Tasmania 1900

Hans-Günter Becker: "Wir behalten diesen legendären Titel"

| Lesedauer: 12 Minuten
Andreas Berten
Hans-Günter Becker, Kapitän der legendären Bundesliga-Mannschaft von Tasmania 1900, steht vor seiner privaten "Hall of Fame".

Hans-Günter Becker, Kapitän der legendären Bundesliga-Mannschaft von Tasmania 1900, steht vor seiner privaten "Hall of Fame".

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Hans-Günter Becker, Kapitän des legendären Tasmania-Verliererteams, über Bundesliga-Pleiten, Prämien und Hauptkonkurrent Schalke 04.

Berlin/Essen. Über die Jahre hat Hans-Günter Becker gelernt, damit umzugehen. Sie sind nicht das Letzte, das wäre unerhört despektierlich, aber eben doch die Letzten – und sie sind stolz darauf. Die Rede ist von den einstigen Fußballern von Tasmania 1900. Becker, 82 Jahre alt, war Kapitän dieses legendären Teams. Tasmania wäre den meisten Fans vermutlich längst nicht mehr als Bundesligist geläufig, hätten die Berliner ihre eine Saison 1965/66 eben nicht so einzigartig versaubeutelt: 8:60 Punkte, nur zwei Siege am ersten und 33. Spieltag, dazwischen 31 Mal sieglos, 15:108 Tore. Die Negativserie von Schalke 04, am Sonnabend (18.30 Uhr, Sky) im Olympiastadion Gegner von Hertha BSC, dauert mittlerweile schon 29 Spiele an, die Gelsenkirchener kommen also bedrohlich nahe. Fürchten Sie um Ihre Rekorde, Herr Becker?

Herr Becker, vorab das Wichtigste: Wie geht es Ihnen?

Hans-Günter Becker: Ich muss sagen: sehr gut. Ich hatte in den vergangenen beiden Jahren etwas Probleme mit dem Herzen, ich habe einen kleinen Schrittmacher bekommen. Aber ich kann Gott sei Dank noch joggen, denn ich halte mich fit.

Das ist schön. Wird Ihnen dafür beim Blick auf das aktuelle Bundesliga-Geschehen mulmig?

Sie sprechen mich auf Schalke an. Tja – traurig, traurig, wie es um diesen ruhmreichen Verein steht. Die Zeiten von Rudi Assauer (ehemaliger Schalke-Manager, d.Red.) sind halt schon lange vorbei. Aber es hat sich ja auch über Jahre etwas angedeutet. Angefangen von der Konstellation im Vorstand mit dem Großfleischermeister, der auch privat auf die Nase gefallen ist (Clemens Tönnies, d.Red.). Dann die Transfers: Leroy Sané und Leon Goretzka haben auf Schalke den Grundstock für ihre Karrieren gelegt, aber der Verein konnte sie nicht halten. Stattdessen haben sie danach in der Regel die falschen Spieler geholt.

Diese Spieler steuern nun auf Tasmanias unrühmlichen Rekord zu.

Das sind wir gewohnt. Es gibt doch jedes Jahr eine Mannschaft, die unseren Rekord angreifen will.

Schalke hat eine richtig gute Chance, Tasmania zu übertrumpfen.

Wir haben ja mehrere davon. Die längste Sieglosserie, die wenigsten Siege und Punkte, die meisten Gegentore.

Dann können Sie ja einen abgeben.

(lacht) Ja, das stimmt. Aber ich sage mal: Nein, auch den Rekord mit 31 sieglosen Spielen in Serie behalten wir. Selbst wenn bei Schalke gerade alles drunter und drüber geht.

Tasmania gilt als der Inbegriff des fußballerischen Scheiterns. Abenteuerlich, wie der Klub im Sommer 1965 nur 14 Tage vor dem Saisonstart Bundesligist wurde.

Ich lag in Scharbeutz mit meiner Familie am Strand. Da kam ein Liegennachbar, mit dem ich immer Boccia gespielt habe, und sagte: Mensch, du bist ja immer noch hier. Ich antwortete: Und ich bleibe noch 14 Tage, bin doch gerade erst eine Woche hier. Nein, sagte er, du musst nach Hause, hast du nicht eben Radio Luxemburg gehört? Ihr seid jetzt in der Bundesliga. Ich dachte: Der spinnt doch. Also rief ich im Verein an, die mir alles bestätigten und sagten: Du musst sofort kommen. Aber ich wollte gar nicht weg, der Urlaub war doch schon komplett bezahlt. Ich bin dann noch eine Woche an der Ostsee geblieben, ehe es in Berlin mit dem Training losging.

