André Schubert

St. Paulis Trainer machen die Spiele fertig

St.-Pauli-Trainer André Schubert spricht mit Morgenpost Online über extremen Druck, Schlaflosigkeit, eigene Launen und seine Aversion gegen respektlose Fotografen.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

André Schubert, 40, lebt den Fußball. Der Trainer des Zweitligaklubs FC St..Pauli, der einen Hang zum Perfektionismus nicht bestreitet, ist keiner, der während eines Spiels ruhig auf der Bank sitzen kann. Er treibt seine Mannschaft an, gestikuliert, fiebert mit, leidet. Und doch sei er heute ruhiger als früher, so Schubert – auch weil er sich jetzt völlig klar über die eigene Motivation sei.

Morgenpost Online: Herr Schubert, Sie haben gesagt, dass der Job des Trainers so schön sein könnte, wenn es die Spiele nicht gäbe. Wie ernst ist es Ihnen damit gewesen?

André Schubert: Ich habe das mit einem Lächeln gesagt. Wenn du gewinnst, ist es immer super. Es macht riesigen Spaß, du schwimmst auf einer Erfolgswelle. Läuft es nicht so, ist es anstrengend . Die gleichen Dinge fallen schwerer. Noch dazu ist es ein öffentlicher Job, der von allen bewertet wird.

Morgenpost Online: Wie läuft für Sie ein Punktspiel ab? Schildern Sie bitte, wie Sie die 90 Minuten am Spielfeldrand erleben.

Schubert: Man konzentriert sich auf seinen Job. Ich nehme es nicht wahr, dass mir mehr als 20.000 Zuschauer bei der Arbeit zuschauen . Ich will einfach gewinnen. Beim Einlaufen bekommt man die Stimmung mit. Aber wenn das Spiel läuft, konzentriert man sich darauf. Da schaut man, wo die Stärken des Gegners sind und wo dessen Schwächen. Du fragst dich, ob du noch an Stellschrauben drehen kannst, ob du Möglichkeiten findest, um den Spielverlauf positiv zu beeinflussen. Dann bist du so konzentriert, dass du nicht viel mehr mitbekommst.

Morgenpost Online: Und mit dem Schlusspfiff ist es noch nicht getan. Sie haben eingeräumt, dass Sie nach manchen Partien erst gegen 4 Uhr einschlafen können.

Schubert: Ja, das ist so. Da hast du noch so viel Adrenalin in dir, da gehen dir viele Dinge durch den Kopf, du bewertest vieles. Irgendwann schaltest du herunter und schläfst ein. Früher gab es Phasen, in denen mich Spiele über Tage hinweg beschäftigt haben. Auch unser 2:3 gegen Aue hat mich länger beschäftigt, das muss ich zugeben. Das dauerte zwei, drei Tage. Insgesamt geht das aber ganz zügig. Am Tag danach konzentrierst du dich bald auf das nächste Spiel.

Morgenpost Online: Sie nannten es einen Fehler, dass Sie Ihre Spieler zu sehr auf die Tabelle hingewiesen hätten. Warum?

Schubert: Man überlegt sich als Trainer, mit welcher Maßnahme man es schafft, die Spieler vor einer Partie in eine bessere Stimmungslage zu bringen. Da haben wir über die Chancen in der Tabelle gesprochen. Aber ich glaube, dass es besser ist, sich auf das Spiel zu konzentrieren und nicht auf die Tabelle. Du kannst nur drei Punkte holen, nicht mehr. Es ist wie ein Hindernislauf. Denkst du an das übernächste Hindernis, kann es sein, dass du beim nächsten auf die Nase fällst.

Morgenpost Online: Druck, Belastung; Erwartungshaltung – was haben Sie gedacht, als sich Ralf Rangnick vor kurzem aufgrund eines Burn-outs auf unbestimmte Zeit aus dem Trainergeschäft zurück zog?

