Kolumne "Querpass"

So wird aus Huntelaar nie ein Boninsegna

Am 9. Spieltag zeigte sich wieder einmal, wie schwer es die Schiedsrichter mit den Fußballprofis haben. Denn häufig genug spielen die den "sterbenden Schwan".

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

Um dem kulturellen Höhepunkt dieses Bundesliga-Spieltages gerecht zu werden, blättern wir kurz in Wikipedia und lesen: „Der sterbende Schwan ist ein ausdrucksvolles Tanzsolo des Choreografen Michel Fokine für die Primaballerina Anna Pawlowa, zur Musik des Cello-Solos Le Cygne aus Le carnaval des animaux (1886) von Camille Saint-Saëns. Die Länge beträgt gut drei Minuten.

Als parodistische Bezeichnung steht der sterbende Schwan außerdem für ein vorgetäuschtes Foul im Fußball.“ Und schon sind wir auf Schalke .

Dort hat der Schiedsrichter Peter Sippel am Samstag exakt diese besagten drei Minuten nachspielen lassen, die sich Jose Manuel Jurado, der virtuose Königsblaue, für seinen geschmeidigen Tanz auf der Bühne des Fußballtheaters genommen hatte.


Jurado sinkt darnieder

Da war zunächst diese unnachahmliche Nummer im Mittelfeld. Es stand 0:1, die Schalker waren einen weniger, also nahm Jurado Anlauf, rannte einem Lauterer frontal an die Brust, stürzte wie von der Axt getroffen nieder und lag so regungslos da, dass schon Rufe laut wurden nach einem Priester für die letzte Ölung. Sippel war aber noch nicht ganz überzeugt und hat, für die B-Note in puncto Ausdruckskraft, den Spanier noch mal vortanzen lassen.

Ohne Cello-Musik, dafür umso mehr auf der Woge des Pfeifkonzerts ist Jurado also bei der nächstbesten Gelegenheit in den Strafraum des 1. FC Kaiserslautern eingedrungen, hat den Ball an Rodnei vorbeigekickt, sich bei dem armen Kerl untergehakt – und am Ende auf umfallende Art hingelegt. Jetzt war Sippel zufrieden.

Dass der Spanier weniger vom Gegner als von der magnetischen Anziehungskraft des Elfmeterpunkts niedergerissen wurde, tat seinem Pfiff keinen Abbruch: Strafstoß, Platzverweis, Tor.

Schiedsrichter haben es schwer. Vor allem solche, die im Gegenwind wackeln. Ein alter Profi wie Jurado hat ein Näschen für Schiedsrichter, denen es in der Hose mulmig wird. In der ersten Halbzeit war Sippel noch mutig, zu mutig. Der Platzverweis des Schalker Torwarts Fährmann war des Roten zuviel.

Hat sich Sippel, um mittels Konzession wieder seine Ruhe zu haben, nach dem Sturzflug von Jurado gesehnt? Sagen wir es mit Dr. Markus Merk : Ein Schiedsrichter, weiß der „Sky“-Oberschiedsrichter und Altmeister an der Pfeife, muss unter Druck „Persönlichkeit beweisen“.

Stattdessen kriecht so mancher zu Kreuze vor der hohen Schule der Schauspielkunst – und belohnt diese sterbenden Schwäne, die sich das gesündeste Knie mit einer Eiswolke einsprayen lassen, sich verwundet am Boden krümmen und wie am Spieß nach dem Doktor brüllen, als sei alles gebrochen, vom Schien- bis zum Schambein.

20. Oktober 1971

Diese Woche müssen wir daran besonders denken – denn zum 40. Mal jährt sich der traurigtolle Tag, an dem Günter Netzer sich als King vom Bökelberg die Krone gab und das Spiel seines Lebens machte. Das heißt: Hat es wirklich stattgefunden? Wir suchen und finden es nicht. In den offiziellen Annalen: nichts.