Der Aufstieg war ja ein Politikum, weil Hertha BSC wegen des Handgeldskandals aus der Bundesliga geworfen worden war.

Genau, es sollte auf jeden Fall ein Berliner Klub nachrücken. Beim DFB hat man sich erinnert, dass man Tasmania schon mal Unrecht angetan hatte. Hermann Neuberger – da war er noch kein DFB-Präsident, aber sein Wort hatte Gewicht – betonte damals: Tasmania muss aus sportmoralischen Gründen aufgenommen werden. Denn statt Hertha hätten wir ja bei der Bundesliga-Gründung dabei sein müssen, wir waren viele Male Meister in unserer Oberliga.

Zwei Jahre später war Tasmania also doch noch Bundesligist.

Im Verein haben alle gejubelt. Ich habe nur gefragt: Seid ihr verrückt, was wollen wir mit dieser Mannschaft in der Bundesliga? Der Spielermarkt war abgegrast, wir haben zum Glück noch den Horst Szymaniak aus Italien bekommen. Der Rest war zweit- und drittklassig. Und unsere damalige Meistermannschaft war auch schon in den 30ern. Für mich war das der größte Blödsinn.

Aber dann vor 81.000 Fans zum Auftakt im Olympiastadion gegen den Karlsruher SC zu spielen, muss doch ein Riesenerlebnis gewesen sein.

Wir hatten Glück, dass wir das erste Spiel mit 2:0 gewannen. Ich hatte vorher zu den Zuschauern im Stadion gesprochen und gebeten: Unterstützt uns, pfeift nicht gleich, ihr seid der zwölfte Mann. Da war ich nervöser als im Spiel. Ich habe da aber noch eine schöne Episode.

Bitte erzählen Sie.

Ich war ja Kapitän. Vor dem ersten Spiel habe ich mit dem Vorstand über Prämien gesprochen. Das Grundgehalt war vom DFB maximal vorgegeben, ich glaube, das waren 1200 D-Mark. Der Verein hat den Vorschlag gemacht: Folgendes, lieber Atze, wir setzen eine hohe Siegprämie aus, als Anreiz. Aber dafür wird das Grundgehalt niedriger. Ich habe das der Mannschaft verklickert, aber gesagt: lieber eine niedrigere Siegprämie und dafür eine sichere Basis. So haben wir es dann auch gemacht. Nun kam also das erste Spiel. Und ich war nach dem 2:0 der größte Depp, der zu hören bekam: Du verschenkst unser Geld, 1000 Mark für einen Sieg, bei Unentschieden sind wir auch gut bedient. Aber spätestens Mitte der Serie sind sie mir um den Hals gefallen und sagten: Dit haste jut jemacht.

Wie haben Sie das damals beruflich geregelt?

Das war auch so ein Ding. Uns wurde vom Verein gesagt, wir sollten kündigen. Mit dem Vertrag als Bundesligaspieler würden wir ja mehr verdienen als im Job. Das kam für mich nicht infrage, ich war beim Mess- und Eichamt im öffentlichen Dienst und änderte meinen Vertrag auf Halbtag. Aber ich habe dem Büroleiter damals direkt gesagt: Wir können gleich einen Termin festsetzen, wann ich hier wieder auf der Platte stehe und meinen Vollzeitvertrag wiederhaben möchte. Wieso das, hieß es, ich sei doch in der Bundesliga. Aber ich wusste schon da: Nach neun Monaten ist alles vorbei.

Mit dem 0:5 in Mönchengladbach ging die Rekordserie dann los. Wie war es für Sie, als sich ein Spiel ohne Sieg ans nächste reihte?

Heute würde man sagen: Wir haben von Spiel zu Spiel gedacht. So wie in Gladbach. Am Anfang war ja Euphorie dabei, wir hatten noch vorher in der Presse gelesen, die Fohlen hätten Respekt vor dem Aufsteiger, von Himmelsstürmern war da die Rede. Im Übermut haben wir dann direkt eine Klatsche bekommen. Heynckes, Vogts, Wimmer – die halbe spätere Nationalmannschaft hat für Gladbach gespielt. Da war dann schon der Groschen gefallen: Au, das könnte schmerzhaft werden.

