1:3 im Clasico

Wieder einmal wird Real von Barcelona vorgeführt

Real Madrid leidet weiter am Barcelona-Komplex. Jose Mourinho findet keinen Plan, um die Unterlegenheit seines Teams im Mittelfeld auszugleichen.

Victor Valdes hatte ein paar Tage vor dem Spiel ein Interview gegeben. Der Torwart des FC Barcelona sprach über den Einschüchterungsfaktor des Estadio Santiago Bernabeu, die unkalkulierbaren Stärken von Real Madrid und die Schwerstarbeit, die deshalb für einen Schlussmann zu verrichten sei. „Ich weiß nur eines: In das Bernabeu läufst du in dem Bewusstsein ein, dass dich eine Menge Stress erwartet.“

Tatsächlich dauerte es dann nur 22 Sekunden, bis sich der Stress zu einem Torwartalbtraum verdichtete. Ein haarsträubender Valdes-Fehlpass beförderte den Ball direkt zu Angel Di Maria, über zwei Karambolagen zu Karim Benzema und von diesem schließlich ins Tor. Es war der schnellste Treffer in 109 Jahren „Clasico“, das Spiel lag jetzt vor den Madrilenen wie eine Auslage kandierter Früchte. Ohnehin leicht favorisiert und in der Tabelle vorn, zehn Ligasiege in Serie im Rücken, frühe Führung, heimisches Publikum, die beste Kontermannschaft der Welt – wenn nicht so, wie und wann soll der Barcelona-Komplex besiegt werden?

Schockresistente Spielidee

Im nächsten Leben, vielleicht. In diesem machte sich Barcelona an die Arbeit. Begann Fußball zu spielen. Seinen Fußball. Tiki. Taka. So tief ist diese Spielidee in die blaurote DNA eingraviert, dass sie absolut schockresistent zu sein scheint. Die ersten längeren Kombinationen. Die ersten gefährlichen Soli von Lionel Messi . Die Pfiffe im Bernabeu immer ein bisschen leiser. Spätestens als der brillante Chilene Alexis Sanchez auf Vorarbeit des natürlich brillanten Messi nach einer halben Stunde den Ausgleich erzielte, folgte das Geschehen einem unausweichlichen Skript. Einer vorweihnachtlichen Prozession.

Immer andächtiger verfolgten die 80.000 Zuschauer den Monolog der Gäste. Madrid wurde degradiert zur Staffage; es hatte nie eine Idee, wie es daran etwas ändern könnte. Die Tore fielen glücklich wie bei Xavis abgefälschtem Schuss zum 2:1 (53.), sie fielen exquisit wie bei Fabregas’ von Messi und Alves glänzend vorbereitetem 3:1 (66.). Letztendlich stand es 3:1, und Barcelona tanzte, als ob es gegen eine dieser Mannschaften spielen würde, die nur hypnotisiert zuschauen, wenn Xavi und Iniesta, Messi und Fabregas, Busquets und Alves den Ball kreiseln lassen. „Es mag politisch nicht korrekt sein, das zu sagen“, kokettierte Sandro Rosell, Barcelonas Präsident, und sagte es dann doch: „Wir haben ihnen eine Abreibung verpasst.“

Valdes’ respektvolle Aussagen, sie waren am Ende nichts als höfliche Worte. Sein früher Fehler, nichts als eine Anekdote. Josep Guardiola, Barcelonas Trainer und Chefideologe, nahm sie als Symbol für die Identität seiner fußballhistorischen Elf, die den Ball lieber volley aus der Verteidigung nach vorn jongliert als ihn auch nur einmal auf die Tribüne zu dreschen. „Das perfekte Abbild ist, dass Valdes nach dem Gegentor nicht einen Befreiungsschlag gespielt hat“, erklärte Guardiola. „Andere Torhüter hätten das gemacht. Aber mir ist es lieber, er verliert diesen einen Ball und spielt weiter kurz von hinten raus.“ Als Guardiola sah, dass seine Abwehr sicherer wurde, stellte er früh von einer Vierer- auf eine Dreierkette um. Während des Spiels. In Madrid. Und sagte später: „Ich hätte gedacht, es wird schwieriger für uns.“

In solchen Bemerkungen ist die Demütigung von Madrid greifbar, in der Statistik ebenfalls. Dieses 3:1, es ist doch glatt Barcelonas höchster Auswärtssieg einer Saison, die für die Katalanen bislang nicht immer rund lief. Nun stehen sie wieder an der Tabellenspitze, punktgleich bei einem Spiel mehr zwar, aber egal wer den Titel diese Saison gewinnt, die gefühlte Hierarchie im spanischen Fußball wird sowieso in den „Clasicos“ verhandelt. Und da hat Real in der Liga keinen mehr gewonnen, seit Guardiola im Amt ist – bei 4:20 Toren in dreieinhalb Jahren.

Außer Torwart Casillas und dem starken Benzema gereichte am Samstag kein Madrilene seinem Team zur Ehre. Nicht Cristiano Ronaldo, dessen Verkrampftheit in großen Spielen sich wieder einmal darin manifestierte, dass er falsche Entscheidungen traf und Torchancen fahrig verschleuderte. Nicht Mesut Özil , dem vom überragenden Iniesta ein Oberseminar in dynamischem Kreativspiel erteilt wurde. Ob seiner blassen Darbietung musste der Deutsche nach einer knappen Stunde vom Platz, aber natürlich lag es nicht konkret an ihm und erst recht nicht an dem spät eingewechselten Sami Khedira, es lag an der ganzen Mannschaft, und deren größter Verlierer war deshalb – ihr Trainer.

Kein Fortschritt seit einem Jahr

Jose Mourinho hat es auf alle erdenklichen Weisen probiert, seit er Real trainiert. Er hat gestichelt und gezündelt, er hat mauern und treten lassen. Im Nachhinein muss anerkannt werden, dass er mit der Rambo-Methode aus dem vergangenen Frühjahr den Katalanen noch am nächsten gekommen ist. Rein sportlich ist Real heute ungefähr so weit, wie es bei dem 0:5 vorigen Herbst war. Mourinho findet nicht den richtigen Plan, um die Unterlegenheit seiner Mannschaft im Mittelfeld auszugleichen. Er findet keine Antwort, wenn Barcelona seine Elf, wie am Samstag, in eine Ansammlung von Einzelspielern zerpflückt.

Nach Spielschluss lieferte der Portugiese das größte Eingeständnis von Ratlosigkeit, das ein Trainer liefern kann: Er schob die Niederlage auf das Schicksal. „Das Glück hat heute den Unterschied gemacht“, sagte er. Das war natürlich Unsinn, aber was soll er schon sagen, was noch tun. Mal wieder hat Barcelona seine Einzigartigkeit dokumentiert, mal wieder ein Denkmal von Fußballspiel geschaffen. Am Sonntag soll dann der nächste Titel folgen, direkt nach Spielschluss bestieg die Mannschaft einen Flieger nach Japan, wo die Klubs den Meister einer Welt ausspielen, die nicht genug ist für dieses Barcelona.