Bei Verkauf

Raffael müsste mindestens sieben Millionen Euro bringen

Ob er mit Hertha nochmal in die 2. Liga geht, ist weiter offen. Schalke und Kiew sind interessiert, müssten aber tief in die Tasche greifen.

Foto: City-Press

Entspannt wirkt er, der Star von Hertha BSC. „Gut geht es“, sagt Raffael, als er vom Trainingsplatz schlendert und sich mit dem Handrücken ein paar Grashalme von der Stirn wischt. „Und selbst?“, fragt der Brasilianer den Journalisten. Außerhalb des Spielfeldes ist Raffael stets höflich. Er bleibt dann stehen und wartet lächelnd die Antwort ab. Seit viereinhalb Jahren spielt der kleine Dribbler für Hertha BSC. „Jeder weiß, was Raffa für ein fantastischer Spieler ist“, schwärmt Jos Luhukay, sein neuer Vorgesetzter. Nur, was aus Raffael wird, war noch nie so unklar, wie dieser Tage. Bleibt er oder geht er? Und egal, wie die Angelegenheit sich entwickelt, wird sie erhebliche Auswirkungen auf den Zweitligisten haben.

Aus gesundheitlichen Gründen ist Raffael mit einer Woche Verspätung ins Training gestartet. Seit Montag ist er da. Ob Tempoläufe, Kombinationsübungen oder Trainingsspiele – er macht alles mit. Und doch wirkt Raffael, als stehe er neben sich und schaue sich in Berlin alles mit einem Schmunzeln nochmal genau an.

Luhukays Saisonziel ist der Aufstieg

Der neue Trainer Jos Luhukay will eine Mannschaft formen, deren klares Saisonziel in der Zweiten Liga die sofortige Rückkehr in die Bundesliga ist. „Das wird ein sehr hartes Stück Arbeit“, sagt Luhukay. Dafür braucht es Druck, internen Konkurrenzkampf. Und viel Disziplin. Aber bleibt Raffael? Egal, wen man nach dessen Zukunft fragt, alle zucken mit den Schultern. Der Trainer hatte am Montag ein erstes ausführliches Gespräch mit seinem Star. Es sei sehr angenehm gewesen, berichtet Luhukay. Nur, ob Raffael „eine Woche bleibt oder einen Monat oder ganz bei Hertha bleibt – ich weiß es nicht.“

Bekannt ist, dass Hertha sehr gut eine große Transfereinnahme brauchen kann. Bekannt ist, dass diverse Klubs wie der FC Schalke, Borussia Mönchengladbach und auch Dynamo Kiew Interesse an Herthas Nr. 10 haben. Raffaels Berater Dino Lamberti würde seinen Schützling gern zum SSC Neapel vermitteln. Doch Herthas Manager Michael Preetz stellt fest: „Bisher gibt es keine Angebote für Raffael.“ Und Hertha denkt nicht daran, nach dem Bundesliga-Abstieg seinen Spielmacher herzuschenken. Es gibt eine klare Linie in der Geschäftsführung, sagt einer, der es wissen muss. Demnach wird Raffael nur abgegeben, wenn der Preis stimmt – sieben Millionen Euro, das ist die Größenordnung, in der der Klub mit sich reden lassen würde.

Transferfenster schließt Ende August

Nun sind es acht lange Wochen bis das Transferfenster am 31. August schließt. Gladbach und Kiew spielen noch in der Qualifikation zur Champions League. Aber bereits am 3./4. August will Hertha mit einem eingespielten Team in die Zweite Liga starten. Raffael selbst hält sich nach vier Urlaubswochen in seiner Heimat Brasilien bedeckt. „Ich weiß nicht, was passiert.“ So wie es aussieht, sagt er, „fahre ich mit Hertha ins Trainingslager.“

Seit Januar 2008 spielt er in Berlin. Raffael ist einer der besten Spieler, die je das Hertha-Trikot getragen haben. Und doch ist nicht eingetreten, was sein einstiger „Ziehvater“ Lucien Favre argumentiert hatte. Die 4,3 Millionen Euro Ablöse, die Hertha damals an den FC Zürich überwies, seien gut angelegtes Geld. Nach zwei, drei Jahren in der Bundesliga könne der Hauptstadt-Klub Raffael locker für das drei- oder vierfache an einen europäischen Topklub weiterverkaufen.

Familien-Traum mit Bruder Ronny

Zwar wollten nach Herthas Abstieg 2010 Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Sampdoria Genua den Herthaner verpflichten. Der wollte aber in Berlin bleiben, zumal Hertha ihm mit der Verpflichtung seines Bruders Ronny einen Familien-Traum erfüllte, dessen Charme er nicht widerstehen konnte.

Nun sind erneut zwei Jahre ins Land gegangen, Raffael ist mittlerweile 27 Jahre alt. Die Trainer-Nachfolger von Favre haben sich oft schwergetan, für Raffael eine Position zu finden. Mal wurde er auf der linken Außenbahn geparkt. Mal ins defensive Mittelfeld zurückgezogen. Ex-Coach Babbel wusste anfänglich gar nichts mit Raffael anzufangen und ließ ihn draußen. Zuletzt spielte der sensible Brasilianer im 4-2-3-1-System im offensiven Mittelfeld.

Raffael und die Komfortzone Berlin

Doch bei aller Qualität muss sich Raffael fragen, ob er alles aus seinem Talent macht. In 140 Liga-Spielen für Hertha hat er 30 Tore erzielt und 33 vorbereitet. Das ist eine gute, aber keine überragende Bilanz. Wenn Raffael sich auf höchstem Level beweisen will und ein entsprechendes Angebot hat: Dann muss der Profi, der manchmal zum Phlegma neigt, raus aus seiner Komfortzone in Berlin und das Abenteuer Champions League angreifen.

Für Luhukay heißt es, sich im Spagat zu üben. Einerseits knüpft der Trainer dort an, wo Favre einst aufgehört hatte. Der Coach sagt, er behandle Raffael wie jeden anderen Spielern, „als ob er bis auf weiteres bei uns bleibt.“ In der Taktik mit zwei Stürmern, die er mutmaßlich mit Hertha spielen wird, sieht Luhukay Raffael „hinter der Spitze mit allen Freiheiten ausgestattet.“ Gleichwohl weiß der Trainer um Herthas finanzielle Sorgen. „Der Präsident und der Manager waren sehr offen. Ich weiß, wie die wirtschaftlichen Gegebenheiten sind. Es kann passieren, dass wir ein oder zwei Leistungsträger abgeben müssen.“ Sollte Hertha irgendwo auf der Strecke bis zum 31. August mit Raffael sein Herzstück abgeben, wird der Trainer eine (günstigere) Ersatzlösung erhalten.

Bei aller Ungewissheit kann sich Luhukay dennoch an Details wie typisch deutschen Redewendungen erfreuen, Klar ist, in dieser sensiblen Phase, wo offen ist, wohin die Reise von Raffael geht, darf eines nicht passieren: Dass der Hochkaräter sich im Training eine schwere Verletzung zuzieht. Das wäre für Hertha, für Raffael und für alle Verkaufspläne ganz schlecht. Aber nein, sagt Luhukay, Raffael trainiere ganz normal mit. „Wir werden Raffael nicht, wie heißt es, in Watte packen.“