Es war beinahe nur ein Nebensatz. Mit dem Angela Merkel am Mittwoch anmerkte, dass die Fußball-Bundesliga ihren erhofften Neustart Mitte Mai angehen kann. Die Kanzlerin habe in der Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer besprochen, „dass der Spielbetrieb unter den genehmigten Regeln erlaubt wird“.
Ein unspektakulärer Satz, mit lang ersehnten Folgen. Der Ball darf wieder rollen. Ohne Zuschauer und natürlich unter Einhaltung strengster Hygienemaßnahmen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) will die Saison am 15. Mai fortsetzen. Über diesen Beschluss des DFL-Präsidiums seien die 36 Profiklubs am Mittwochabend informiert worden, bestätigte der Dachverband. Zuerst hatte die „Bild“ darüber berichtet. Am Donnerstag sollen in einer Mitgliederversammlung mit den Klubs noch die Details der Fortsetzung der seit Mitte März unterbrochenen Spielzeit beraten werden.
„Die heutige Entscheidung ist eine gute Nachricht für die Bundesliga und die 2. Bundesliga“, sagte ein erleichterter DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Für Herthas Manager Michael Preetz war die Entscheidung der Politik „eine gute Nachricht für die Bundesliga. Wir freuen uns darauf, wenn der nächste Spieltag angepfiffen wird“. Bundesligaspiele könnten für viele Menschen einen weiteren, kleinen Schritt Richtung Normalität bedeuten.
Auch Bayern Münchens Geschäftsführer Karl-Heinz Rummenigge sprach bei Sky von einem „Glückstag für den Fußball“. Man sollte anstreben, „so zügig wie möglich in den Spielbetrieb zurückzukommen, weil die Voraussetzungen von der Politik jetzt geschaffen wurden“, sagte er.
Ministerpräsident Söder rügt Herthas Kalou
Bevor aber das erste Geisterspiel angepfiffen wird, müssen sich alle Mannschaften in eine „Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers“ begeben, wie aus dem Papier hervorgeht, auf das sich Merkel und Co. geeinigt haben. Eine vorab diskutierte, zweiwöchige Quarantäne für alle Mannschaften ist aber nicht nötig. Weil die Profis durch regelmäßige Corona-Tests sowieso engmaschig kontrolliert werden. Bei Hertha BSC wollen sie sich getreu der Vorgabe im Teamhotel isolieren. Andere Klubs planen ähnliche Maßnahmen auf dem eigenen Vereinsgelände.
Der Neustart ist eben ein Kompromiss, der von vielen Seiten Eingeständnisse fordert. Auch von der Politik, die das vorgelegte Konzept der DFL am Ende aber für „mehr als vertretbar“ hält, wie Bayerns Ministerpräsident Marcus Söder (CSU) nach der Entscheidung erklärte. Der CSU-Politiker fühlte sich aber dennoch genötigt, noch einmal alle Beteiligten zur Vernunft aufzurufen.
„Es haben sich alle an die Hygienemaßnahmen zu halten“, sagte Söder. „Ich kann nur appellieren: Es sollten auch Spieler, die sich unvernünftig verhalten, mit Konsequenzen rechnen müssen.“ So wie Herthas Salomon Kalou, der mit seinem Kabinen-Video und der Missachtung zahlreicher Corona-Auflagen am Dienstag „schon ein schweres Eigentor“ geschossen habe, wie Söder befand. Und als Folge dessen suspendiert wurde.
Bundesliga braucht 20.000 Tests bis zum Saisonende
Auch DFL-Boss Seifert rief noch einmal zur Einhaltung der Vorschriften auf. Die Entscheidung der Politik „ist verbunden mit einer großen Verantwortung für die Klubs und ihre Angestellten, die medizinischen und organisatorischen Vorgaben diszipliniert umzusetzen“, sagte der 50-Jährige. Bleibt allein diese eine Schwachstelle. Was passiert, wenn in einer Mannschaft ein positiver Corona-Fall auftaucht?
Die DFL sieht dann vor, allein den positiv getesteten Spieler zu isolieren. Horst Seehofer (CSU) hat dazu eine andere Meinung. Auch Fußballprofis müssten nach Kontakt mit Corona-Infizierten für 14 Tage isoliert werden, meint der Sportminister. „Das ist ein Prinzip, das für die gesamte Bevölkerung zur Anwendung kommt, und es gibt keinen Grund, warum das bei Fußballprofis anders sein sollte“, sagte Seehofers Sprecher Steve Alter. Im Zweifelsfall müssten dann ganze Mannschaften in Quarantäne. Was einschneidende Folgen auf die Fortsetzung des Spielbetriebs hätte.
Vorgebeugt werden soll diesem Szenario mit engmaschigen Corona-Tests. 20.000 davon wird die DFL bis zum Saisonende brauchen. In einem ersten Testdurchlauf am vergangenen Wochenende wurden 1724 durchgeführt – und zehn Corona-Infizierte identifiziert und isoliert. Sollte sich die Pandemie bundesweit aber wieder verschlimmern, soll mit Blick auf die Testkapazitäten das Gesundheitswesen „jederzeit mit Priorität behandelt“ werden, wie es in dem ausgearbeiteten Papier ebenfalls heißt.
Bundesliga wird zum Weltmarktführer
Fest steht aber trotzdem: Durch den Start im Mai wird die Bundesliga mit einem Schlag zum Weltmarktführer, da die anderen Topligen noch weit von einem Wiederbeginn entfernt sind. Oder aber schon abgebrochen wurden, wie etwa in Frankreich oder auch in Belgien, wo Sportwettkämpfe aller Art bis zum 31. Juli ausgesetzt werden. Die Bundesliga verhindert also nicht nur einen Verlust von Hunderten Millionen Euro und sichert sich ihre Existenz. Sondern auch das uneingeschränkte Interesse in Fußball-Europa.
Auch ganz ohne Fans auf den Tribünen. „Spiele ohne Stadion-Zuschauer sind für niemanden eine ideale Lösung“, sagte Seifert. „Es ist in einer für einige Klubs existenzbedrohenden Krise allerdings die einzige Möglichkeit, den Fortbestand der Ligen in ihrer jetzigen Form zu bewahren.“ Einer dieser bedrohten Klubs ist der Tabellenletzte Paderborn, der zum Auftakt des Neustarts Düsseldorf empfangen wird.
Ein weitaus schmackhafterer Leckerbissen wartet aus Berliner Sicht aber dann schon am folgenden Spieltag. Das Derby. Hertha BSC empfängt den 1. FC Union im Olympiastadion. Ganz ohne Fans, aber dafür dann auch wohl ganz ohne Böller und Raketen.
sid