Schubert: Es ist etwas, das ich nachvollziehen kann. Jeder Mensch ist anders, jeder geht mit Dingen anders um, da gibt es auch kein richtig oder falsch. Es ist nicht meine Grundmotivation, dass ich ein Bundesligatrainer werden will, dass ich unbedingt aufsteigen will oder dass ich in drei Jahren dieses oder jenes Ziel erreicht haben will. Meine Grundmotivation ist es, den Job so gut wie möglich zu machen. Als ich Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums war, habe ich mich um jeden Kram gekümmert. Vielleicht war es bei Ralf auch so, dass er alles perfekt machen wollte. Irgendwann hat der Tag nicht genügend Stunden, um alles schaffen zu können. Dann ist wohl der Punkt erreicht, an dem man ausbrennt.

Morgenpost Online: Vor knapp zwei Jahren nahm sich Robert Enke das Leben – gibt es seitdem im Profifußball einen offeneren Umgang mit menschlichen Schwächen?

Schubert: Das betrifft nicht nur den Fußball. Dort ist es nur so, dass die handelnden Personen unglaublich im Fokus stehen. Unser Leben ist durch Handys, Internet, Facebook öffentlicher, schneller geworden. Es hat eine unglaubliche Dynamik angenommen. Da gilt es aufzupassen, dass du dich nicht vom Leben überholen lässt.

Morgenpost Online: Mussten Sie sich zur Gelassenheit zwingen?

Schubert: Ich glaube, dass es bei mir besser geworden ist. Das war schon in den vergangenen Jahren so. Und ich denke, dass es – seitdem ich bei St..Pauli arbeite – nochmals besser geworden ist. Früher war ich ungenießbar. Wenn ich daran denke, was ich als Trainer im Nachwuchsbereich gemacht habe, wie Spieler unter meinen Launen leiden mussten, dazu diese Gedanken, die ich mir gemacht habe im Streben nach dem maximalen Erfolg – das ist Wahnsinn. Irgendwann wirst du ruhiger. Komischerweise ist es bei mir so gewesen, dass mich der Job im Profifußball ruhiger hat werden lassen.

Morgenpost Online: Sie haben sich aber zum Beginn dieser Saison öfters darüber beschwert, dass Fernsehteams Sie gefilmt haben oder dass Sie während der Pressekonferenzen fotografiert wurden.

Schubert: Natürlich muss ich damit leben, dass ich ständig fotografiert und gefilmt werde. Aber: Es kommt auf die Situation an. Wenn wir eine Pressekonferenz haben und ich mit den Journalisten spreche, dann habe ich es ungern, wenn da jemand permanent Fotos schießt. Ich möchte mich dann auf das Gespräch konzentrieren, das hat für mich etwas mit Respekt zu tun. Ich finde es respektlos, wenn diese Kommunikation gestört wird. Wenn ich am Spielfeldrand stehe, möchte ich meinen Job machen. Wenn kurz vor der Partie plötzlich Fotografen hinter mir stehen und mir sagen, dass ich mich doch bitte einmal umdrehen und die Kappe vom Kopf ziehen möge, finde ich das unmöglich. Ich bin kein Fotomodell, ich will meine Arbeit machen. Dann möchte ich in meiner Tätigkeit als Trainer nicht gestört werden. Ich bin jemand, der dann sehr deutlich werden kann. Wenn ich etwas blöd finde, dann sage ich das. Das kann man sicherlich etwas subtiler machen, als ich es mache.

Morgenpost Online: Verspüren Sie trotz der Anspannung bei der Aussicht auf das Heimspiel gegen Düsseldorf große Vorfreude?

Schubert: Wenn man mich in einem Spiel sieht, kann man nicht ernsthaft von Genuss sprechen. Ich würde sehr gerne nur mit der Mannschaft arbeiten, denn die Spiele machen mich fix und fertig, das ist eine extreme Anspannung. Nein, da kann ich nicht sagen: „Ich genieße das."