Fussball

Berlin hat zu wenig Platz für Fußball-Kinder

Berlins Fußballvereine müssen 5000 Kinder abweisen, weil ihnen der Platz fehlt. Das Problem wird sich in der Zukunft noch verstärken.

Trotz der verkorksten Weltmeisterschaft: Fußball boomt in Deutschland nach wie vor – auch auf dem Platz von Berolina Mitte

Trotz der verkorksten Weltmeisterschaft: Fußball boomt in Deutschland nach wie vor – auch auf dem Platz von Berolina Mitte

Foto: Reto Klar

Berlin.  Das Wort Herzensangelegenheit wird im Fußball bisweilen überstrapaziert, aber die leeren Worthülsen überlassen Menschen wie Herbert Komnik gern der glitzernden Profi-Welt. Er selbst setzt lieber auf Taten, und so steht er am Freitagabend schon wieder auf dem Gelände der Berliner Amateure, einem Kreuzberger Traditionsklub, um das Vereinsleben am Laufen zu halten.

Seit knapp 30 Jahren zählt Komnik (61) zu den guten Seelen von „Ama“, als Betreuer, Trainer, im Vorstand und mittlerweile seit über zehn Jahren als Jugendleiter. Kinder und Fußball sind für ihn ein Stück weit zur Lebensaufgabe geworden. Komnik kümmert sich gern, das merkt man ihm an, nur muss er sich seit Jahren immer häufiger mit Eng- statt mit Doppelpässen beschäftigen.

„Wir müssen praktisch täglich Eltern absagen“, erzählt er, während auf dem Kunstrasen an der Körtestraße die nächsten Trainingsgruppen auflaufen. Die passenden Zahlen zu diesem Dilemma hat er im Kopf. In diesem Sommer drängten 52 Kinder aus dem Jahrgang 2013 in den Verein. Beim 2012er-Jahrgang waren es 80, beim 2011er 75, aber aufnehmen können die Amateure bestenfalls 35. „Den Rest“, sagt Komnik, „müssen wir nach Hause schicken.“. Er sieht besorgt dabei aus, wohl auch, weil er weiß, wie viel der Fußball geben kann. Er selbst meldete seine zwei Söhne in der Saison 1989/90 bei den Amateuren an, allein schon deshalb, „weil der Sport dabei hilft, dass die Kids nicht auf die schiefe Bahn geraten“. Platz gab es damals noch genug, ein Zustand, der heute nur noch eine nostalgische Erinnerung ist.

Anzahl der Einwohner steigt, die der Sportangebote nicht

Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ist in der Stadt allgegenwärtig. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) schlägt Alarm. „Wir sprechen aktuell von rund 5000 Kindern, die nicht in die Vereine können. Die Vereine sind längst an ihrer Grenze der Kapazität angekommen, und das Problem wird sich in Zukunft nur verstärken“, sagt Gerd Liesegang, der Vizepräsident des BFV. „Wir rechnen mit mehreren Tausend Menschen, die pro Jahr nach Berlin ziehen und dann auch Sport treiben wollen, aber gerade in der Innenstadt wurden viele Flächen verschenkt.“

Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg liegen mit der Zahl ihrer Sportplätze weit unter dem Orientierungswert des Senats. Dass Vereine ihren Trainingsplatz achteln, um die vielen Nachwuchsteams unterzukriegen, ist daher keine Seltenheit – und selbst diese Notlösung reicht nicht.

Gerd Thomas würde die Zahl der unversorgten Kinder sogar noch höher ansetzen. Als 1. Vorsitzender des FC Internationale in Schöneberg kennt er die Engpässe zur Genüge. Trotz 35 Jugendteams muss der Verein immer wieder Kinder abweisen. Entweder fehlt es an Platz oder an Trainern, schlimmstenfalls an beidem, weil die Perspektive für junge, ambitionierte Übungsleiter auf kleiner Fläche begrenzt ist. Mit Kopfschütteln beobachtet Thomas, wie am Südkreuz oder am Innsbrucker Platz Tausende neue Wohnungen entstehen, aber keine neuen Sportflächen geplant werden.

Auf engstem Raum zusammenrücken

Die Probleme der einzelnen Vereine gleichen sich, die Lösungsansätze nicht unbedingt. Manch einer gibt sich genügsam und rückt auf engstem Raum zusammen. „Man muss mit dem leben, was da ist“, sagt Elias Bouziane, Jugendleiter von Viktoria Mitte. Andere, wie der SV Empor aus Prenzlauer Berg, bieten für all jene, die keinen Platz in den Spielbetriebs-Mannschaften finden, einmal pro Woche ein Freizeittraining an. Wieder andere setzen schon bei den jüngsten knallhart auf das Leistungsprinzip. Bei Askania Coepenick wird genommen, wer das meiste Talent hat. Was unterm Strich bleibt, ist Frust. „Der Andrang ist groß“, sagt Julien Fiebach aus der Jugendleitung von Berolina Mitte, „dem können wir nicht mehr in allen Altersklassen gerecht werden.“

Den Berliner Amateuren und Herbert Komnik geht’s nicht anders. Dass der Klub zusätzlich Flächen bekommt, ist unwahrscheinlich, allein schon wegen der Knappheit auf dem Wohnungsmarkt. Bei der Nachverdichtung sind freie Flächen in zentralen Lagen ein gefragtes Gut. Sportvereine haben hingegen oft genug mit Beschwerden von Anwohnern zu kämpfen, denen das Treiben auf den Plätzen zu laut ist. Wer es nicht mit dem Sport hält, wünscht sich mitunter Neubauten anstelle von Bolzplätzen, übersieht dabei aber die soziale Komponente des Sports.

Bei der Frage, wieviel Sportplätze sich Berlin leisten will, geht es schließlich um weit mehr als die Suche nach dem nächsten Jerome Boateng. Es geht um Orte, an denen man fürs Leben lernt, weil neben sauberem Passspiel auch Teamfähigkeit, Fairness, Durchhaltevermögen und vieles andere mehr vermittelt wird. Komnik fängt damit bei den Jüngsten von rund 500 „Ama“-Kids an – „das ist positiver Stress“, sagt er mit mildem Lächeln. Die Sorgen im Hintergrund aber bleiben. „Auf lange Sicht“, meint er, „dient der Platz an der Körtestraße den Immobilien-Haien als Mahlzeit.“

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