Als die deutschen Nationalspieler am Sonnabendmorgen beim Frühstück saßen, staunten sie nicht schlecht. Hereingeschlendert kam Guus Hiddink, früher Trainer der niederländischen Nationalmannschaft und heute für den russischen Klub Anschi Machatschkala zuständig. Der 65-Jährige macht ein paar Tage Urlaub in Südfrankreich. Ein bisschen Plaudern mit Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff war aber durchaus drin.

Es geht entspannt zu in Tourettes, wo sich die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes den Feinschliff für die EM holen will. Eine Woche relaxten die Spieler auf Sardinien, nun zieht der Bundestrainer an. Am Sonnabend bat Löw das Team gleich zweimal auf den Platz, der für die prominenten Trainingsgäste extra angelegt wurde. Und die Gruppe war im Vergleich zu den Tagen auf Sardinien nicht mehr verschwindend klein. Auf der Mittelmeerinsel hatte Löw teilweise nur mit neun Spielern arbeiten können, weil unter anderem die fünf nominierten Profis von Borussia Dortmund aufgrund des DFB-Pokalfinals fehlten. Gestern standen immerhin schon 16 Spieler auf dem Platz.

Bayern kommen erst am Freitag

Mit Sami Khedira und Mesut Özil von Real Madrid stoßen am Sonntag zwei weitere Profis zum erweiterten EM-Kader, in dem dann nur noch die acht Nationalspieler des FC Bayern fehlen. Sie kommen aufgrund des Champions-League-Finals gegen Chelsea und dem Freundschaftsspiel der Bayern am 22. Mai gegen die Niederlande erst am Freitag nach Südfrankreich.

Durch die Abwesenheit der Münchner ist Löw zwar immer noch gezwungen zu improvisieren. Allerdings bietet sich ihm die Möglichkeit, einen scharfen Blick auf die anderen Spieler zu werfen. Die wiederum haben die Chance, den Bundestrainer zu beeindrucken. Das gilt insbesondere für das Quintett von Meister und Pokalsieger Dortmund.

Die fünf Borussen Mats Hummels, Mario Götze, Marcel Schmelzer, Sven Bender und Ilkay Gündogan bilden nach den Bayern zwar die zweitstärkste Fraktion im Nationalteam. Doch im Kampf um die Plätze in der Startelf hatten Dortmunder in der jüngsten Vergangenheit bei wichtigen Länderspielen oft das Nachsehen. Wenn Löw vor der endgültigen Nominierung des EM-Kaders am 29. Mai noch einen Torhüter und drei Feldspieler streichen wird, sind mit Bender und Gündogan gleich zwei Spieler des BVB in der traurigen Verlosung. Nach dem Double der Dortmunder und zwei höchst erfolgreichen Spielzeiten in Folge stellt sich die Frage, warum die Meister bei Löw eigentlich kaum zum Zuge kommen?

Der Bundestrainer, das steht fest, hegt keine Ressentiments gegen die Dortmunder. Er weiß ihre Qualität zu schätzen, was die Nominierung von aktuell fünf Borussen untermauert. Doch nachdem Löw lange Zeit nach gutem Personal hatte Ausschau halten müssen, hat er seit zwei, drei Jahren ein eingespieltes Team, das er nur im Verletzungsfall oder bei gravierender Formschwäche eines Einzelnen verändert. Und der Erfolg mit einer EM-Qualifikation ohne Punktverlust gibt ihm Recht.

Das wissen auch die Verantwortlichen in Dortmund, die ihren nationalen Erfolg nicht nur deutschen Spielern zu verdanken haben, sondern vor allem dem Japaner Kagawa sowie den drei Polen Lewandowski, Piszczek und Blaszczykowski. Trotzdem betreiben sie Werbung in eigener Sache. „Ich glaube schon, dass unsere Jungs gerade in den letzten Monaten gezeigt haben, dass sie sehr gut mit Druck umgehen und konstant auf hohem Niveau spielen können“, sagte Dortmunds Sportdirekter Michael Zorc. Nach Auffassung von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke haben alle fünf Dortmunder gute Chancen, auch nach der Reduzierung des Kaders dabei zu sein: „Wir haben viel anzubieten. Nicht nur fußballerisch, sondern auch was Charakterfestigkeit angeht.“

Innenverteidigung größte Baustelle

Vor allem Innenverteidiger Mats Hummels kann sich gute Chancen ausrechnen. Denn der Bundestrainer hat in der Innenverteidigung derzeit die größte Baustelle. Die Münchner Holger Badstuber und insbesondere Jerome Boateng konnten zuletzt nicht immer überzeugen. Und Per Mertesacker war lange Zeit verletzt und trainierte auch am Sonnabend nur individuell im Hotel. Neben Hummels hat auch Marcel Schmelzer links in der Viererkette durchaus Chancen. Dort ist in der Nationalelf zwar Kapitän Philipp Lahm gesetzt. Doch wenn Löw keine gute Alternative für die rechte Seite findet, auf der sich seit Monaten kein Spieler behaupten kann, könnte Lahm wie schon bei den Bayern dorthin ausweichen.

Schon einige von Löws Vorgängern haben übrigens bei der Kaderzusammenstellung Spieler des amtierenden Meisters außen vor gelassen. Bei der WM 1954 ignorierte Sepp Herberger komplett die Spieler von Titelträger Hannover 96 und nominierte stattdessen gar fünf vom 1.FC Kaiserslautern, der im Finale gegen die 96er mit 1:5 verloren hatte. Zur EM 1988 nominierte Teamchef Franz Beckenbauer von Meister Bremen mit Uli Borowka und Gunnar Sauer nur zwei Spieler, zur WM 1998 nahm Berti Vogts mit Olaf Marschall gar nur einen Spieler von Meister Kaiserslautern mit.

Egal, wie sich Löw entscheidet: In Dortmund sind sie froh, dass ihre Spieler die verdiente Wertschätzung genießen. „Wer am Ende spielt, wird sich zeigen“, sagt Watzke, „aber davon unabhängig ist Löw der beste Bundestrainer, den es für Deutschland überhaupt geben kann.“