Deutschlands Kapitän Julian Draxler hat zum Abschied einen offenen Dankesbrief an Russland geschrieben. „Was wir erleben durften, hat uns begeistert“, heißt es darin, und so mancher in Draxlers eigenem Land wird sich bei der Lektüre wohl fragen, ob es da um dasselbe Land geht, das er abends immer in den Fernsehnachrichten sieht. Das mit Kriegen in der Ukraine und Syrien, das mit den festgenommenen Systemkritikern. Das Land, gegen das auch Deutschland Sanktionen verhängt hat.
Sport und Politik, Begegnung und Propaganda: In diesem Spannungsfeld bewegte sich wie etliche Großveranstaltungen der letzten Jahre auch dieser Confed Cup. Und so widersprüchlich es klingen mag: Nur weil die Nachrichten stimmen, muss der Nationalspieler nicht daneben liegen.
Die Alltagsebene ist immer etwas anderes, das Land zu groß, die Fremdsprachenkenntnisse der Bevölkerung meist zu gering und die Überwachungsmechanismen des Regimes zu diskret, um sich dem Besucher zu erschließen, zumal einem abgeschirmten Fußballer. Auch wenn Draxler die reibungslose Organisation lobte, hatte er zweifelsohne Recht, und im Vergleich zu den von Kriminalitäts- bzw. Anschlagsgefahr begleiteten Turnieren in Brasilien 2014 und Frankreich 2016 fühlte sich dieser Confed Cup nachgerade entspannt an.
Zufriedenes Grinsen vor dem Fernseher
„Wenn so ein problematisches Turnier aussieht“, posaunte Fifa-Präsident Gianni Infantino in Erinnerung an viele Bedenken, „dann möchte ich viele problematische Turniere haben.“ Man kann sich das zufriedene Grinsen vorstellen, das in diesem Moment vor irgendeinem Fernseher über das Gesicht von Wladimir Putin gehuscht sein muss. Wo er vor drei Jahren bei den Olympischen Spielen in Sotschi noch allgegenwärtig schien, machte sich der Präsident beim zweiten Akt der russischen Sportfestspiele rar.
Die Welt und sein Standing haben sich fundamental verändert seit 2014, als er am Schlusstag den Befehl zur Annexion der Krim gab. So wusste der Stratege in ihm wohl: Diesmal dient das Event seinen Interessen besser, je unpolitischer es erscheint. Ein persönlicher Auftritt beim Eröffnungsspiel, das war’s.
Den PR-Triumph zu erklären, überließ er Infantino und seinem langjährigen Intimus, dem Organisationschef und Vize-Premier Witali Mutko. Beide betonten in ihren Abschlussstatements den logistischen Erfolg, in dem weiten Land ein solches Turnier über die Bühne gebracht zu haben. Insbesondere die Gratis-Nachtzüge für Ticketinhaber hoben sie als Errungenschaft hervor. Die werden auch nächstes Jahr zur WM fahren – und dann angesichts wesentlich größerer Fangruppen (diesmal nur die Chilenen) und noch gigantischeren Distanzen von über 3000 Kilometer (Kaliningrad bis Jekaterinenburg) auf eine härtere Probe gestellt.
Indizien aus McLaren-Report werden einfach ignoriert
Tote Arbeiter, Korruption bei den Stadionbauten – all das spielte zum Abschluss hingegen keine Rolle und tat es wohl sowieso nie. Nur beim Thema Doping und den neuen Vorwürfen gegen das russische WM-Team von 2014 legte sich Infantinos Stirn in Falten und schlug Mutkos Puls höher. „Soll ich hier einen russischen Tanz aufführen, damit diese Fragen mal aufhören?“, polterte der: „Der russische Sport gehört zu den führenden in der Welt, wir sollten dem System vertrauen.“ Das habe bisher als „Fakten“ nur negative Tests ergeben, alles andere seien „Spekulationen“, assistierte Infantino.
Ein Jahr ist es bis zur WM, ein Jahr wird die Fifa wohl noch versuchen, die Indizien aus dem McLaren-Report und alle Verdachtsmomente einfach zu ignorieren. Vor diesem Hintergrund ist aus Sicht der Funktionäre hilfreich, dass es bei diesem Confed Cup auch noch etwas gab, das nichts mit Russland zu tun hatte: Var – die Videoschiedsrichter.
Treuherzig informierte Ex-Referee Pierluigi Collina, Leiter der Fifa-Schiedsrichterkommission, auf dem Stuhl neben Infantino von der SMS eines Turnierunparteiischen: „Ich genieße die Spiele jetzt viel mehr, weil ich weniger Druck verspüre.“ Allerdings soll es sich dabei nicht unbedingt um die Mehrheitsmeinung im Berufsstand halten.
Videoschiedsrichter vor allem in Lateinamerika unbeliebt
Die lateinamerikanischen Schiedsrichter sollen sich derart fundamental gegen Var ausgesprochen haben, dass sie über Nacht von einem Einsatz im Finale abgezogen wurden, berichtete etwa die spanische Zeitung „As“. Tatsächlich leiteten am Sonntag sieben europäische Referees das Endspiel. Sie gelten als folgsamer gegenüber Collina – der weiß, wie wichtig Var seinem Chef Infantino ist.
Die endgültige Entscheidung über einen Einsatz bei der WM wird das für die Regeln zuständige Ifab-Board im kommenden März treffen. Man ahnt, wie sie ausfallen wird. Im selben Monat soll in Russland ein Präsident gewählt werden. Auch hier scheint das Ergebnis klar.
Dieser Confed Cup, er war also nur der Anfang – außer für sich selbst. Da war er wohl schon das Ende. Angesichts der Veränderungen durch WM im Winter (2022) bzw. mit 48 Mannschaften (2026) gilt seine Zukunft als sehr fraglich.