Dort steht unter Europacup der Landesmeister 1971/1972 nur: Borussia Mönchengladbach – Inter Mailand Hinspiel 2:4, Rückspiel 0:0. Kein Wort von einem 7:1. Auch das Fernsehen weiß von nichts: Nein, so ein Spiel ist nie übertragen worden. Alles nur Fantasie? Ein Phantomkick? Gut, dass es 27.500 Zeugen gibt. Sie waren am 20. Oktober 1971 da – und haben, während der Bildschirm schwarz blieb (die Übertragung des Jahrhundertspiels ließ die ARD wegen ein paar Tausend Mark platzen), alles mit eigenen Augen erlebt, den Sturmlauf und die MG-Salven von Heynckes, Le Fevre, Netzer und Sieloff auf den Weltcupsieger.

Der wurde überrollt von „einem vernichtenden Nibelungen-Angriff“, wie der Reporter von „La Stampa“ nach Hause telefonierte – nur ein Ausfall des Flutlichts hätte Inter retten können.

Oder der Wurf einer Cola-Dose.

Der Lagerarbeiter Manfred K. (29) hat sie irgendwann geworfen und den Torjäger Boninsegna getroffen, beim Einwurf. Der Rest war Mailänder Scala, also große Oper. Die Dose war leer, aber die Wirkung erstaunlich: So, wie sich Roberto Boninsegna auf der Trage wegschleppen ließ, musste er tot sein. Aber tot waren nur die Gladbacher Träume.

Pirouetten und Überschläge

Das 7:1 wurde annulliert – und Netzer fasste seinen Frust in fünf Worte: „Das war schamlos und primitiv.“ Dass die deutsch-italienischen Fußballbeziehungen danach immer spannend blieben, liegt auch am heutigen Bayern-Boss und früheren Inter-Star Kalle Rummenigge, seit der sich bezüglich des italienischen Standardbegriffs „Furbo“ mit der Deutung zitieren ließ: „Furbo bedeutet clever sein, den anderen über den Tisch ziehen. Das spiegelt ein bisschen die Mentalität des Volkes wider.“

Allerdings spiegelt es, geben wir es großzügig zu, immer öfter auch ein bisschen die Mentalität der Bundesliga wider, unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit der Umkippenden. So federleicht wie der Spanier Jurado fällt auch der BVB-Kroate Perisic in sich zusammen, der seinen Platzverweis in Bremen dieser Tage mit dem dramatischen Andeuten einer invaliditätsreifen Verletzung zu verhindern suchte – oder wie unser kleiner Marko Marin, der im selben Spiel mit Pirouetten und Überschlägen aller Art den Scheintoten gab.

Ja, auch wir Deutschen wissen, dass so ein kleines, sterbendes Schwänchen den großen Unterschied ausmachen kann zwischen Sieg und Niederlage – im WM-Finale 1990 gegen Argentinien stünde es heute noch 0:0, wenn Rudi Völler nicht kurz vor Schluss im Strafraum wie aus dem Nichts brutal hingestürzt wäre, und Bernd Hölzenbein sind wir jetzt noch dankbar dafür, dass er das ausgestreckte Bein von Wim Jansen im WM-Endspiel ’74 nicht hat links liegen lassen.

Die Niederländer sind überhaupt die einzigen, die nicht auf der Bühne, sondern aus der Reihe tanzen. „Respekt!“ hat jedenfalls Merk auf Schalke Klaas-Jan Huntelaar zugerufen. Kinderleicht hätte der königsblaue Kanonier sich beim Duell mit dem FCK-Torwart Trapp hinlegen können, mit anschließendem Platzverweis samt Elfmeter – aber aufgrund eines Rückfalls ins uralte Fair Play hat er die Chance verpasst, die große Oper vom fliegenden Holländer aufzuführen. So wird Holland nie Weltmeister – und aus Huntelaar nie ein Boninsegna.