Am Ende waren es 28 Niederlagen, 108 Gegentore. Haben Sie zwischendurch mal gedacht: Bloß raus aus dieser Liga?

Die Stimmung wurde nicht besser, aber wir haben uns nicht gesagt, dass wir die größten Gurken wären. Wir haben uns mit Durchhalteparolen beholfen, dass jedes Spiel mit einem 0:0 anfängt. Aber wenn der Gegner dann mal das erste Tor erzielt hat… Spätestens nach der Halbserie haben wir gesagt: Lieber Gott, lass es schnell vorbeigehen.

Gab es Spott der Gegner?

Die meisten haben sich sehr sportlich verhalten, haben uns aufgebaut: Mensch, da wart ihr doch richtig dran. Ich erzähle nur eine Geschichte immer wieder gerne: Spiel beim HSV, 1:5, glaube ich. Links Flankengott Charly Dörfel, in der Mitte Uwe Seeler. Es steht 0:3, Dörfel umspielt unseren Verteidiger, der rutscht aus, liegt lang. Da setzt sich Dörfel auf den Ball, winkt unseren Mann ran. Der kommt angerannt, wird erneut ausgespielt, die Flanke geht nach innen. Auf einmal brüllt Uwe Seeler über den Platz: Charly, wenn du das noch mal machst, trage ich dich eigenhändig vom Platz. Viele Tore sind okay, aber den Gegner verscheißern, das macht man nicht. Hut ab vor so einer Haltung.

Stellen Sie sich mal die Häme im Internet-Zeitalter vor.

In der Tat, aber so ein bisschen kam das auch damals schon auf. Da wurden Postkarten mit Karikaturen von uns gedruckt, wie wir über den Platz taumeln. Darunter stand: Ihr habt wohl ein paar zu viel getrunken. Aber wir haben es versucht, mit Galgenhumor zu nehmen. Als wir schon hoffnungslos abgeschlagen waren, fragte ein Reporter, ob wir uns zerfleischen würden, ob nicht alles am Tiefpunkt sei. Eckhard Peschke, unser Mittelläufer, sagte da: Was wollen Sie denn? Wir stehen doch gut da: Wir peitschen die gesamte Bundesliga vor uns her. Das war im gleichen Moment tragisch und witzig. Oder: Wir hatten einen Spieler, der hieß Herbert Finken, der kam von Viktoria Köln. Fußballspielen war nicht seins, aber große Sprüche hatte er. Als wir gegen Schalke ins Stadion einliefen, war er neben Stan Libuda. Den fragte er, wie er denn hieße. Libuda sagte: Na, Libuda. Und bekam als Antwort: Ich bin der Finken, gleich wirst du hinken. (lacht) Ist natürlich klar, dass wir verloren und Libuda Finken schwindelig spielte.

Was war schlimmer: das 0:9 gegen Meiderich, die bis heute höchste Heimpleite der Bundesliga-Geschichte, oder vor 827 Zuschauern im Olympiastadion gegen Gladbach zu verlieren?

Das 0:9. Die Meidericher waren im ersten Bundesligajahr Vizemeister, hatten eine tolle Truppe. Unser Torwart hat sich in dem Spiel dann noch zwei, drei Dinger selbst reingeschmissen. Ich muss aber sagen: Vor ein paar Hundert in Berlin zu spielen, war auch furchtbar. Wir waren quasi die Erfinder der Geisterspiele.

Und dann der vorletzte Spieltag: 2:1 gegen Borussia Neunkirchen, endlich wieder ein Sieg.

Da haben wir voller Ironie gesagt: Der Knoten ist geplatzt, jetzt rollen wir das Feld auf. Es war leider zu spät. Kurz darauf waren wir wieder da, wo wir hingehörten: in der Oberliga. Der Druck war weg. Und ich konnte meinen Arbeitsvertrag wieder auf Vollzeit umstellen.

Es passt wie die Faust aufs Auge, dass Sie Ihr letztes Bundesligaspiel gegen den Klub verloren, der Ihnen heute die Negativmarke streitig macht.

Ich drücke ganz Schalke die Daumen, wünsche alles fußballerische Können und Glück, dass sie in der Bundesliga bleiben. Aber diesen legendären Titel werden wir behalten.