Fussball

IF Brommapojkarna ist Europas größte Talentfabrik

In Stockholm gibt es einen Klub mit 260 Mannschaften im Spielbetrieb, Deutschlands größter hat nur 70.

Torino's Cristian Molinaro (L) Im Zweikampf mit  Niklas Baerkroth von IF Brommapojkarna

Torino's Cristian Molinaro (L) Im Zweikampf mit Niklas Baerkroth von IF Brommapojkarna

Foto: pa

Berlin.  An Montagen war es am schlimmsten. Dann war Peter Appelquist in der Schule immer besonders müde. Als er 14 Jahre alt war, war eine der Trainingseinheiten in der C-Jugend von IF Brommapojkarna für Sonntagabend angesetzt. Vor 23 Uhr war das Training nicht zu Ende, entsprechend spät war Appelquist im Bett. „Zuhause bin ich kaum zur Ruhe gekommen und konnte oft noch eine ganze Weile nicht einschlafen“, sagt er.

Es gibt sicherlich bessere Trainingszeiten für Jugendliche als Sonntagabend, doch bei Brommapojkarna hat man gar keine andere Wahl. Mit 260 spielenden Mannschaften und rund 4000 aktiven Spielern ist der Verein aus dem Stockholmer Stadtteil Bromma der größte Fußballklub Europas. Würden einige Mannschaften nicht auch spätabends oder schon sehr früh am Morgen auf den Platz gehen, ließe sich der Trainingsbetrieb überhaupt nicht mehr bewerkstelligen.

Allein bei den Achtjährigen stellt Brommapojkarna 38 Teams, davon sind elf reine Mädchenmannschaften. Zum Vergleich: Der FC Viktoria 1889 Berlin als größte Fußballabteilung Deutschlands hat in allen Altersklassen insgesamt 70 Mannschaften im Spielbetrieb. Als Betreuer springen bei Brommapojkarna häufig die Eltern ein. Nur in der eigenen Fußballakademie arbeiten ausschließlich ausgebildete Trainer.

Auf Deutsch bedeutet Brommapojkarna so viel wie: die Jungs aus Bromma. Ein passender Name für einen Klub, bei dem der Nachwuchs 95 Prozent der Mitglieder ausmacht. Ein paar Jugendliche aus der Nachbarschaft waren es auch gewesen, die den Verein 1942 gegründet hatten. Trainiert wurde anfangs noch in einem Kellerraum.

Vier WM-Spieler wurden bei Brommapojkarna ausgebildet

In den 1970er-Jahren wurde die Nachwuchsarbeit intensiviert, ehe die Abteilung dann in den Neunzigern im Zuge eines generellen Babybooms in Schweden regelrecht explodierte. „Wir haben als Jugendklub angefangen, während die großen Stockholmer Klubs wie AIK Solna, Djurgarden oder Hammarby schon immer den Fokus auf ihre erste Mannschaft gelegt haben“, erklärt Peter Appelquist, der bei Brommapojkarna jetzt als Pressesprecher tätig ist.

Bis heute wird der Verein vor allem als Ausbildungsklub wahrgenommen. Was auch daran liegt, dass die Männer bislang mäßig erfolgreich waren. Die beste Platzierung in der Allsvenskan-Liga war bislang ein zwölfter Platz, zudem stand der Klub dreimal im Halbfinale des Pokals. Erst 2007 spielte man überhaupt zum ersten Mal erstklassig. „Wir sind eine Talentfabrik“, sagt Peter Appelquist. Bei der Fußball-WM in Russland stehen aktuell gleich vier Spieler im schwedischen Aufgebot, die einst bei Brommapojkarna ausgebildet wurden: Ludwig Augustinsson von Werder Bremen, Albin Ekdal vom Hamburger SV, Torwart Kristoffer Nordfeldt (Swansea/England) sowie John Guidetti (Deportivo Alaves/Spanien). Kein anderer schwedischer Klub ist bei dem Turnier in Russland so zahlreich vertreten.

Auch Anders Limpar, einst englischer Meister mit Arsenal London und 1994 zudem WM-Dritter mit Schweden, hatte in der Vergangenheit schon für Brommapojkarna gespielt. Dass man Spieler solchen Kalibers nicht halten kann, wenn finanzstarke Klubs aus dem Ausland anklopfen, daran hat man sich bei Brommapojkarna längst gewöhnt. „Das ist die Realität, ein ewiger Kreislauf“, sagt Peter Appelquist. Allerdings würde der Verein gern direkt ins Ausland verkaufen und damit die Früchte seiner guten Nachwuchsarbeit selbst ernten. Weil jedoch die erste Mannschaft bislang meist nur im Tabellenkeller dümpelt, wechseln die besten Spieler oft erst zu einem der besseren Klubs in Schweden, zum Teil sogar ablösefrei, und von dort dann in eine der europäischen Topligen – und Brommapojkarna geht trotz Transferentschädigungsregel der Fifa oft leer aus. Ziel sei es deshalb, so Appelquist, auch im Erwachsenenbereich künftig eine bessere Rolle zu spielen. Dafür hat der Verein so viele Spieler von außerhalb verpflichtet wie noch nie, darunter sogar einige Nationalspieler aus Kenia. Der Fokus liegt aber auch in Zukunft auf dem Nachwuchs. Die Jugend trainiert an insgesamt 15 Orten. Keiner der Plätze gehört dem Klub, er muss die Spielfelder von der Stadt mieten. „Wir hätten auch gar nicht die finanziellen Mittel um die Plätze selbst zu betreiben“, sagt Peter Appelquist.

Eigentlich bräuchte Brommapojkarna noch viel mehr Fußballplätze. Auf „zehn zusätzliche Felder“, schätzt Appelquist den Bedarf, doch so schnell kommt die Stadt mit dem Bau gar nicht hinterher. Deshalb trainieren oft sechs oder sieben, manchmal sogar acht Mannschaften parallel auf einem Platz. „Da muss man als Trainer schon ein bisschen kreativ sein, was die Trainingsgestaltung angeht“, meint der 26-Jährige. Freistöße und Spielzüge lassen sich nur einüben, wenn an einem Tag mehr Platz zur Verfügung steht; ansonsten liegt der Schwerpunkt auf Ballkontrolle und Kurzpassspiel. „Es ist der typische Stil von Brommapojkarna, der sich auch in der ersten Mannschaft noch bemerkbar macht: technisch stark, mit vielen Dribblings und vielen kurzen Pässen. Ein bisschen wie der FC Barcelona“, sagt Peter Appelquist.

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