten Durchgang besaß. Nach Flanke von Rasmus Elm setzte „Ibrakadabra“ den Ball allerdings per Kopf an den Außenpfosten. Sein Offensivkollege Markus Rosenberg von Bundesligist Werder Bremen blieb dagegen weitestgehend blass.

Im zweiten Durchgang setzte es gleich eine kalte Dusche für die Gastgeber. Nach einer Flanke von Kim Källström war Ibrahimovic gedankenschneller und traf zur schwedischen Führung. Doch die Freude der gut 8.000 Fans der „Tre Kronors“ währte nur drei Minuten. Nach Flanke von Jarmolenko war Schewtschenko per Kopf zur Stelle und sechs Minuten später wiederholte er gar sein Kunststück.

Das dürfte auf der Tribüne und in den edlen VIP-Logen die geballte Politprominenz des Landes, angeführt vom umstrittenen Präsidenten Viktor Janukowitsch gefreut haben. Der schwedische Regierungschef Fredrik Reinfeldt hatte dagegen wie viele seiner Amtskollegen auf einen Besuch verzichtet. Die politischen Spannungen wegen der Inhaftierung der Oppositionsführerin Julia Timoschenko hatte die EM seit Wochen überlagert. Störungsfrei war es auch am Rande des Spiels freilich nicht geblieben. Wenige Stunden vor dem Anpfiff hatten in Kiew Anhänger von Timoschenko eine Protestaktion gestartet und T-Shirts mit der Aufschrift „Free Julia“ verteilt.

dapd/ap