Es ist schon ein wenig paradox. Bis am 6. Juni im Berliner Olympiastadion das Champions-Legaue-Finale angepfiffen wird, sind es nicht mal mehr fünf Monate. Wie man als Fußballfan an ein Ticket kommt, scheint derzeit aber kaum jemand zu wissen.
Anfragen beim Europäischen Fußballverband Uefa, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem Berliner Fußball-Verband (BFV) oder der Stadiongesellschaft enden zumindest stets mit dem gemeinsamen Tenor: „Derzeit liegen uns keine gesicherten Informationen vor.“ Bis die Uefa „Ende Februar/Anfang März“ das genaue Verfahren zur Ticketvergabe kommuniziert, herrscht eine gewisse Informationsscheu.
Ganz so planlos, wie es auf den ersten Blick scheint, sind die Endspiel-Organisatoren selbstverständlich nicht. Wie die Karten für das prestigeträchtigste Fußballspiel des Jahres verteilt werden, steht grundsätzlich schon lange fest. Auf der Homepage der Uefa ist zu lesen, dass ein „Großteil der Tickets“ an „Fans und die breite Öffentlichkeit“ verteilt werden.
Ein gewaltiger Batzen geht dabei an die Anhänger der beiden Finalisten, der Rest in den freien Verkauf. Hinzu kommen Kontingente für Geschäftspartner und das Hospitality-Programm, kurzum: die VIPs und Pseudo-VIPs der hochgeschätzten Uefa-Sponsoren, denen das Endspiel in den Logen des Olympiastadions mit distinguierten Häppchen und einem Gläschen Schampus versüßt wird.
Nur fünf Prozent im freien Verkauf
Eine Ahnung dessen, was die Uefa unter „Großteil“ versteht, ergibt sich aus dem Blick auf die Ticketverteilung der vergangenen Jahre. Beispiel 2013, als der FC Bayern vor 86.298 Zuschauern in London gegen Borussia Dortmund gewann. Damals gingen je 25.000 Karten an die treuen Fans der beiden Endspielteilnehmer.
Sprich: Gut 73 Prozent der Plätze wurden über den deutschen Rekordmeister und seinen schwarz-gelben Widersacher verkauft. Nimmt man die Tickets für Sponsoren und Verbandshonorationen hinzu, bleibt für den freien Verkauf nicht mehr viel.
Wie klein dieser Anteil in etwa sein wird, verdeutlichen die Zahlen des Vorjahres. 2014 setzte sich Real Madrid in Lissabon gegen den Stadtrivalen Atletico durch. Von den 61.000 verfügbaren Plätzen im Stadion des Lichts gingen je 17.000 an die Endspiel-Kontrahenten. Nur 3000 Karten wanderten in den freien Verkauf – also nicht einmal fünf Prozent. Der bescheidene Rest, nicht weniger als 24.000 (!) Tickets, wurden Werbepartnern, Verbänden und dem lokalen Organisationskomitee offeriert.
Letztgenannte Institution dürfte bei Berlinerinnen und Berlinern für ein kurzes Aufflackern von Hoffnung sorgen, schließlich lässt der Name vermuten, dass hier womöglich eine regionale Reserve schlummert. Das ist nicht so. „Aus dem Kontingent des lokalen Organisationskomitees können keine Tickets erworben werden“, heißt es auf Morgenpost-Anfrage beim DFB.
Die Berliner bleiben außen vor
Für Fußballfans aus Berlin heißt das: Die Wahrscheinlichkeit, einen der begehrten Plätze im Olympiastadion zu ergattern, ist ungefähr so groß wie Herthas Chance auf einen Champions-League-Sieg. Dass das größte Event des Vereinsfußballs 2015 vor der eigenen Haustür stattfindet, fällt nicht weiter ins Gewicht. Bis auf vereinzelte Glückspilze werden die Berliner das Endspiel nur am Fernseher bestaunen dürfen.
„Natürlich gibt es Bestrebungen, ein gewisses Kontingent für die Ausrichterstadt zu bekommen“, sagt Bernd Schultz, „aber die anderweitigen Ansprüche haben eine sehr große Bedeutung.“ Eine Erfahrung, die der Präsident des Berliner Fußball-Verbandes auch beim Finale des DFB-Pokals gemacht hat.
Für Schultz ist das Champions-League-Finale eine „zweischneidige Geschichte“. „Ich freue mich für jeden Berliner, der die Chance auf ein Ticket hat, die Wahrscheinlichkeit ist allerdings sehr gering. Das Endspiel ist sicher eine großartige Werbung für die Stadt, aber die Berliner Zuschauer werden leider außen vor bleiben.“
Was den hiesigen Fußballfans bleibt, ist das Prinzip Hoffnung. Die einzige Chance auf eine Karte liegt in der Bewerbung über die Webseite der Uefa. Nur hier können die spärlichen freiverkäuflichen Tickets erstanden werden. Die Bewerbungsphase soll Anfang März beginnen und dauerte 2014 elf Tage.
Am Ende entscheidet das Los
Die Eingangsreihenfolge der Anfragen spielt keine Rolle. Nach Abschluss der Bewerbungsfrist entscheidet das Los. Fußballbegeisterte aus London und Madrid haben somit dieselbe Chance wie Fans aus Sydney und Moskau – oder eben Berlin.
Immerhin: Im Vergleich zum Vorjahresausrichter Lissabon bietet das Berliner Olympiastadion deutlich mehr Platz. Für Uefa-Events, bei denen auf Stehplätze verzichtet wird, beträgt die Zuschauer-Kapazität 74.244. Am Verteilungsschlüssel der Uefa wird sich dadurch allerdings reichlich wenig ändern.
Angesichts der Preiskategorien dürfte die Fußballbegeisterung vieler Fans ohnehin einen Dämpfer erhalten. Im Vorjahr war das günstigste Ticket für 70 Euro zu haben, eine Karte in der teuersten öffentlichen Kategorie kostete schlappe 390 Euro.
Ticketportale wie Viagogo, von denen die Uefa abrät, offerieren übrigens schon jetzt Final-Karten. Die Preise schwanken dort zwischen 500 und 4440 Euro. Es ist schon paradox.




