Es gibt eine Anekdote, die fast alles sagt über Jorge Sampaoli. Sie ist über 20 Jahre alt und stammt vom Beginn seiner Trainerkarriere tief in der argentinischen Provinz nahe der Stadt Rosario. Wegen Schiedsrichterbeleidigung wurde er nach einer Viertelstunde vom Platz geworfen. Also kletterte er auf einen Baum, um weiter Anweisungen zu geben. Das Foto davon brachte es in die Lokalpresse – und verschaffte ihm erstmals eine gewisse Berühmtheit sowie einen neuen Job.

Sampaoli ist beharrlich, ein bisschen wahnsinnig und setzt sich über alle Hindernisse sowie notfalls auch mal über Regeln hinweg. „No escucho y sigo“ („Ich höre nicht zu und mache weiter“) – diese Songzeile seiner Lieblingsrockband „Callejeros“ hat er sich als Leitsatz auf den linken Arm tätowiert.

Sie hat eine Laufbahn befeuert, die ihn jetzt gegen alle Wahrscheinlichkeit ans Ziel seiner Sehnsüchte gebracht hat. „Seit ich den Verstand benutzen kann, träume ich davon, die argentinische Nationalmannschaft zu trainieren“, sagte er, als er sich von seinem Klub Sevilla verabschiedete.

Ausgestattet mit einem Vertrag bis 2022

Am Freitag (12 Uhr MESZ) debütiert er nun in Melbourne mit einem Freundschaftsspiel gegen Brasilien, gegen das es für einen Argentinier natürlich keine Freundschaftsspiele gibt. Schon gar nicht angesichts der kritischen Lage der Nationalelf in der WM-Qualifikation, die (obwohl 2014 noch Deutschlands Finalgegner) vier Spieltage vor Schluss gerade so eben einen Relegationsplatz hält.

Und erst recht nicht angesichts dieser Erwartungshaltung: „Wir haben den besten Fußballtrainer der Welt verpflichtet“, jubilierte Argentiniens neuer Verbandspräsident Claudio Tapia, nachdem sein klammes Gremium die 1,5 Millionen Euro für die fällige Ausstiegsklausel an Sevilla zusammengekratzt hatte.

Sampaoli bekam einen Fünfjahresvertrag bis 2022 – so etwas gab es in Argentinien noch nie, wohlweislich bei neun Trainern allein in den letzten 13 Jahren. Aber der befand sich in komfortabler Verhandlungsposition, denn die Mannschaft braucht dringend einen Wandel und seine Figur verspricht sowohl den als auch alles, was die Vorgänger nicht hinbekamen: Titel, guten Fußball und einen glücklichen Messi. Mit Chile gewann er 2015 (im Finale gegen Argentinien) die erste Südamerikameisterschaft der Landesgeschichte.

Alle haben sich Superstar Messi unterzuordnen

Und Messi gilt als Anhänger seines hochtourigen, bisweilen fast revolutionären Offensivstils. Dem Superstar alle Freiheiten zu geben, hat sich Sampaoli zur Aufgabe gemacht. „Wir werden das Team dazu drängen, gemeinsam mit Messi zu spielen, um das Beste aus ihm herauszuholen“, ließ er wissen: „Es ist wichtig, dass Messi Spieler um sich hat, die mit seinem Spiel vereinbar sind.“ In Melbourne wird deshalb eine offensive Aufstellung erwartet, in der Ángel Di Maria (Paris Saint-Germain), Paulo Dybala und Gonzalo Higuain (beide Juventus Turin) Messi vorn unterstützen.

Natürlich gibt es in einem Land wie Argentinien aber immer auch andere Meinungen. Allen voran die von Carlos Bilardo, 1986 letzter Weltmeistertrainer: „Er ist weder ein guter Trainer noch ein guter Mensch“, keilte der. Und: „Wenn Sampaoli der beste Trainer ist, um die Nationalelf zu übernehmen, müssen wir meiner Meinung nach die Trainerschule bei uns schließen und von Neuem anfangen.“

Sampaoli provoziert, das steht fest. Zum einen mutiert der so kleinwüchsige wie muskelbepackte Coach an der Seitenlinie auch heute noch so zuverlässig zum verbalen Hooligan, dass er allein in der Champions League vorige Saison zweimal vom Platz flog.

Mal Systemgegner, mal Professor

Wie seine Lieblingsbands inszeniert er sich dazu gern als Systemgegner („Vieles in der heutigen Welt ermüdet mich“), nach Spielschluss wiederum kommt er mit dicker schwarzer Hornbrille zur kahlen Glatze bisweilen etwas arg professoral daher.

Aus Melbourne ließ er den Verband nun einen Teil seiner Trainingspläne veröffentlichen. Was als Konzession an die Wortführer der TV-Stammtische gedacht war, denen zufolge er „nur Rauch verkauft“, wurde nur als oberlehrerhaft wahrgenommen.

Als hätte er den Fußball erfunden, dieser Prophet aus fernen Landen. Denn das ist Sampaoli für viele, ein Fremder, und das ist wohl auch der Hauptgrund für die Aversionen. Mit 57 Jahren hat er noch nie in der ersten argentinischen Liga gespielt oder trainiert. Selbst seinen großen Lehrmeister erlebte er nicht direkt.

Bielsa und Guardiola zählen zu seinen Trainer-Vorbildern

Der Polizistensohn Sampaoli kickte in der Jugend von Newell’s Old Boys, als dort Marcelo Bielsa die erste Mannschaft leitete, Vorbild so vieler argentinischer Trainer und – neben Pep Guardiola – auch für ihn. Seine eigene Karriere endete bald an einem Schien- und Wadenbeinbuch.

Danach arbeitete er an der Kasse einer Bank und später im Standesamt, während er kleine Mannschaften aus der Provinz coachte. Das Foto auf dem Baum brachte ihn zu einem Ablegerverein von Newell’s in der dritten Liga. 2002 verließ er Job und Familie, um ein Angebot aus der ersten peruanischen Liga anzunehmen. In Chile reüssierte er danach, erst bei Universidad de Chile, dann in der Nationalelf.

Als er vorige Woche in Buenos Aires vorgestellt wurde, war der Saal voller als einst bei Diego Maradona, aus seiner Heimatstadt Casilda kamen neben der Familie auch Freunde in der Bekleidung seines ersten Klubs als Trainer und der Neue pflegte einen Diskurs, den die Zeitung „La Nación“ in seiner patriotischen Penetranz „ein Stück weit demagogisch“ nannte. „Wie schön, nah an dem zu sein, was man aus der Ferne bewunderte“, zitierte er zu Beginn den Gaucho-Barden José Larralde, um später wieder und wieder auszuführen: „Wir stehen alle unter der Fahne.“